Warum Beirut war nie die Frage, warum nicht dachte ich mir als ich mit Michaela skypte. Es war Anfang September und ich war mitten in
einem Projekt, das mich bis Mitte November beschäftigen sollte. Michaela, eine meiner besten Freundinnen, war seit zwei Wochen in Beirut, für 4 Monate wurde sie
von ihrer Firma in den Libanon entsandt als Teil eines branchenerweiternden Expertenteams. Dass ich Urlaub brauchen würde wusste ich, mehr noch nicht.
So buchte ich mir spontan den Flug, 2 Wochen Beirut ab Ende November. Michaela besuchen, an meinem Skript schreiben und ein neues Land entdecken.
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Die Gedanken an die Reise verschwanden wieder im Hinterkopf, die Arbeit liess nicht viel psychische Vorbereitung zu. Als es soweit war, der Arbeitsstress abfiel und der Abflug kurz bevor stand kamen sie dann wieder, Gedanken an das, was mich wohl erwarten würde. Welche Temperaturen dort überhaupt herrschen, ob ich ein Visum brauche, welche Währung ich wechseln müsste, ob die Sorgen der Anderen gerechtfertigt seien. Vielleicht war es naiv mit blinder Zuversicht in ein Land wie dem Libanon zu fliegen, ich machte mir allerdings keine Gedanken. Ein komischer Anflug von Esoterik liess mich glauben, an mein Bauchgefühl und Schicksal. Die Einreise gestaltete sich viel leichter als erwartet und ehe ich mich versah saß ich im Taxi, Stempel im Pass und Dollars in der Tasche, auf dem Weg vom Flughafen in das Herz Beiruts.
Vor Ort entstandene, anfängliche Nervosität verflog innerhalb der ersten 2 Tage, auch drohende Ausschreitungen und die zahllosen Militärs mit Maschinengewehre an jeder Ecke wurden schnell Alltag und nicht weiter beunruhigend. Es gibt Ecken Berlins, in denen man sich unsicherer fühlen muss. Durch Michaela waren wir immer mit arabisch Sprechenden unterwegs, was Situationen mit Taxifahrern, Militärkontrollen und Clubbesitzern wesentlich erleichterte. Aber auch alleine auf Streifzug durch diese neue Welt erlebte ich nur tolle Begegnungen, nette und hilfsbereite Menschen und fühlte mich durchwegs wohl, nie bedroht. Einzig das fotografieren gestaltete sich schwerer als gedacht, meine große Spiegelreflexkamera wirkte anscheinend zu journalistisch, zu hoch war die Gefahr dass meine Bilder Spionagezwecken dienen sollten. So musste ich mehrfach auf Tourist plädieren, wenn das Maschinengewehr eines Militärs im Sucher auftauchte, den Blick auf ein scheinbar unbedeutendes Haus versperrte und mir arabisch ins Ohr gebrüllt wurde.
Ich verbrachte letztendlich 2 Wochen in absoluter Begeisterung, verzaubert von den tollen Menschen und Orten die ich kennenlernen durfte, überflutet von neuen Eindrücken. Nur ab und an weckte entferntes Feuerwerk oder ein Gewitter die Erinnerung daran, dass ich mich in einem Land befand, dass erst vor kurzem noch vom Bürgerkrieg gebeutelt wurde und dessen stärkste Macht von den Amerikanern als Terrorgruppierung eingestuft wird. Dass die Hisbollah die Stadt innerhalb von 2 Stunden übernehmen könnte und die Eintragung der in Beirut befindlichen Deutschen bei der Botschaft nicht viel nützen könnte.
Pläne wiederzukommen wuchsen in meinem Kopf schon vor meiner Abreise heran. Vielleicht Anfang des neuen Jahres schon.
Snowboarden im Libanon, mal was anderes als Österreich.
(Text & Fotos: Kaspar Lerch)

Polak ist ein komischer Jude. Ja, Sie haben richtig gelesen: Oliver Polak ist ein komischer Jude.
Aber vielleicht lesen Sie diesen Satz auch falsch. Ich meine nicht, dass Oliver Polak ein komischer Jude ist, so wie man vielleicht denken könnte,
dass Michel Friedmann ein komischer Jude ist. Nein. So meine ich das nicht. Oliver Polak ist witzig oder wenn ihnen das lieber ist: Oliver Polak ist lustig.
Manchmal muss man die bittere Pille halt schlucken um lachen zu können und so ist es nicht verwunderlich, dass Oliver Polak mehr an die selbstreferentielle
Incorrectness eines Woody Allens oder einer Sarah Silverman erinnert, als an den biergeschwängerten deutschen Stammtischklamauks eines Mario Barth.
Polak ist schwarzhumorisch und selbstironisch und freut sich auch schon mal darüber, dass er in England auch einfach mal Deutscher sein kann. Denn Jude sein ist manchmal wirklich anstrengend. Da kommt es gelegen auch mal einen Song zu machen, der das eigene Leid persifliert: "Lasst uns alle Juden sein" heißt dieser Song, den Polak zusammen mit Erobique aus Hamburg aufgenommen hat. Und wie es sich für popkulturelle Kommunikation gehört, gibt es jetzt auch ein Video zu diesem Song, in dem sich unter anderen Malermeister Daniel Richter (der etwas gelangweilte Typ am Keyboard) und Hamburger Schule-Mastermind Dirk von Lowtzow die Ehre geben. Letzterer gibt dem Ganzen den letzten humoristischen Schliff: "Ich möchte Teil einer Judenbewegung sein". Na dann, lasst uns alle mal Juden sein.
Oliver Polak trägt gerne bequeme und gerade geschnittene Jogginghosen. Natürlich solche mit den drei Streifen. Dazu Turnschuhe, Kapuzenpulli und Jacke. Er sieht immer so aus, als müsste er eigentlich gleich weiter und als sei ihm das alles etwas unangenehm. Doch unangenehm wird es erst einmal für das Publikum, denn der Panda aus Papenburg geht gerne mal an die Grenzen und stellt sich die wirklich wichtigen Fragen, denen sich ein deutscher Jude heutzutage stellen muss: Wie feiert man am selben Tag Mauerfall und Reichsprogromnacht und in welchem Kostüm? Oder taugt "Meine Oma ist in Auschwitz gestorben" als Anmachspruch? Fragen, die sich keiner zu stellen traut und die Polak beantwortet. Ohne falsche Scham. Unbekümmert. Extrem komisch.
Spätestens wenn Oliver Polak einem Türken versucht zu erklären, wie man jüdische Stand-Up-Comedy macht oder er erzählt wie eine Frau ihn mal fragt: "Sie sind ja Jude. Kann man davon eigentlich leben?", spätestens dann wird klar, dass hier jemand auf der Bühne steht, der aus einer ganz anderen Generation wie Henryk M. Broder stammt und der seine ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse einfach so in den popkulturellen Echoraum hinausposaunt. Und weil grandiose Selbstüberschätzung zu dieser Generation und zum Handwerk eines jeden guten Comedian gehört, verschont uns Oliver Polak auch nicht mit seinen Sangeskünsten: "Lasst uns alle Juden sein" heißt dieses zusammen mit dem Hamburger Indietronic-Helden Erobique produzierte Stück elegischer Verantwortungsmusik, welches das Leben feiert und das Publikum in einen kollektiven Rausch versetzt. Plötzlich ist man mittendrin und feiert seine eigene Bar Mitzwa. Eine solche Show hat es in Deutschland noch nicht gegeben, denn Polak bricht Tabus wie Bulimiker ihr Essen und gibt Deutschland damit etwas wieder, von dem man glaubte, es wäre diesem Land verloren gegangen: Jüdischen Humor. Dabei muss er nicht intellektuell sein um aufklärerisch zu wirken. Manchmal bringen einen die vermeintlichen kleinen Erkenntnisse des Lebens weiter: Es ist nicht einfach Frauen ins Bett zu quatschen, da hilft dir auch der Holocaust nicht weiter.
Das Live-Programm von Polak ist soeben als CD erschienen: "Jud Süß-Sauer. Die Show" heißt das gute Stück und ist überall im Handel erhältlich.
Wir verlosen 2 Exemplare, einfach bis zum 15. Dezember eine Mail mit dem Betreff "ich will auch Teil ener Judenbewegung sein" an verlosung[at]blank-magazin.de schicken und Glück haben. Rechte Wege sind natürlich ausgeschlossen.
(Text: Johannes Finke, Foto: Gerald von Foris)

Am 9.12.2010 um 20h eröffnet in der Sichtbar Hamburg (Am Fischmarkt) die einzige Ausstellung des Künstlers CRIS ALEXIS in
Deutschland 2010 (bis zum 31.12.2010). CRIS ALEXIS gilt als einer der jungen wilden und meidet die Öffentlichkeit. Seine Bilder zieren bisher Wände von
Rapstars, Schauspielern und Sammlern und werden bisher nur unter der Hand verkauft. Zur Vernissage spielt die Berliner Combo BAND DEUTSCHER MÄDELS um den
ehemaligen Teeniestar Hendrik Martz ("Patrick Pacard"), die in den letzten Jahren zu einer der Szene-Bands Berlins avancierten und u.a. bereits bei einem der
legendären Neujahrskonzerte in der Volksbühne spielten.
Termine:
Eröffnung am 09.12.2010 Hamburg, Sichtbar 20h
Ausstellungsdauer: bis zum 31.12.2010

Plötzlich war es da, das rot-goldene Farbenspiel in den Straßen, der Herbst war in die Stadt gekommen und mit ihm 40.000
Galeristen, Künstler, Kunstsammler und alle, die sich sonst noch so zu dem Dunstkreis der Kunst zählen. Bereits zum 15. Mal pilgert diese illustre
Gesellschaft nun zu den grauen Hallen des Messegeländes. An der Peripherie der Stadt, zwischen Autobahnzubringern, Busbahnhöfen und griechischen All You Can
Eat – Imbissen versammelt sich der Kunstbetrieb, in dem wohl einzigen Gebäude weit und breit, dessen architektonischer Anspruch über den der reinen
Funktionalität hinaus geht. In diesem Jahr wurden die jungen Galerien aus dem Sektor Fokus in die Hauptausstellung integriert und nicht wie in den letzten
Jahren separat behandelt. Aber die wohl größte Neuerung stellte hingegen die Kooperation mit der abc art berlin contemporary dar.
Oft als kleiner Bruder des Art Forums missverstanden ist die abc genau eines nicht, und zwar eine klassische Kunstmesse. Mit einem Format, das zwischen Gallery Weekend und Ausstellung changiert, liegt ein großer Unterschied vor allem in der Themenbezogenheit der abc. Das mag zunächst einmal nicht verwundern, da die Initiatoren der abc auch die Gründer des jährlich stattfinden Gallery Weekends sind und damit bereits erheblich zur Berliner Kunst- und Kulturlandschaft beigetragen haben.
Das flexible Konzept der abc hat sich die letzten drei Jahre bewährt: jedes Jahr ein anderes Motto und ein anderer Ort. Durch diesen damit einhergehenden Prozess der Selbstreflexion gewährt die Ausstellung ein stetiges Anpassen an aktuelle Strömungen und Entwicklungen im Kunstbetrieb. Auch in diesem Jahr hat sie den Anspruch verfolgt, gegenwärtige Tendenzen im Kunstbetrieb nicht einfach nur abzubilden sondern zu hinterfragen und zu analysieren. Mit dem diesjährigen Thema light camera action lag der thematische Fokus auf dem Verhältnis zwischen Kunst und Film. Wie selbstverständlich wird das Medium Film in der zeitgenössischen Kunst verwendet, das Verhältnis zwischen Film und anderen Darstellungsformen kommt dabei in den meisten Fällen zu kurz. Der Film kann uns eine neue Perspektive auf unsere Umwelt gewähren, so zum Beispiel in Frank Stürmers Videoinstallation: In Untitled (Gondol) beobachtet man als Zuschauer das Geschehen eines Jahrmarkts von einem Riesenrad aus. Szenen, die zunächst belanglos und alltäglich wirken, offenbaren nur nach wenigen Sekunden der Beobachtung ihren Wert. Das vermeintlich banale wird einmalig und essentiell, die Riesenradfahrt zu einem ethnologischen Exkurs, der uns unsere Umwelt und die Menschen um uns herum näher bringt. Wo es Stürmer gelingt, uns durch das Medium Film, die Welt näher zu bringen, erinnert uns Julien Previeux mit ihrem Film Post-Post-Production an die Prozesse, die unsere Realität konstruieren. Die Masse an Informationen, die wir tagtäglich erhalten, ist zum großen Teil medial vermittelt. Wir beziehen unser Wissen über die Welt aus Fernsehen, Internet, Film und Fotografie. Der Prozess der Post-Post-Production offenbart die Manipulierbarkeit dieser Informationen und lässt uns an dem Gesehenen zweifeln. Daraus ergibt sich konsequenterweise ein Diskurs darüber, welche Ausstellungsformate zeitgenössische Kunst benötigt, damit sie in ihrer ganzen Komplexität rezipiert werden kann. Werden Skulpturen und Gemälde vor allem betrachtet, ist die Rezeption eines Filmes weitaus komplexer und benötigt in den meisten Fällen mehr Zeit und eine intensivere Beschäftigung mit dem Kunstwerk. Aus diesem Grund steht bei der abc das Werk des Künstlers im Vordergrund, nicht wie bei Messen sonst üblich die Galerien mit ihren zahlreichen Künstlern. Das Kunstwerk als Ganzes zu betrachten und nicht als einzelnes, aus dem Werk herausgelöstes Objekt, ist ein Anfang, um der Komplexität und Vielschichtigkeit der zeitgenössischen Kunst näher zu kommen. Die zeitgenössische Kunst benötigt diese Aufmerksamkeit und das Wissen über eine Bandbreite von Arbeiten, um verstanden zu werden. Das Ausstellungsformat der abc ist damit weitaus zukunftsweisender als die klassische Darstellungsform des Art Forums.
(Antonia Märzhäuser)

Hamburg – einstmals und zukünftig von Cosma Shiva Hagen
Seit über zehn Jahren lebe ich in meiner sogenannten Wahlheimat Hamburg. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen:
"Und das ist auch gut so!". Denn seit geraumer Zeit werde ich mit ungläubigen, verdutzten Gesichtern bestraft, wenn ich zu der Frage nach meinem Wohnsitz mit
"Hamburg" antworte.
Ich denke nicht, dass es daran liegt, dass die meisten Menschen Nina Hagen mit Berlin assoziieren, sondern daran, dass es den meisten Menschen schier
unmöglich erscheint, als Schauspielerin und als Kunsthaus-Betreiberin in Hamburg zu überleben.
Muss man als Künstler in Berlin angesiedelt sein?
Die Presse überschlägt sich dieser Tage mit Meldungen über Künstler von Lindenberg bis Westernhagen, die dieser Stadt den Rücken kehren, weil der Reiz verloren gegangen ist und sie sich von der kreativen Szene Berlins angezogen fühlen. Dann liest man bahnbrechend intelligente Sätze wie "Hamburg darf im Wettbewerb um die besten Künstler und Events nicht den Anschluss verpassen"…! …? Nur, wer soll da helfen? Die Behörden? Bürokratisches Kulturschaffen geht meist in die falsche Richtung und oft am Publikum vorbei. Bedauerlicherweise hat noch niemand begriffen, dass es die Künstler, Musiker und Clubbesitzer sind, die die kulturelle Vielfalt einer Stadt gestalten und auch leben. Rücksichtsloser Umgang mit dem Nachtleben hat schon in anderen Städten dazu geführt, dass die Clubszene stirbt und es an geeigneten Venues mangelt.
Wenn man die Themen "Subkultur Hamburg" oder "Clubsterben Hamburg" bei Google eingibt, wird man von einer Welle der Entrüstung und Panik überflutet. Dieses alarmierende Thema scheint grenzenlos und ein leises Flüstern wird langsam aber sicher zu einem hysterischen Anfall. Diskussionsforen sprudeln über, wenn es um die Clubs am Verkehrsknotenpunkt oder inzwischen Kulturknotenpunkt Sternbrücke geht, die bis zum Ende des Jahres 2009 das Feld für geplante Renovierungen der Deutschen Bahn räumen müssen. Dass die Frist für dieses Vorhaben nun bis 2014 verlängert wurde, tut der allgemeinen Panik verständlicherweise keinen Abbruch, denn beispielsweise der Waagenbau hat eines der abwechslungsreichsten Programme für alle Nachtschwärmer von Live Events bis zu Hip Hop, Elektronik und mehr.
Das Ende des Waagenbaus und den umliegenden Clubs würde fast schon Münchener Verhältnissen gleichen… Das hört sich vielleicht übertrieben an, ist es aber keineswegs, wenn man bedenkt, dass die Staatsförderung der Elbphilharmonie von 70 Millionen auf 323 Millionen gestiegen ist und eine Plattform für eine Minderheit bietet. Ich will damit nicht sagen, dass die Elbphilharmonie überflüssig wäre! – Aber das Geld und vor allem die Energie, die investiert wird, beispielsweise in Akustiker, Architekten, Anwälte, Pläne und Gedanken, ist im Vergleich zu laufenden, um Hilfe ringenden Institutionen Hamburgs geradezu lächerlich. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise wird gespart und an anderen Ecken wird geprasst. Die kleinen Clubs sterben, Arbeitsplätze gehen flöten, Existenzen werden ruiniert und es gibt keine vernünftige Förderung für Musik-, Club- und Kunstliebhaber im Alter von 20 bis 50 Jahren – also rund 70 Prozent der Gesellschaft.
In der Vergangenheit gab es keinen guten Club ohne Gerüchte über eine Schliessung, sei es beispielsweise wegen finanzieller Probleme wie im relativ kleinen Molotow, wo Bands wie Mando Diao, Billy Talent, The White Stripes und andere ihre ersten Hamburg-Konzerte vor kleinem Publikum hatten. Anderswo ist die Lautstärke problematisch oder es gibt Querelen mit den Behörden. Fakt ist: Jede Schliessung beschneidet und unterdrückt die kulturelle Vielfalt der Stadt. Es ist mir ein Rätsel, warum es von der Stadt keine Förderung für die lebenswillige eigenständige (Sub-)Kultur Hamburgs gibt und man sich gleichzeitig darüber wundert, dass viele Künstler, die hier leben, das Weite suchen, obwohl Hamburg als so weltoffen gilt. Möglicherweise bin ich bei diesem Thema ein wenig emotional aber ich glaube zu wissen, wovon ich spreche.
In einem Anflug von Idealismus und Naivität habe ich im Mai 2009 die "Sichtbar" eröffnet. Ich wollte im Rahmen einer Nachtclub-Galerie eine Plattform für Künstler aller Art schaffen und stellte mir das Ganze als eine endlose kreative Party vor. Schnell begriff ich, dass 80 Prozent der Arbeit das bürokratische Umkämpfen der eigenen Rechte darstellt. Andere Clubbesitzer sagten mir nur mit einem wissenden, müden Lächeln "Willkommen in der Gastronomie".
Es ist fast unmöglich, mit Musikclubs Geld zu verdienen. Abzüglich der Personal- und Technikkosten, Abgaben an die Künstlersozialkasse oder die GEMA-Gebühren, Quellensteuer usw. bleibt letztendlich meist nichts übrig. Ich las in einem Interview mit Karsten Schölermann, der seit mehr als 30 Jahren das "Knust" betreibt und 2001 umziehen musste, um drei Jahre später im Schlachthof ein neues Domizil zu finden: "Musikclubs gibt es nur, weil es Selbstausbeutung gibt, wir werden einem Tarif zugeordnet, der für Tanzmusik in Hotelfoyers geschaffen wurde, machen aber keine Unterhaltung sondern Präsentation, bilden Nachwuchs aus, auch den der GEMA, und werden dafür bestraft."
Es gibt kaum eine Verhältnismäßigkeit bei der Wahrung der Rechte der Anwohner vs. der Rechte der Kulturschaffenden und Genießenden, grosses Beispiel dafür ist die Geschichte von Leila Pantel, Bossanova-Sängerin aus Hamburg, die um 23 Uhr bei einem Live Konzert am Hamburger Berg wegen einer einzelnen Beschwerde von der Polizei gestoppt wurde… Und wir sprechen hier von leisen Bossanova-Tönen, nicht von einem Subwoover, 150 bpm und elektroakustische Verstärkung! Ich wage zu bezweifeln, dass die Geräuschkulisse am Hamburger Berg durch die Beendung des Konzerts in irgendeiner Weise geschmälert wurde. Im persönlichen Miet- und Wohnrecht sind 2 Stunden täglich für eine "laute" Beschäftigung – beispielsweise das Üben eines Instruments – erlaubt. Gastronomisch und gewerblich sieht es da leider anders aus. Eine einzige Beschwerdeperson kann den ganzen Saal stoppen.
Um ein anderes sehr gutes Beispiel für Behördlichenwahn ohne Sinn zu erklären, erzählt man sich in Hamburg gerne das Schanzenviertel-Märchen: "Es war einmal, vor sehr langer Zeit ein unentdecktes Land, wo alles schöne bald verschwand…"
Im März 2009 explodierten die Mietpreise im Schanzenviertel und alt eingesessene Bewohner und Ladenbetreiber mussten sich in Staub auflösen. Läden, die seit jeher dort angesiedelt waren, mussten sich von neuen Läden verdrängen lassen. Peter Haß, 63-jähriger Robin Hood der Schanze, der seit mehr als 30 Jahren dort lebt und als Mitglied des Bürgerzentrums "Centro Soziale" für den Erhalt des Viertels kämpft, sagte: "Wenn das so weiter geht, haben wir bald nur noch Schicki-Micki-Läden und -Ketten hier, die im Zentrum der Stadt schon mehrfach zu finden sind."
Wenn man die Besonderheit eines Stadtteils ausdrücken will, würde man vielleicht auch den Ausdruck "das gewisse Etwas" benutzen. Entweder man hat es, oder man hat es nicht! Die Ausstrahlung kommt von innen! Geographisch gesehen kann man also sagen, dass das Innere des Schanzenviertels die Menschen sind, die dort leben, arbeiten und etwas kostbares erschaffen – man könnte auch sagen, sie erschaffen gemeinsam die Seele des Viertels.
Hamburg hat diese Seele an den Teufel verkauft. Seither erhofften sich nicht nennenswerte Firmen, dass sich durch ihre bloße Anwesenheit im "Schanzenhimmel" wenigstens ein bisschen dieser sogenannten Seele abfärbt. Aber das Gegenteil war der Fall! MANN KÖNNTE ES AUCH ALS IRONIE DES SCHICKSALS BEZEICHNEN, dass man sich tatsächlich darüber wundert, dass die vor Diebstahl schützende Glasscheibe vorm Laden keine 24 Stunden hält und der Nachbar nichts abbekommen hat. Erleichtert stellt man fest, dass "zum Glück nichts geklaut wurde" und ein Wink mit den Zaunpfeil wird zu einer Geschichte voller Missverständnissen… Denn niemand, der durchs Schanzenviertel läuft, braucht diese kommerziellen Läden. Die einzigen, die darunter leiden, sind die Ureinwohner die nun Gast im eigenen Land sind, oder Punks, die für alles schlechte verantwortlich gemacht werden, weil man der Meinung ist, dass "sonst niemand Interesse daran haben könnte, etwas zu beschädigen".
Warum also lässt Hamburg das zu? Unwissenheit? Ignoranz? Habgier? Vielleicht eine Mischung aus all diesen Dingen. Der rettende Prinz heißt "Macciato-Stop" und soll im kommenden Jahr mit einer Schutzverordnung mehrere Szeneviertel vor dem Untergang bewahren. Mitte 2011 soll eine Verordnung in Kraft treten, die die angestammte Bevölkerungsstruktur auf St. Pauli, im Karoviertel, in St. Georg und dem Schanzenviertel vor Luxussanierung oder spekulativer Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen bewahrt.
Aber ich frage mich, seit wann Aschenputtel zum Dornröschen wurde und eine Stadt sich vor sich selbst schützen muss, weil sie verschlafen hat, welch individuelle Schönheit sie in Wahrheit besitzt.
Tourismus entsteht nicht im Reiseführer! Sondern beispielsweise in den größten Musikclubs oder auf der Strasse – durch Mund-zu-Mund-Propaganda, Stille Post. Menschen lernen sich kennen und fragen: "Was ist das Geheimnis deiner Stadt? Wo muss man hin, wenn man die 'heiligen Hallen' nicht verpassen möchte?" Geheimnisse sind vergänglich! Und trotz der vielbesagten nordischen Distanz und Kühlheit ist auch dieses Geheimnis öffentlich geworden und Behörden, Geld und Firmen haben versucht, ihren Teil zu sichern.
Ich würde mir von eingefleischten Hamburgern eine Art Revolution wünschen, um die Seele der Stadt zu erhalten, beispielsweise in Form von Beschwerde-Briefen an die Senatsbehörden: Einen Kampf anzetteln für die Förderung der vielfältigen kreativen gewachsenen Subkulturen und deren Rechte . Frei nach dem Motto: " …they tried to make me go to rehab, but I said no no no…!"
Eine lebende Hamburger Legende namens Otto Waalkes gab mir vor einigen Jahren den Ritterschlag und machte mich zum deutschen Schneewittchen. Die Frage zur Schönsten im ganzen Land ist mir seitdem also nicht unbekannt. Meiner Meinung nach ist Hamburg die schönste Stadt Deutschlands und schon deswegen zu beneiden. Auch wenn es die reichste Stadt nach dem letzten Krieg war, kann man sich Style bekanntlich nicht kaufen. Die Internationalität durch den Hafen, die Menschen, die Mentalität und die Schönheit dieser Stadt machen Hamburg einzigartig.
Wenn sich weiterhin alles darum dreht, Stadtteile zu ändern weil keiner begreift, dass der Stadtteil von den Menschen und nicht von den Behörden gemacht wird, nimmt das eine sehr traurige Wendung.
Es ist mir unbegreiflich, das Institutionen, die von der Kultur einer Stadt leben wollen und es im Endeffekt auch tun, ihren Kultur (er)schaffenden Instanzen Steine in den Weg legen, statt sie zu unterstützen und die grundlegendste Wahrheit ihrer eigenen Arbeit nicht begreifen: Musikclubs sind keine kommerziellen Betriebe, es sind Kulturbetriebe! Und freie Kultur entsteht nur da, wo es keine Frage des Portemonnaies ist.
Die Moral der Geschichte lässt sich schnell zusammenfassen: Hamburg lässt sich nicht so einfach über den Tisch ziehen. Denn der wichtigste Faktor wurde beinahe vergessen: Das Herz, das mit jedem Schlag den Ton angibt!
Jan Delay sagte einmal: "Das ist meine Stadt, schön und abgefucked". Ich würde noch hinzufügen: "So soll es sein, so kann es bleiben."
Cosma Shiva Hagen

Der Winter war lang und hart, der Frühling kam nicht so recht in die Gänge, die Flüge nach Istanbul sind billig. Drei Gründe warum unser Reiseredakteur Boris Guschlbauer vom Fernweh gepackt wurde und es ihn nicht länger in der Redaktion hielt. So floh er an den Bosporus, um sich von der Blauen Moschee bis zu den Pyramiden von Gizeh durchzuschlagen. Auf dem Weg durch den Nahen Osten machte er zahlreiche Fotos und sammelte Geschichten. Die wichtigsten Impressionen findet ihr in unserer Bildergalerie, die Geschichte dazu gibt es im Heft.(Boris Guschlbauer)
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Ich habe in diesem Jahr wieder angefangen, unregelmäßig regelmäßig Tennis zu spielen. Mein Partner ist nicht besonders talentiert und wird das in seinem fortgeschrittenen Alter auch nicht mehr Wett machen können, aber er ist ambitioniert und gibt sich redlich Mühe. Ich glaube er möchte nicht all zu schlecht dastehen, wenn er seine Fähigkeiten im Tennis nutzt, um sich als Host seiner kleinen Web-TV-Show einigermaßen sportlich und begabt zu präsentieren. Doch das wird schwer. Aber wir arbeiten daran.
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Natürlich macht das nicht immer besonders viel Spaß und fördert auch das eigene Können nicht besonders, dafür strengt es auch nicht all zu sehr an. Man muss ja klein anfangen. Der Körper muss sich wieder daran gewöhnen, dass Muskeln beansprucht werden, die seit Jahren keiner wesentlichen Belastung ausgesetzt waren und die Lunge…, na ja, die Lunge die ist auch noch da. Doch ich bin soweit. Ich fühle die Finesse, den geschärften Geist. Alles kehrt wieder. Ich habe sogar eine Ahnung bekommen, was es heißt auf dem Platz mit seinen Kräften zu haushalten. Ich spüre die Lockerheit beim Aufschlag und bei meiner einstigen Schwäche, dem Volley, erlebe ich neue Dimensionen von Verständnis. Demnächst frag ich mal auf den Nebenplätzen nach, da spielen öfters junge Damen, der Rückhand nach zu urteilen meist Hingis-Generation. Sie spielen schwungvoll und mit großem Krafteinsatz, ihr Spiel wirkt dynamisch und nicht ganz zu verbissen. Ich spreche sie mal an, ganz zufällig, beim Ball auflesen oder Platz abziehen, ob nicht jemand gewillt ist mit mir mal ein paar Bälle zu schlagen. Der Spielfreude und der Optik wegen.
Mit fünfzehn, sechzehn hatte ich dafür keinen Blick. Die Ästhetik eines weißen, kurzen Rockes und weißer Socken in Sneakers in Verbindung mit schulterfreien Tops oder schlichten Polohemden und dem sich darin abzeichnenden Bewegungsapparat war mir damals nicht so bewusst. Meine Sexualität kam noch ohne Fetisch aus. Damals sollten Mädchen am Besten nichts mit Tennis zu tun haben, denn ich ahnte meinen nahenden Abschied von diesem Sport und wollte die Emotionalität der Liebe nicht den Regeln von Leistungssport unterwerfen. Ich hatte genug vom Leistungs- und Erwartungsdruck. Warum weiter mühen, wenn doch längst klar war, dass weder Sport noch Menschen micht weiterhin begeistern können. Der Sport hatte mich meine Lektionen gelehrt und in der letzten wurde mir klar, dass ich emotional schon längst ganz anderen Dingen verhaftet war. Mit zehn war das noch anders. Es war der Sommer fünfundachtzig und Becker setzte im Finale von Wimbledon gegen Kevin Curren zum letzten Aufschlag an, als ich mit knapp dreißig anderen Jugendlichen im alljährlichen Tenniscamp den entscheidenden Schub bekam, der mich die nächsten 3, 4 Jahre an diesen Sport fesseln sollte. John McEnroe, Jimmy Conners und Ivan Lendl waren stets so weit weg, Boris Becker schien ganz nah. Doch was solls, irgendwann signalisierte mir der Zeitgeist, dass ich mit Gitarre, Skateboard und weichen Drogen erstmal besser zu mir finden würde.
Seit Beckers Abschied vom Tenniszirkus ist Tennis in Deutschland sowieso nicht mehr das Selbe. Und, sind wir mal ehrlich, auch wenn Michael Stich ein paar Mal wirklich klasse Tennis gespielt und sogar Becker in dessen Wohnzimmer Wimbledon eine schreckliche Niederlage beigebracht hat, so hat er doch nie wirklich jemanden interessiert. Und wer kam dann: Kiefer war und ist ein netter Typ, aber kein wirklich richtiger ‚Typ'. Auf dem Court war er ein Jedermann, nicht nur von der Wechselhaftigkeit seiner Leistungen, auch sein Stil und sein Gebaren. Auf dem Platz und mit dem Schläger in der Hand war Kiefer nie etwas wirklich besonderes. Und Tommy Haas war, zumindest mir, schon immer suspekt. Fast schon vergessen, dass der ehrgeizige Vater 1990 Anleger überzeugte, Geld in seine mehr oder weniger begabten Kinder zu investieren. Tommy war damals zwölf und galt nicht unbedingt als das Non Plus Ultra im deutschen Tennis-Nachwuchs. Doch der Vater konnte überzeugen und eine Rendite in Aussicht stellen, eine Tennistalentförderungs GmbH wurde gegründet und die Anleger bis 2004 mit 15% am Income beteiligt. Doch während Schwester Sabine bei der Rendite nicht besonders hilfreich war, spielte der Sohn fleißig Preisgelder ein. Es dürften wohl so 10 Millionen gewesen sein. Doch anstelle anders lautender Vereinbarungen stellte Haas die Zahlungen 1999 ein. Das ganze endete erwartungsgemäß vor Gericht und Haas musste nachzahlen. Auch die Tatsache, dass er mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat zeigt, dass Tommy Haas seit seiner Zeit beim ehrgeizigen Erfolgscoach Nick Bollettieri keine große Bindung mehr zu seiner Heimat besaß. Er verstand sich in erster Linie immer als Tennisprofi, als jemanden, der seinen Job macht und sich im harten Profi-Alltag der Tour zuerst um seine Belange kümmert. Publikum und Presse spüren so etwas und verlieren Interesse. Und ein deutscher Spieler, der Branchengrößen wie Federer und Nadal in die Quere kommen könnte, geschweige denn in der Lage ist, einen Moment so magisch werden zu lassen, dass sich die Nation begeistern lässt, ist nicht in Sicht. Tennis ist nach wie vor ein toller Sport, technisch hochgradig anspruchsvoll, ganzheitlich, taktisch und unglaublich spannend, doch Tennis in Deutschland ist wieder da, wo es vor Becker war. Irgendwo da wo auch Hockey ist. Und Golf. Da darf man sich nichts vormachen.
Ich habe dagegen festgestellt, dass Tennis herrlich trashig sein kann und dass ich mit Tennis hin und wieder tatsächlich wieder richtig Spaß haben kann. So wie bei diesem Shooting mit Laura Osswald ("Doctor's Diary") und unserem Hausfotografen Matthias David auf den Plätzen im Volkspark Friedrichshain, Der Belag, eine Art Kunstrasen, scheint auch ganz gut für die Gelenke zu sein. Kommt mir entgegen. Und man wird nicht so schmutzig, wie wenn man im roten Sand wühlt.
(Johannes Finke)

Sabin Tambrea ist groß gewachsen. Sein Blick ist eindringlich und wachsam, doch auch sehr scheu.
Sein Gesicht ist jugendlich verhärmt und voller Tiefen und seine schwarzen Haare, das lange, schmale Gesicht mit den hohen Wangenknochen und
die tiefliegenden Augen lassen vielleicht vermuten, dass des jungen Schauspielers Wurzeln nicht in Deutschland, sondern in Rumänien liegen.
Er hat einen scheuen, doch eindringlichen Blick und vielleicht würde man anmerken wollen, dass er in einer Zeit, in der Vampir- und Zaubersagen den
jugendlichen Zeitgeist mit prägen, den richtigen Look mitbringt um dementsprechend besetzt zu werden, doch damit wird man dem Talent des Schauspielers
und Feingeistes Tambrea nicht gerecht.
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Anfang Juli konnte man Sabin nun in einer weiteren Premiere am Berliner Ensemble bewundern. Alt- und Starregisseur Peymann scheint einen Narren an Sabin gefressen zu haben. Auch Robert Wilson, so sagt man, war beeindruckt von den Fähigkeiten und der Ausstrahlung des jungen Mimen. Im Fernsehen konnte man ihn bereits in einer Folge vom Polizeiruf sehen und auch die Rollen, die zur Zeit im Raum stehen, deuten darauf hin, dass hier jemand kurz davor ist, den großen Sprung ins Rampenlicht, auf die großen Bühnen und die Kinoleindwand zu schaffen. So wird es höchste Zeit, dass wir mal nachfragen und uns ein schärferes Bild von Sabin Tambrea verschaffen.
BLANK:
Seit Dezember 2008 spielst du in einer Peymann-Inszenierung am Berliner Ensemble den Melchior in Wedekinds-Coming-Of-Age-Drama "Frühlingserwachen".
Ist da mit Mitte Zwanzig der Bezug zur Rolle noch oder überhaupt herstellbar oder ist das jetzt auch der Beruf des Schauspielers und Haltung
generieren ist ein handwerklicher Vorgang?
SABIN TAMBREA:
Bei mir ist es immer eine Mischung zwischen Handwerk und Intuition. Um die Probleme der Jungendlichen glaubhaft
darstellen zu können, muss ich sie in allen Facetten begreifen. Daher ist der zeitliche Abstand sehr hilfreich, in dem Alter wäre ich emotional
zu eingebunden gewesen, um sie auch noch ohne Scham darstellen zu können. Das Handwerk ist im Theaterbetrieb meine absolute Basis,
um Gefühle und andere kleinste Regungen des Geistes so zu vergrößern, dass der zweite Rang es auch registriert.
Ich gehe immer aus der Ferne auf eine Figur zu, sozialer Hintergrund, Ängste, Sehnsüchte, Unsicherheiten, charmante Schwächen von der die Figur selbst
nicht weiß, all das sammelt sich zu einem enormen Pool an und gipfelt schließlich in der Premiere, wo ich jegliche Kontrolle fallenlasse
und in dem Moment instinktiv aus der Situation entscheide. So gesehen kann ich den Melchior leichter projizierbar machen,
als er es selbst in der Lage wäre, weil er nicht diesen Reflexionshintergrund über sich selbst hat, wie ich ihn mir erarbeite.
BLANK:
Ein Kritiker schrieb, dein Melchior wäre "reizbar ins Innere gekehrt" und in ihm stecke, wie in jeder höheren Intelligenz, "ein Hauch Verführer".
Was sagen dir solche Beschreibungen, erkennst du dich da wieder oder blendest du diesen Echoraum weitestgehend aus?
ST:
Im Gegensatz zu vielen Kollegen gebe ich offen zu, Kritiken zu lesen, und mich sogar darüber zu freuen, wenn sie zumindest in meinen Augen gerechtfertigt sind.
In der Zeit am Berliner Ensemble habe ich erfahren, dass die Projektionsfläche, die man bietet, viel größer ist, als gedacht.
Da ist es sehr spannend zu sehen, in welche Farbtöpfe die Kritiker ihre Formulierungspinsel tunken. Bei einer Figur wie Melchior beschäftige ich mich
4 Monate lang intensiv mit der Rolle, vermische eigene Erfahrungen mit dem Rollentext Wedekinds, reichere an, konzentriere, unterstreiche Eigenschaften,
nehme auch weg. Und gerade das Wegnehmen bietet dem Zuschauer wiederum Platz zum projizieren und interpretieren.
Deshalb erkenne ich mich nicht selbst darin wieder, sehr wohl aber meine Arbeit an der Rolle. Im besten Falle ist die Figur weit weg von mir,
wird aber dennoch als glaubhaft empfunden. Deshalb kann ich es nur als ein Kompliment meiner Arbeit nehmen. Dazu gehören auch schlechte Kritiken,
wenn beispielsweise Kritiker die Unsicherheiten der Figur als meine eigenen als Schauspieler auslegen.
BLANK:
Wie ist die Arbeit mit Peymann, von dem man ja schon sagen kann, dass er ein Förderer deiner Talente ist?
ST:
Claus Peymann habe ich enorm viel zu verdanken, er hatte im richtigen Moment das nötige Vertrauen, mir große Rollen anzubieten und mich unter seiner
Aufsicht und Leitung wachsen zu lassen. Ich bin mit sehr viel Respekt und Demut in die ersten Proben gegangen, die Probensituation hat sich aber als
sehr menschlich und schauspielerliebend herausgestellt, worauf ich mich sehr leicht von diesen hinderlichen Guterzogenheitsgesten verabschieden konnte.
Peymann ist ein sehr emotionaler Regisseur, der alles in Worte kleidet, was er empfindet – was ihn zutiefst ehrlich macht. Wenn ich katastrophal daneben liege,
dann kriege ich das genauso zu spüren, wie wenn er freudestrahlend verkündet, dass es nicht ganz schlecht war.
Er ist genauso auf der Suche nach den Inhalten wie ich auch. Bei Melchior gab es eine wunderbare Wechselwirkung der Begabungen – was er mir
an sprachlichem Wissen geschenkt hat, konnte ich durch ein Grundverständnis zur Jugendlichkeit der Rolle revanchieren,
was bei ihm nun einmal ein wenig weiter zurück liegt, als bei mir. Natürlich gab es auch Streit und Blockaden, die haben sich aber im rechten Moment aufgelöst.
Peymann hat die Rolle mit mir zusammen sehr genau gebaut, mir alle Hilfestellungen gegeben, aber mir im richtigen Moment auch die Freiheit gegeben,
all das zu vergessen, um frei spielen zu können.
BLANK:
Du bist mit vier Jahren, kurz bevor der eiserne Vorhang fiel, mit deinen Eltern nach Deutschland ausgesiedelt.
Was für eine Identität hast du dir aufgebaut und wie? Und welche Rolle spielte dabei die Musik und die darstellenden Künste?
ST:
Meine Eltern sind Orchestermusiker und haben dieses Können mir und meiner Schwester weitergegeben.
Ich bekam Geigen-, Klavier-, Bratschen-, Dirigierunterricht und Harmonielehre, war rundum erfolgreich bei "Jugend musiziert"
und Mitglied des Landesjugendorchesters. So gesehen ist die Musik der einzige konstante Begleiter in meinem Leben.
Als entwurzelter Mensch in einer entwurzelten Familie in einem fremden Land klarzukommen, erforderte viel Zusammenhalt innerhalb der Familie,
aber auch das nötige Sensibilisieren für die neue Umwelt. Mir wurden andere Werte mitgegeben, als ich sie von vielen meiner Freunde präsentiert
bekommen habe. Ich bin sehr glücklich über meine Erziehung, und den manchmal komplizierten Weg, den mein Leben genommen hat.
Es war ein ständiges Suchen nach den Dingen, die mich in fremder Umwelt haben aufgenommen werden lassen.
Konnte ich nicht durch ein Motorrad im Alter von 16 punkten, musste ich durch Ironie, Humor und Schlagfertigkeit die zumeist weiblichen
Verbündeten für mich gewinnen.
BLANK:
Hast du einen deutschen oder einen rumänischen Pass?
ST:
Ich habe einen deutschen Pass und fände alles andere auch nicht rechtfertigbar für mich, ich bin kein Gast, ich bin hier zu Hause,
auch wenn ich meine Geburtsstadt als meine Heimat ansehe.
BLANK:
Erzähl mir von Tirgu Mures. Wie sieht es da aus? Gibt es Erinnerungen an Rumänien, die über die Sprache hinausgehen oder ist es für dich selbstverständlich,
auch an der rumänischen Gegenwart teilzunehmen?
ST:
Tirgu Mures ist die Quelle meiner schönsten Erinnerungen aus der Jugend. Grosseltern, Verwandte, Familie, das bestand und besteht dort immer noch,
auch wenn sich viele bereits mit Erde zugedeckt haben. Es waren die Sommer, welche mir gezeigt haben, wie bunt und flirrend das Leben trotz Armut,
heruntergekommener Viertel und viel Leid sein kann.
Ich versuche immer noch jedes Jahr meine Stadt zu besuchen, und fühle mich absolut heimisch, wenn ich das Stadtschild passiere.
Es ist trotz mancher infrastrukturellen Defizite ein charmantes einsturzgefährdetes Lebensgefühl – beispielsweise wurde ich vor wenigen Jahren
im selben Krankenhaus vom Blindarm befreit, in dem ich auch geboren wurde, eine spannende Erfahrung. Wenn es mir später möglich sein wird,
möchte ich den Ausgang sehr gerne auch an diesem Ort nehmen, wo ich schon den Eingang nahm.
BLANK:
Sind Biografien wie die deine nicht eigentlich der ursprünglichste Antrieb zu Zusammenschlüssen wie zum Beispiel der europäischen Union,
zum Zusammenwachsen der Völker in einer sich globalisierenden Zeitenwende, wenn man Werte, Sprachen und Gepflogenheiten herum reisen lässt?
ST:
Genauso wie die Eurogeldscheine die verschiedenen Länder besuchen, werden aus kleinen Mosaiksteinchen menschlicher Erfahrungen funkelnde Bilder
neuer Gesellschaften entstehen, es ist ja schon voll im Wandel, doch gleiche Sprachen gleichen nicht Verständnis und Akzeptanz aus,
die Offenheit der Seele muss das oberste Gut werden.
Hier geht es zum Berliner Ensemble, bei dem man Sabin Tambrea z. Zt. in den verschiedensten Rollen bewundern kann:
berliner-ensemble.de
Homepage von Sabin Tambrea
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Die Schauspielerin Jennifer Ulrich macht keine grosse Welle
(Text: JF / Fotos: Matthias David)

KUNSTSEPTEMBER 2010
Termine:
Vernissage 10.09.2010, 19h, Strychnin Gallery, Berlin
Die Ausstellung läuft bis zum 3.10.2010, Do – So jeweils 12 – 18h
Dieser Artikel als Link: http://blank-magazin.de/termine.php#tokio_love
DISKOSEPTEMBER 2010
Auch in diesem Jahr möchten die Freunde von der Badezimmer Produktion zu einem maritimen Spezial der ATARI DISCO* an Bord der Hoppetosse in der Eichenstr. 4
/ Arena bitten. Boarding ist an diesem Freitag, den 03. September ab 22 Uhr. Im Salon präsentiert die Besatzung wie gewohnt Indie Pop, Trash Hits,
Elektro Punk und Balkan Rock, angerichtet und zubereitet von den üblichen Verdächtigen.
03.09.2010 ARENA, Berlin
DJ Ameise (Badezimmer Produktion)
Johann Porsche (FUNK Royal)
WillyWonka¡ (JUSTFUCKFACE¡)
Magic Rider (General Genital)
Wir verlosen 5 x 2 Karten für den munteren Abend.
Sendet uns einfach bis 2. September eine Mail mit dem Betreff "Atari Disco" an
verlosung[at]blank-magazin.de.

THEATERJULI 2010
"Jedes Ding ist vollkommen, wenn es seinen Zweck erfüllen kann. Ich kann meinen Zweck erfüllen, ich kann zum Besten des Staates sterben:
ich bin vollkommen also, ich bin ein Mann." Große Worte auf einer großen Bühne in diesem Klassiker von Lessing.
Die Kritiken waren gemischt über diese Inszenierung von Boris Jacoby, doch da muss man durch. Auch Sabin Tambrea, der in diesem Stück als Prinz zu sehen ist,
muss da durch. Das sind die steten Prüfungen, denen sich ein Schauspieler unterziehen muss. In den Achtzigern spielte am Deutschen Theater einst
Ulrich Mühe in diesem Stück. Davon spricht man noch heute.
Termine:
Berlin (27.08.) | (28.08.) | (07.09.) | (09.09.) | (20.09.) | (27.09.)
Berliner Ensemble Homepage & Kartenreservierung
Interview mit Sabin Tambrea

Seit ein paar Tagen bin ich zurück aus dem Nahen Osten. Nach Wochen der absoluten Bewegung hat mich der Stillstand des Alltags wieder. Die Realität wird durch Tagträume ersetzt, die Träume durch Fernweh. Stundenlang hänge ich abwesend über Reisenotizen und betrachte meine Fotos aus fernen Ländern. Eine ganz andere Art von Bewegung hat nun unweigerlich Besitz von mir ergriffen. Als kleinen Vorgeschmack auf die Fotostrecke aus dem Nahen Osten in der nächsten Ausgabe des BLANK Magazins hier zwei kurze Videos unterschiedlicher Bewegung aus einer Unterführung in Istanbul und der Stadt Hama in Syrien. Ich denke, man sollte Spielwarenverkäufer in Istanbul werden, um wirklich ab- und ausschalten zu können. Seid gespannt auf mehr!
Euer Boris Guschlbauer
Unterführung in Istanbul
Hama in Syrien
Mit eingenähter Geheimtasche in der Jeans machte sich unser Reiseredakteur Boris Guschlbauer auf den Weg nach Afrika. Wir fragten ihn vor der Abreise, was er sich von Afrika erwarte, nachdem er zuletzt in Indien und im Iran unterwegs war und er antwortete: "Ich glaube Afrika ist komplett anders. Vor den anderen Reisen hatte ich nicht so Schiss und ich hoffe, all meine Ängste gegenüber Afrika auf der Reise jetzt abbauen zu können. Krankheiten, Überfälle, Vodoo. Ich möchte mir das alles gar nicht vorstellen." (Text & Fotografie: Boris Guschlbauer)![]()

Aufklärung ist wichtig. Es kann nie genug davon geben. Aufklärung kann Ängste nehmen, verdrängen und ersetzen. In seinem Buch „Feindbild Moslem“ unternimmt Kay Sokolowsky genau diesen Versuch.
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Er versucht Parallelen zwischen Antisemitismus und Antiislamismus aufzuzeigen, Feindbilder zu demontieren und Erklärungen zu liefern: „Weil die radikalen Muslime die Zivilisation zutiefst verachten, glaubt man, sie ihnen verwehren zu dürfen.“ Dabei bezieht der Konkret-Autor Stellung und zeigt Haltung, wobei letztere keine neue ist, sondern genau diese politisch-korrekte, die einem aktuell nicht weiterhilft, weil sie an den realen Problemen des Miteinanders vorbeizielt. Das macht das Buch einseitig und nur zum Teil aufklärerisch. Anders verhält es sich mit der „Weltgeschichte der Sklaverei“ des in linken Kreisen eher kritisch beäugten Historikers Egon Flaig, der in diesem hochinteressanten Buch die Entstehung, Fortführung, Kommerzialisierung und letztendlich auch die Niederschlagung der Sklaverei beschreibt, wobei es hier nicht um moderne Sklavenhaltung geht, sondern um die verklärte Geschichte der Sklaverei zwischen der Mitte des ersten Jahrtausends und der Neuzeit. Flaig zeigt, dass man stets damit rechnen muss, das eigene Weltbild revidieren bzw. überarbeiten zu müssen, so beschreibt er den durchaus fruchtbaren Boden, auf den die europäischen Kolonialisten stießen und die lange, auch islamische Geschichte der Sklavenhaltung, die erst durch die Abolitionisten-Bewegung ab der Mitte des 18. Jahrhunderts langsam auf ein Ende zusteuerte.
„Feindbild Moslem“ von Kay Sokolowsky ist erschienen bei Rotbuch. „Weltgeschichte der Sklaverei“ von Egon Flaig ist erschienen bei Beck.
(Elmar Bracht)
GESELLSCHAFT/MEDIENJANUAR 2010
Die Zeiten sind hart. Hart wie Stein. Härter noch, hört man hinter vorgehaltener Hand. Und manch einen trifft es mit voller Wucht, mit der ganzen Härte: mal abgesehen von den mittlerweile zur Unsichtbarkeit degradierten ewig Schwachen, Armen und Hungernden, zumeist weit entfernt oder zumindest in einem anderen Bezirk der Stadt, sind das natürlich die Kleinanleger. Oder wir, die Print-Magazine. Und natürlich die deutsche Autoindustrie. Und die US-amerikanische Autoindustrie. Und sicherlich auch Teile der asiatischen und der französischen Autoindustrie. Die Zulieferer nicht zu vergessen. Und die russische Waffenindustrie. Und die Banken. Oder waren das die Banken, die eigentlich keinen Schaden genommen haben? Das ist manchmal nicht ganz so klar feststellbar. Aber vielen geht es schlecht. Da werden sicher auch ein paar Banker drunter sein. Aber auch dem Tourismus geht’s nicht gut. Urlaub fällt immer öfters flach. Weniger Schirmchencocktails. Weniger Champagner? Nein, das wäre übertrieben. Champagner läuft immer. Die Verlierer ziehen aus. Die Gewinner ziehen ein.
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Aber wo sind die Gewinner? Die Baubranche kränkelt. Die Bauern sind unzufrieden. Meine Eltern. Deine Eltern. Der Taxifahrer. Der Nachbar. Die Arbeiter in den Schiffswerften in Norddeutschland und die Praktikantenflut in der Medienbranche sind unzufrieden. Und auch die Musikindustrie leidet.
Doch Not macht erfinderisch. Ablenkungsmanöver allerortens. Man arbeitet sich ab, an Fairtrade und Klimaschutz, an neuen Kollektionen, neuen Gesichtern, neuen Trends und alten Ideen und Idealen. Nichts wirklich Neues. Doch wenigstens etwas. Ein Status Quo. Ein sich nicht bewegen lassendes Konstrukt aus wirren Verflechtungen und Verfehlungen. Doch wir kommunizieren, in ganzen, halben und keinen Sätzen, über un- und endliche Distanzen, über alles und über jeden und fühlen uns dabei unheimlich gut und aufgeklärt und sind währenddessen revolutionär und bieder zugleich. Wir reden uns die Seele aus dem Leib und werden – seelenlos. Doch es herrscht Zufriedenheit, denn man hat den Glauben noch nicht verloren. Vielleicht die Lust.
Es ist ja nicht alles schlecht. Manch einer glaubt sogar, wieder politisch ambitionierte Popmusik ausmachen zu können. Oder war das dem Punk, dem Hip-Hop und dem Indie-Rock vorbehalten? Oder anderen Sub- und Jugendkulturen? Oder macht das einen Unterschied? Am Beispiel von Wahlen wird mehr und mehr deutlich, wie beliebig wir agieren, reagieren und uns regieren lassen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft sind wir alle Fußballexperten. Bei Bundestagswahlen verhält es sich so ähnlich: Mit einem Schlag fühlen wir uns aufgeklärt und im Stande, noch so komplizierte Sachverhalte mit dem Nachbarn, dem Taxifahrer oder der eigenen Freundin zu diskutieren und aufzudröseln. Plötzlich generieren wir im Minutentakt Meinung für Meinung.
Mittlerweile haben wir uns einen unbeirrbaren Grundglauben angeeignet, der es uns ermöglicht, die Dinge stets in Verhältnis und Abhängigkeit zu einem weit- und weltumfassenden Kontext zu stellen, der letztendlich doch nur individuelle Bedürfnisse regelt. Das alte Spiel: wie du mir, so ich dir. Doch einer von beiden hat nichts. So ist das. Wahrscheinlich gehören wir zu denen, die etwas haben. Doch wir wissen leider immer noch nicht, was es ist.
Und aus diesem Grund beschäftigen wir uns weiter mit den Dingen, versuchen abzubilden, zu entdecken, zu ergänzen, zu erfreuen, zu irritieren, zu kritisieren und nennen das, in unserem Fall, auch Zwei-tausendzehn, dann ganz einfach nur BLANK. Und natürlich würden wir uns freuen, wenn du, der Leser, dann auch wieder mit dabei bist. Denn wie heißt es so schön: „Der Blick in das Gesicht, eines Menschen dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend“. Also hilf uns!
(Johannes Finke)

2009 – das Superwahljahr, das Superjubiläumsjahr,… an größenwahnsinnigen Komposita mangelt es dem letzten Jahr des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends nun wirklich nicht. Europawahl, Bundestagswahl, 60 Jahre Grundgesetz, 50 Jahre „Godesberger Programm“, 20 Jahre Mauerfall. Findige Politiker und fleißige Geschäftsleute melken die Kuh Jahrestag bis das Euter welk ist, und lassen den Kulturkonsumenten bei der Lektüre des Veranstaltungsteils der Tageszeitung mit dem unguten Gefühl zurück, vor lauter Nichtigkeiten die Wichtigkeiten zu verpassen. Ins Töpfchen statt ins Kröpfchen gehört definitiv die Ausstellung „Berlin 89/09 – Kunst zwischen Spurensuche und Utopie“, die ab dem 18. September in der Berlinischen Galerie zu sehen ist. Werke von Max Baumann, Sophie Calle, Björn Melhus, Frank Thiel und vielen mehr zeigen, dass die Neuorganisation Berlin nicht nur Gegenstand politischer sondern auch künstlerischer Auseinandersetzung war und ist. Utopische und realisierbare, dokumentierende und kommentierende Arbeiten werden in den drei Kategorien „Spurensuche“, „Panorama des Wandels“ und „alternative Konzepte“ präsentiert. ![]()
Dauer der Ausstellung:
Verlängert bis 15. Februar 2010, Berlin, Berlinische Galerie

Futurity Now! lautet das diesjährige Motto dieser exklusiven Zusammenkunft Medien-, Kunst- und Zukunftsorientierter Menschen und das klingt alles nicht schlecht: "‚Futurity’ – ‚Zukünftigkeit’ – ist ein Konzept, das untersucht, was ‚Zukunft’ als bedingendes und kreatives Vorhaben sein kann. In seinem Zentrum steht das komplexe Bedürfnis, den politischen und wirtschaftlichen Wirren neue Zukunftsvisionen entgegenzustellen. Unter dem Motto FUTURITY NOW! untersucht die transmediale.10, welche Rolle die Entwicklung des Internets, die globale Netzwerkpraxis, Open-Source-Methoden, nachhaltige Gestaltung und mobile Technologie bei der Bildung neuer kultureller, ideologischer und politischer Modelle spielt. Die transmediale.10 lädt Künstler, Wissenschaftler, Medienaktivisten, Denker und Visionäre ein – nicht um die Frage zu beantworten, was die Zukunft für uns bereithält, sondern was wir für die Zukunft bereithalten." Soweit alles klar? Nein? Dann einfach mal hingehen, denn die Arbeiten solcher Künstler wie Wang Yuyang, Julius von Bismarck (Foto) oder Michelle Teran sind mehr als eine vielversprechende Inspiration. ![]()
Transmediale 10 - Futurity Now.
02.–07.02. 2010 Berlin, Haus der Kulturen der Welt

Dass die Amerikaner mit Matroschkas und Borschtsch nicht allzu vertraut sind, ist kein Geheimnis und nach wie vor scheint der Umgang mit allem, was östlicher liegt als Berlin, relativ schwierig. Da ist es doch viel einfacher, sich dem Ost/West Thema auf deutschem Boden zu widmen. Und eines muss man L.A. lassen: Wenn schon denn schon. So entstand im L.A. County Museum of Art eine der umfangreichsten Ausstellungen zum Thema Kunst im geteilten Deutschland.
Die Auswirkungen zweier so unterschiedlicher politischer Systeme auf die Kunst, ihre Übereinstimmungen und Abgrenzungen, sind anhand von 300 Exponaten von Künstlern wie Jörg Immendorf, Anselm Kiefer, Martin Kippenberger und Joseph Beuys seit Oktober in Berlin zu sehen. ![]()
Dauer der Ausstellung:
Bis 10.01. Berlin, DHM

Erika Lust wurde 1977 in Stockholm geboren, kam über das Theater zum Film (so die Kurz-Bio des Verlages) und lebt und arbeitet heute in Barcelona. Für ihre Filme, die sie mit ihrer Produktionsfirma Lust Films realisiert, bekam sie bereits mehrere Preise, unter anderem den Feminist Porn Award in Toronto. Jetzt hat sie ein vielleicht etwas zu sehr als Manifest gepriesenes Buch geschrieben, das Frauen den Zugang zur Pornographie, egal ob als Konsument, Produzent, Macher oder Kritiker, erleichtern soll. So gibt es in diesem Werk ein bisschen Vorurteil, ein wenig Einblick in die Lieblingspornofilme der Autorin, ein paar kleine und lustige Grafiken und Piktogramme bei denen man zuweilen Schwänze und Titten erkennen kann und den Versuch einer historischen Einbettung der eigenen Ansicht, der eigenen Motivation, der eigenen Lust. Letzteres macht das Buch schwierig, denn Intimitäten sind nun mal kein Allgemeingut. Doch lassen wir die Autorin selbst zu Wort kommen: ![]()
BLANK: So lange wir „Porno“ sagen, wird es schwer sein, dem Begriff neue Attribute hinzuzufügen, siehst du das genau so?
Erika Lust: „Porno“ ist ein seltsames Wort, das von einer Aura von Schuld umgeben ist. Es wird von vornherein angenommen, dass Porno dreckig und abartig ist, so etwas wie eine niedere Kulturform. Auf der Welt gibt es so viele Abartigkeiten: Misshandlung, Drogen und Gewalt... Porno ist nicht mehr und nicht weniger als die unmittelbare Darstellung von Sex. Porno begleitet die Menschheit solange wir denken können, die Natur des Pornos hat nichts Boshaftes. Das Problem liegt in der heutigen Machart von Pornofilmen. Die Filme sind einfach nur flach und langweilig, chauvinistisch und viel zu oft gewalttätig. Die Filme bedienen eine rein männliche Perspektive, da sie schlichtweg nur von Männern für Männer gemacht werden. Wir Frauen wollen Filme mit sexuellem Inhalt, die nach unserem Geschmack sind, für dieses Recht müssen wir uns einsetzen. Ich kämpfe dafür, dass die Frauen eine Stimme in der Pornoindustrie bekommen. Es ist wichtig, dass wir an dem Diskurs teilnehmen, egal ob wir es jetzt „Porno für Frauen“ oder „feministischen Porno“ nennen. Ich weiß ganz genau was Frauen mögen, meine Freundinnen und ich wir WOLLEN KEINE Machotypen, Mafiabosse, Waffen, Zuhälter, Luxusvillen, Silikon-Girls, Sportwagen oder Luxusstrände auf den Malediven. Wir brauchen dieses ganze Zeug nicht um angetörnt zu werden, wir wollen richtige Menschen in realen Situationen und wir wollen wissen, warum diese Menschen gerade Sex haben. Viele Männer wollen einfach nur Analsex, Blowjobs und Tittengeficke – einfach dreckigen und billigen Porno. Ich glaube, dass Frauen da einfach mehr Intimität und Psychologie wollen, mehr Sex anstatt Porno.
BLANK: Geht es dir um Feminismus oder einfach darum einen guten Job zu machen und dich kreativ ausleben zu können?
EL: Wenn Frauen in ein Gebiet eindringen, das bis dato eine reine Männerdomäne war, dann steckt dahinter auch immer die Absicht Dinge zu verändern. Das schaffst du in der Regel nur mit Kreativität, Einfallsreichtum und Ehrgeiz – wenn wir in so einer Situation Schwäche zeigen, sind wir ganz schnell wieder draußen!
BLANK: Porno findet nicht länger hinter verschlossenen Türen statt, sondern hat längst den öffentlichen Raum eingenommen. Welche Chancen siehst du in dieser Entwicklung?
EL: Wir leben heute längst in einer pornofizierten Gesellschaft, ob wir das jetzt mögen oder nicht spielt keine Rolle. Porno ist überall, egal ob im Internet oder in den klassischen Massenmedien. Die Zeiten, wo Porno in den abgedunkelten Hinterzimmern stattfand, sind vorbei. Aus diesem Grund müssen wir Frauen an dieser Entwicklung teilhaben und mitwirken, damit wir so kritischer mit dem Phänomen umgehen können. Während der 60er und 70er, als sich die Frauenbewegung auf ihrem Höhepunkt befand, wurde das durch Fernsehen und Werbung manifestierte sexistische Weltbild kritisiert. Genau das muss heute mit Pornografie geschehen. Wir können das nicht einfach ignorieren mit der Entschuldigung, dass es sich hierbei nur um eine dumme Angewohnheit von Männern handelt und uns damit nicht weiter zu interessieren hat. Die männliche Vorstellung von weiblicher Sexualität hat ihren Ursprung größtenteils in der Pornografie, wodurch das Leben jeder Frau beeinflusst wird. Wir haben die Möglichkeit, an der Diskussion um Pornografie teilzunehmen und damit unglaublich viele Möglichkeiten, unsere eigene Sexualität zu beschreiben. Wir alle wissen, dass die meisten Männer da ziemlich schwer von Begriff sind – und welche bessere Chance gibt es, das endlich zu ändern?
BLANK: Warum haben Frauen nicht das Bedürfnis, Porno nach ihrem Geschmack zu verändern, anstatt nur zu verteufeln?
EL: Ich denke die meisten Frauen, die explizit gegen Porno sind, haben eine ziemlich beschränkte Sichtweise auf die weibliche Sexualität. Ich bin absolut der Meinung, dass wir Porno kritisieren müssen, sobald Frauen darin gedemütigt werden. In einer absolut männlich orientierten Pornoindustrie kommt das leider mehr als genug vor. In den letzten Jahren hat sich eine Gruppe von weiblichen Produzenten etabliert, die eben genau das zu verändern versuchen, indem sie zeigen, dass eine andere Art von Porno ohne Angst möglich ist.
BLANK: Wer sind deine größten Kritiker, Frauen oder Männer?
EL: Viele Männer in diesem Business akzeptieren Frauen nicht. Sie haben Angst vor ihren Ideen und Forderungen und unterstellen einem, man würde die Zeit zurückdrehen wollen, indem man Porno nur für Frauen macht. Sie wollen, dass wir den gleichen Schrott konsumieren, weil sie behaupten, wir würden ihnen schließlich absolut gleichwertig sein wollen. Sie haben einfach Angst, dass ein weiblicher Porno beweisen wird, wie schrecklich machohaft ihre eigenen Produktionen sind. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass Sex mit Hunden und Pferden, schrumpligen Omis, Pisse, Scheiße und allen anderen Absonderlichkeiten akzeptiert wird, ganz einfach weil gesagt wird „die menschliche Sexualität ist vielfältig“. Hingegen grenzt die Idee, Porno für Frauen zu machen fast an Gotteslästerung. Wir sollen uns gefälligst mit den Filmen zufrieden geben, die sie machen.
BLANK: Macht dich ein guter Porno scharf?
EL: Ja, klar. Darum geht es schließlich bei einem guten Porno. In meinem Buch „Porno für Frauen“ habe ich eine Liste mit wirklich guten Pornos von den 70ern bis heute zusammengestellt, die ich persönlich gerne mag. Und ich sage den Frauen auch, wo sie die finden!
„X - Porno für Frauen“ von Erika Lust ist bereits bei heyne Hardcore erschienen.
(Elmar Bracht/Antonia Märzhäuser)

Nur allzu gut erinnern wir uns an die Zeit als uns auf – in spätsommerliches verklärendes Licht gehüllten – Wahlplakaten die immer gleichen müden Gesichter ihr routiniertes Lächeln entgegen warfen. Während bei den Bundestagswahlen also alles nach Schema X verlief, hat sich im bunten Kreis der Misswahlen einiges getan. Gefängniskantinen ersetzen Beach-Resorts als Wettkampfstätten und statt nackter Haut gibt es flammende Manifeste. Wir hoffen auf ihre Vorbildfunktion. ![]()
Was macht man im Jahr 2009 mit einem latent zum Pessimismus neigenden Volk, dessen Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen bereits zu Krisenkindern ernannt wurde? Diese Frage muss sich wohl Anfang des Jahres ein ganz bestimmter Berufsstand gestellt haben, worauf sich dann die nicht uneigennützige Beschäftigungstherapie „Wahljahr“ aus dem Hemdsärmel geschüttelt wurde.
Bis zu sechzehn Mal ließ sich das Thema dieses Jahr aufwärmen, zwischen den Gerichten wurde schön auf Sparflamme weiter geköchelt, damit wir ja nicht an etwas anderes denken würden. Das politische Wahljahr hatte die Aufgabe, uns den dunklen Weg zurück auf den Pfad der Tugend zu zeigen, runter von der mit Leuchtreklame gesäumten Autobahn der schnelllebigen Zerstreuungen.
Was aber wenn wir nun gar nicht hinunter wollen von dem bunt blinkenden Highway? Eine Verbindung aus Superwahljahr und Pop? Um diese zunächst konträr erscheinenden Begriffe Wahl und Vergnügen vereinen zu können, bedarf es einer intensiveren Untersuchung des Wahlbegriffs.
Wir wissen um die Geschichtsträchtigkeit der Bill of Rights von 1689. Ein Datum, dessen historische Relevanz –zu Unrecht – weitgehend in Vergessenheit geriet, ist der 19. September 1888, die Geburtsstunde des ersten europäischen Schönheitswettbewerbs.
Trotz dieser historischen Geburtsstunde im Herzen Europas, waren es unsere (damals noch „bored and beautiful“) Amerikaner, die den Misswahlentrend über den ganzen Globus katapultierten. Ende der 20er kam dann ein richtiger Exportschlager über den Teich. Ergänzend zur Weltwirtschaftskrise lieferten die Amerikaner uns gleich die Möglichkeit zum Eskapismus mit.
Schönheitswahlen sind wie kleine Enklaven einer glatteren und einfacheren Welt, sie folgen dem System der Komplexitätsverweigerung.
Uns scheint der Mikrokosmos bestehend aus Hair Extensions, Bademode und Weltfrieden genau so fremd zu sein wie die Passion der Engländer zu baked beens und hash browns. Ähnlich wie diese absolut abartige Frühstückstradition expandieren Schönheitswahlen um den ganzen Globus, nur dass sie meistens nichts mehr mit dem klassischen Verständnis eines Beauty Contests zu tun haben.
Die Misswahlen unserer Zeit beinhalten also weniger Weltfrieden und Extensions, als vielmehr Silikon und einen ärztlichen Geschlechtsnachweis.
Während wir nicht müde werden unsere Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe zu betonen, haben die Thailänder einen ganz anderen Weg gefunden, sich der bunten Vielfalt der menschlichen Sexualität zu nähern. In keinem Land der Welt hat sich eine so große und öffentliche Transvestitenszene entwickelt. Ladyboys und Kathoeys scheuen nicht gerade die Öffentlichkeit und so war es nur eine Frage der Zeit, bis man ihr wirtschaftliches Potential entdeckte. Die Miss Tiffanys Universe Wahl in Pattaya ist längst zu einem Touristenmagnet geworden. Die Mitmachbedingungen entscheiden sich bis auf ein paar minimale Details nicht von denen konventioneller Schönheitswahlen. Die Kandidaten müssen der Spezies Transwoman angehören, also männlichen Geschlechts geboren, das Leben aber als Frau bestreitend, falls Geschlechtsveränderungen in Form von Operationen vorgenommen wurden, wird um eine Geburtsurkunde gebeten. Profilieren müssen sich die Teilnehmerinnen übrigens in den Kategorien „bestes Kostüm“, „Fotogenität“ und „unlimited sexy star“, na wenn das nicht mal eine willkommene Abwechslung zum roten Bikinishowlauf mit anschließender pseudosozialen Spontan- Fragestunde ist. Social Awareness ist der Transgender-Community natürlich eine Herzensangelegenheit und so soll der Contest die Toleranz gegenüber dem Geschlechts- und Liebespotpourri stärken.
Während sich die Japaner ja recht öffentlich zu ihren Fetischen bekennen und es nichts neues ist, dass sie in ihrer knappen Freizeit ganz gerne mal in Schulmädchenkostümen Karaoke singen, gelten die Chinesen da gemeinhin als etwas prüder, aber definitiv nicht als weniger einfallsreich. So krönen sie jedes Jahr die Miss Plastic Surgery. Die Anwärterinnen auf den Titel müssen nachweislich mindestens (!) eine Schönheitsoperation hinter sich gebracht haben, vielleicht sollte mal schnell jemand Frau Ohoven ein Flug buchen, dann hat die Gute endlich mal etwas richtig gemacht.
Wie reiner Mainstream wirken dagegen die bereits weit verbreiteten Schönheitswettbewerbe in den Frauengefängnissen dieser Welt. Von Brasilien über Litauen bis an den äußersten Rand Sibiriens, überall werden Overalls gegen enganliegende Synthetik getauscht. Auf den Oberarmen der Mädchen prangen Tattoos, die man sonst nur bei den Hells Angels vermuten würde. Umso faszinierender ist es, sieht man mit was für einem Ernst und Ehrgeiz die Wahlen vonstatten gehen. Angetreten wird in den Kategorien „Schreiben“, „Charme“ und „öffentliche Rede“. Für einen Moment sind die eisernen Gitterstäbe und kahlen Einzelzellen vergessen, dann werden aus Gefängniswärterinnen Stylisten und aus den sonst so bedrohlich am Gürtel von links nach rechts schwingenden Knüppel, der Schwung von schwarzer Mascara.
Wenn Schönheitswahlen als Publicity für Städte und Produkte funktionieren, gilt dann nicht auch das gleiche für Wohltätigkeitszwecke und die Politik? Ist die Gleichung so einfach? „Sex sells“, auch bei schwer verdaulichen Themen? Die Paradoxie der Misswahlen besteht darin, dass ihre Natur absolut apolitisch ist und sich gerade dadurch bestens als Projektionsfläche für verschiedenste Interessen anbietet.
Stürmten die Feministinnen in den 70er Jahren, ihren BH wie ein Lasso schwingend, Misswahlen und forderten ein Ende der weiblichen Fleischbeschauung und Objektivierung, werden heute Misswahlen für Frauenrechte initiiert.
Social Awareness heißt auch wieder mal das Zauberwort bei der Wahl zur Miss Landmine. Geschmacklos würde auch hier manch einer gerne rufen. Wie kann man den Inbegriff von Oberflächlichkeit und intellektueller Beschränktheit mit einem Thema in Verbindung bringen, das von so großer politischer Relevanz und Ernsthaftigkeit ist? Ist das nicht eine Zuschaustellung der Opfer, dessen Bilder in der Masse des westlichen Kulturangebots untergehen und maximal dem ein oder anderen Ausstellungsbesucher ein kurzen Seufzer entgleiten lassen?
Stellt man diese Fragen, muss man auch so ehrlich sein sich zu fragen, was nun besser ist, Aufmerksamkeit durch eine Miss-Wahl oder eben keine Aufmerksamkeit.
Das Motto „celebrate true beauty“, was im Kontext einer Dove-Kampagne nicht mehr als eine Ansammlung von leeren Worthülsen ergibt, bekommt hier eine wahrlich plastische Bedeutung. Zu deutlich und verstörend ist die Abweichung vom genormten Schönheitsideal. Der feministische Zeigefinger kann in diesem Falle getrost unten bleiben, es ist nämlich zu bezweifeln, dass ein noch so flammender Artikel in der Emma über weibliche Landminenopfer hier mehr bewirkt hätte.
Etwas schwieriger gestaltet sich da die Verbindung Politik und Schönheit. Nun gehört das Gespann etwas ergrauter Mitte-Fünfziger mit schöner Anfang-Zwanzigerin in mittlerweile allen politischen Lagern zum guten Ton, die Instrumentalisierung von Misswahlen zu Wahlzwecken ist trotzdem ein heikles Thema. So versorgte Väterchen Kohl 1998 die Klatsch-Presse mit allerlei Stoff, als er mit der aus Ost- Berlin stammenden Miss Germany 1991/92 auf Wählerfang im Osten ging. In der DDR waren Schönheitswettbewerbe „Zeichen der Erniedrigung und Ausbeutung der Frau durch den Kapitalismus“. Kurzum: eine Ausgeburt der Hölle. Während bei uns also Schönheit und Politik wieder getrennte – sehr getrennte – Wege gehen, entdeckt Russland diese Strategie neu für sich. Was in Deutschland wohl zu bürgerkriegsähnlichen Szenarien führen würde, fällt in Russland einfach unter die Kategorie cleveres Marketing. Bekanntermaßen sieht sich die Atomenergiebranche mit gewissen Vorurteilen konfrontiert. So wird ihr gerne jedes schwerere Übel, vom kalten Krieg bis hin zur Umweltvergiftung in die Schuhe geschoben. Und wenn Schalke verliert, dann ist natürlich Gazprom Schuld. Das möchte man natürlich nur ungern auf sich sitzen lassen und wie ließe sich die Sympathie der Branche besser steigern, als durch schöne Frauen. Wer in den letzten Jahren an der Cote ´d Azur oder in St. Moritz war, weiß, dass es davon in Russland sogar eine ganze Menge von gibt. Dass diese auch in der Atomenergiebranche tätig sind, veranlasste das Web-Portal nuclear.ru dazu die Miss Atom-Wahl ins Leben zu rufen.
Da sag noch einmal jemand, der russischen Seele würde es an Humor mangeln. Sind die strahlenden Gewinnerinnen vor der Reaktorkulisse erstmal abgelichtet worden, wirken Ironie und Patriotismus doch gar nicht mehr so weit voneinander entfernt.
Wer hätte 1979, als Rudi Carrell die erste Miss Germany Wahl im Fernsehen moderierte, gedacht, dass der Begriff „Misswahl“ so viel kreativen Spielraum lässt.
Jedem Topf seinen passenden Deckel, jedem Freak seine Miss-Wahl.
(Antonia Märzhäuser)

Von fabrikfrischen und verrosteten Nägeln im Fleisch der parlamentarischen Demokratie.
Ein paar Gedanken zur Piratenpartei von Jan Off. ![]()
Im Januar 2010 heißt es, sich beim Bioschlachter und im Naturkostladen auf leere Regale einzustellen, feiern doch in eben diesem Monat Die Grünen ihr dreißigjähriges Bestehen. Wenn man sich das vergleichsweise gesittete Äußere ihrer aktuellen Vertreter vor Augen hält, will an den wilden Stil-Mix, den die Partei während ihrer Entstehungsphase nach außen transportierte, so gut wie gar nichts mehr erinnern. Ein BEDAUERNSWERTER Umstand, denn was waren das doch immer für erquickende Bilder von all diesen Aufbau- und Gründungstreffen: der strickende Vollbart mit Fusselmähne neben dem hageren Pastor im lederflickenbewehrten Cord-Jackett; dahinter ein barfüßiger Wünschelrutengänger Seit an Seit mit dem weißhäuptigen Träger eines Lodenjankers, den die Liebe zu Natur UND Vaterland in die Arme der Umweltbewegung getrieben hatte. Entsprechend bunt war der Pool der politischen Ansichten, wobei konservative Einstellungen durchaus eine größere Rolle spielten, als das im Nachhinein zu vermuten wäre. Beispielhaft sei hier an Herbert Gruhl erinnert, der neun Jahre lang für die CDU im Bundestag saß, bevor er sich für die Europawahl 1979 gemeinsam mit Petra Kelly als Spitzenkandidat des Grünen-Vorläufers Sonstige Politische Vereinigungen Die Grünen aufstellen ließ. Von seinen inner- wie außerparteilichen Gegnern regelmäßig als „Ökofaschist“ gebrandmarkt, verließ Gruhl Die Grünen alsbald wieder, um im Jahre des Herrn 1982 die ÖDP mitzubegründen, die dann unter seiner Führung auch gleich mal einen eher bedenklichen Kurs einschlug.
Derart krude Figuren geistern bei den ehemaligen Ökopaxen heute höchstens noch auf kommunaler Ebene herum. Aber für wunderliches, insbesondere rechtes Gelichter findet sich immer ein Reservat, in dem es für seine bizarren Gedankengebäude mehr als ein Paar offene Ohren findet. Im Moment ist das ganz unzweifelhaft die Piratenpartei, deren Mitgliedszahlen nach dem Entschluss, zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilzunehmen, rapide in die Höhe geschnellt sind. Naturgemäß zieht ein politischer Zusammenschluss, der seine erste Aufgabe in der Verteidigung digitaler Bürgerrechte sieht, neben den üblichen Computer-Nerds auch allerlei Verschwörungstheoretiker und sonstige Paranoiker an. Dass vor kurzem mit Bodo Thiesen allerdings eine Figur, die den Holocaust relativiert und Deutschlands Urheberschaft am 2. Weltkrieg leugnet, sogar ein Parteiamt abgreifen konnte, wenn auch ein vergleichsweise unbedeutendes, erinnert dann doch wieder an die Anfänge der Grünen, also an den fehlenden Überblick angesichts der schieren Masse enthusiastischer Aktivisten, beziehungsweise an das Fehlen klarer Richtlinien, wohin das Pendel denn nun genau ausschlagen möge.
Mittlerweile ist Bodo Thiesen seines Amtes als Ersatzmitglied des Bundesschiedsgerichts nicht nur wieder enthoben, ihm droht zusätzlich ein Ausschlussverfahren. Und so bleibt zu hoffen, dass die Partei, der er – Inschallah – bald nicht mehr angehören wird, sich in Zukunft endlich dem widmet, was ihr Name verspricht: Nämlich Lobbyarbeit für diejenigen, die sich ihren Teil vom Kuchen unter Zuhilfenahme von Schnellbooten und Schusswaffen abholen – für die somalischen Piraten also.
Nicht, dass mich hier jemand falsch versteht: Ich bin weder ein Freund von Freiheitsberaubung und Scheinhinrichtungen, noch möchte ich das Leid der entführten Besatzungen in Abrede stellen. Aber im Kino einen Säbelschwingenden Johnny Depp abzufeiern oder den eigenen Nachwuchs mit modischen Totenkopf-Emblemen auszustaffieren, um dann hernach die real existierende Seeräuberei als eine Ausgeburt des abgrundtief Bösen zu betrachten, während große Teile eines kompletten Kontinents in Agonie versinken, stellt eine Bigotterie dar, die nur schwer zu ertragen ist. Wenn also irgendwann die ersten gefangenen Piraten von der Fregatte Bremen in den Hamburger Hafen gebracht werden, dann will ich wenigstens die Mitglieder der Piratenpartei an den Landungsbrücken sehen. Natürlich mit Entermessern zwischen den Zähnen – und sei es nur dem Gebot der sportlichen Fairness zuliebe.
(Jan Off)

In Zeiten kollektiven Fremdschämens, wirtschaftlicher Unsicherheit und der an Körperverletzung grenzender Casting-, Running- oder Talentshows und den Doping- und Drogen durchweichten und zersetzten Sportevents wie Tour De France, Eisschnelllaufen und Triathlon, ist der Boxsport ein ehrliches und spektakuläres Element menschlicher Aggressions- und Sensationslust, auch wenn der geneigte Zuschauer und Boxfan die Machenschaften der verschiedensten Verbände, Promoter und Fernsehanstalten nicht unbedingt verstehen und durchschauen kann. ![]()
Der junge, gutaussehende und boxbegeisterte Mann auf dem Foto ist nicht ganz unbeteiligt daran, dass es im Boxen, zumindest im Supermittelgewicht, mal wieder ein wenig transparenter werden könnte. Sein Name ist Kalle Sauerland, er ist 32 Jahre alt und er verkörpert vielleicht die neue Generation der Boxmanager- und Promoter.
Natürlich kommt die Begeisterung und die Verpflichtung für den Boxsport nicht von ungefähr. Kalles Vater Wilfried machte in den 90er Jahren den Boxsport in Deutschland wieder gesellschaftsfähig. Henry Maske hieß der Boxer, der eine wahre Renaissance des Boxsports einleitete und den Grundstein dafür legte, dass Winfried Sauerland heute zu den erfolgreichsten Boxpromotern in der Welt gehört. Zu seinem Stall gehörten unter anderem Boxer wie Sven Ottke, Axel Schulz und Markus Beyer. Heute hängen die Hoffnungen an Arthur Abraham, Marco Huck, Nikolai Walujew und Sebastian Sylvester. Zuletzt, im Hinblick auf das im Herbst startende Super-Six-Turnier im Supermittelgewicht, konnte Sauerland zudem seine Chance auf den Titel verdoppeln, da man den aktuell wahrscheinlich stärksten Boxer dieser Gewichtsklasse, den Dänen Mikkel Kessler, verpflichten konnte. Nur das Schwergewicht macht ein wenig Sorgen, auch wenn Kalle Sauerland sagt: „Da kommen in den nächsten Jahren junge, deutsche Boxer, die das Zeug haben, Weltmeister zu werden.“ Die deutschen Boxfans hätten nichts dagegen, auch wenn man es gelernt hat, den Boxer nicht aufgrund seiner nationalen Herkunft zu bestaunen, sondern aufgrund seiner Fähigkeiten wie Mut, Kraft, Technik und Ausstrahlung. Natürlich darf ein gesunder Geschäftssinn nicht fehlen, doch das allein macht noch keine großen Champions aus und gerade im Schwergewicht fehlen diese Champions. Auch bei den Klitschkos ist man nicht alleine, wenn man in so mancher Kampfsituation das Gefühlt hat, Angst in ihren Augen entdecken zu können. Kalle Sauerland spricht da offene Worte: „Vladimir Klitschko hat ein Glaskinn. Das wurde bereits dreimal bewiesen.“
Kalle Sauerland könnte die Erfolgsgeschichte seines Vaters weiterführen, beziehungsweise, wenn man es genau betrachtet, steckt er bereits mittendrin. Schon früh erkannte er sein Talent und sein Interesse für den Sport und entdeckte seine Liebe für den englischen Fußball. Seine Augen glänzen. Er ist offensichtlich ein Fan. Auch wenn er sich nicht so richtig entscheiden kann, wie er sich verorten würde: als Deutscher oder als Engländer. In Wuppertal geboren, genoss er Schulzeit und Ausbildung in England und absolvierte ein Praktikum beim Sportmarketing-Branchenführer IMG. Auch das kam nicht von ungefähr, so war doch die Lektüre des Buches „What They Don‘t Teach You at Harvard Business School: Notes From a Street-Smart Executive“ von IMG-Gründer Mark H. McCormack, von dem man sagt, er habe das Geschäft mit dem Vermarkten von Sportlern und Sportereignissen erfunden, der Moment, in dem Kalle Sauerland beschloss, sich diesem Thema anzunehmen. Mittlerweile ist Kalle Sauerland Managing Director der Kentaro Group, die unter anderem die Rechte an Arsenal, Chelsea, Manchester City, der argentinischen und der brasilianischen Nationalmannschaft vermarktet. Zuletzt wurde ein Büro in Hamburg eröffnet.
Doch neben dem Fußball engagiert sich Kalle Sauerland in den letzten Jahren mehr und mehr im väterlichen Betrieb, der Sauerland Event GmbH, an der er mittlerweile auch mit 50 Prozent beteiligt ist. Sein bisher größter Clou ist sicherlich das jetzt anstehende Super-Six-Turnier, was er gemeinsam mit anderen Branchenriesen initiierte. So konnten die vermeintlich sechs besten Boxer im Supermittelgewicht verpflichtet werden, um über einen Zeitraum von einem Jahr den besten ihrer Zunft zu ermitteln. Mit dabei sind neben den Sauerland-Boxern Mikkel Kessler und Arthur Abraham auch Andre Dirrel, Jermain Taylor, Carl Froch und Andre Ward. Zusammen weisen die sechs Boxer eine Bilanz von 144 Siegen zu vier Niederlagen und einem Unentschieden auf. Das garantiert Qualität und Motivation. Auch wenn natürlich das zu verdienende Geld nicht im Hintergrund steht. Dass da nicht alle Verbände mitziehen, war vorauszusehen, doch ein erster Schritt ist getan, das Profiboxen für den Fan attraktiver und transparenter zu gestalten. Im Oktober geht es los, dann kämpfen Abraham und Taylor, voraussichtlich in der Berliner O2-Arena, um die ersten Punkte, denn über ein Punktesystem und ein Halbfinale sollen die zwei Boxer ermittelt werden, die zum Schluss um die Krone im Supermittelgewicht boxen. Kalle Sauerland wird dann mit Sicherheit am Ring sitzen und mitfiebern.
(Johannes Finke)

Zum Start der neuen Bundesliga-Saison hat sich unser Autor Jan Off mal ein paar sehr persönliche Gedanken zum Thema Fußballfans, Fanatiker und Vollidioten gemacht. ![]()
Gerade habe ich mir eine englische Punkband angesehen, die ich längst im Siechenhaus vermutet hatte. Nun sitze ich in der letzten U-Bahn und lasse die beeindruckende Fitness der greisen Musikanten noch einmal Revue passieren. Ich habe ein paar Anstandsbiere intus und darf sicher einen leichten Schwips mein Eigen nennen, aber ich bin weder aggressiv noch sonst wie auf Kontakt zu meiner Umwelt aus. Ich will einfach nur entspannt nach Hause geschaukelt werden, um dort noch ein, zwei Runden Online-Poker zu spielen und dieser Kiste Holsten Edel zuleibe zu rücken, die im Flur auf mich wartet.
So weit, so gottgefällig, bis an der Haltestelle Feldstraße plötzlich eine Gestalt in meinen Waggon steigt, die meine kontemplative Stimmung schlagartig Geschichte werden lässt. Auf den ersten Blick mag es sich bei dem bieder gekleideten Jüngling mit der schmächtigen Statur um einen harmlosen Zeitgenossen handeln, vielleicht um einen Studenten der Geisteswissenschaften. Aber nachdem er mir schräg gegenüber Platz genommen hat, verrät mir genaueres Hinsehen, dass ich es hier mit einem brandgefährlichen Eiferer zu tun habe. Der Bengel trägt doch allen Ernstes eine Wollmütze mit Hannover-96-Emblem. In Hamburg! An einem spielfreien Wochentag… Lupenreiner Hass flutet meinen Gefühlshaushalt. Und mit einem Mal macht sich auch der genossene Alkohol bemerkbar: Eine derartige Provokation kann ich unmöglich dulden! Ich muss die Mütze in meinen Besitz bringen und gleich hier in der U-Bahn zu Konfetti verarbeiten, besser noch: sie in Brand setzen und die Flammen anschließend mit einem Schwall meines Mageninhalts löschen.
Warum ich das tun muss? Ganz einfach: Ich bin in Braunschweig aufgewachsen. Und wie die meisten, deren Herz für den Braunschweiger Turn- und Sportverein schlägt, hat man mich Zeit meines Lebens gelehrt, alles, was auch nur ansatzweise mit der Zahl 96 zusammenhängt, abgrundtief zu verachten – so wie sie in der Leine-Metropole beigebracht bekommen, die Farbkombination Blau und Gelb für den Auswurf des Bösen zu halten. Woher diese gegenseitige Abscheu rührt, hat mir bisher niemand erklären können. Sämtliche Recherchen in Braunschweiger Fankreisen ergaben durchgängig simple Antworten, die mir empfahlen, in dieser Sache bloß nicht weiter nachzufragen. Hannover, oder Hanoi, wie sie in Braunschweig sagen, sei nun mal die Seuchenstadt schlechthin und gehöre am besten niedergebrannt. Punkt! Soll heißen: Die Feindschaft wird als genauso gottgegeben hingenommen wie die zwischen den Anhängern von Frankfurt und Offenbach, Dresden und Leipzig oder Karlsruhe und Stuttgart (um nur ein paar der bundesweit bekanntesten Fehden zu nennen), wobei sich das Ausleben des Hasses nicht nur auf Ereignisse, Orte oder Menschen beschränkt, die tatsächlich einen Bezug zum Fußball aufweisen.
Ein Freund aus alten Tagen, der irgendwann beruflich in Hannover zu tun hatte, bekam schon in der ersten Woche nach Arbeitsantritt den Motorroller mit Scheiß-BTSV- und Es-lebe-96-Parolen zerkratzt. Als er dann später in die Landeshauptstadt umgesiedelt war und sich entsprechende Nummernschilder für den unterdessen angeschafften PKW besorgt hatte, wurde demselben während eines Braunschweigbesuchs wiederum die Luft aus den Reifen gelassen.
Selbst der Umstand, dass die beiden Mannschaften aufgrund ihrer unterschiedlichen Ligenzugehörigkeit schon seit Jahren kein offizielles Spiel mehr gegeneinander bestritten haben, hat den gelebten Irrsinn bisher nicht minimieren können. Wie auch?! Wer in dem konsequenten Wahn dahinvegetiert, die Anhängerschaft eines anderen Vereins besäße den Status krankmachenden Ungeziefers, findet natürlich immer Gelegenheiten, diesem Imitat einer Weltanschauung tatkräftig Ausdruck zu verleihen.
So geht zum Beispiel ein Überfall auf die Hannoveraner Fankneipe Nordkurve im Februar 2009 mit hoher Wahrscheinlichkeit aufs Braunschweiger Konto. Circa 20 bis 30 Vermummte stürmen unter Schlägen und Tritten den Gastraum, in dem gerade die Auswärtspartie Gladbach – Hannover übertragen wird, bewerfen die Anwesenden – darunter nicht wenige Familien – mit Flaschen und Gläsern, treten Tische um und schleudern Stühle durch den Raum. Die Mitglieder einer zahlenmäßig vergleichbaren Gruppe Jugendlicher, die kurz darauf in Tatortnähe von der Polizei kontrolliert wird, kommen zum größten Teil aus…? Richtig: aus Braunschweig, dem sympathischen Joker an der Oker (Eigenwerbung)! Angeblich wollten sie sich ein Hockeyspiel ansehen.
So weit, so pubertär. Dass aber auch vermeintlich denkende Mitbürger gegen den volksgemeinschaftlichen Abwehrreflex nicht gefeit sind, den die Verteidigung der „eigenen“ Vereinsfarben nun einmal darstellt, zeigt sich nur einen Monat später anlässlich des in Hamburg ausgetragenen Spiels St. Pauli – Rostock. Während in den gängigen Internetforen selbst „linke“ Hansa-Fans ankündigen, dem in seiner Gesamtheit ja ebenfalls als links geltenden St.-Pauli-Anhang ordentlich auf die Fresse geben zu wollen, werden rund ums Millerntor zahlreiche Hauswände mit Slogans à la 06.03. – alle gegen HRO! besprüht.
Obwohl auf Rostocker Seite dazu aufgefordert worden war, im Notfall auch ohne Eintrittskarte nach Hamburg zu fahren, bleibt das von vielen erwartete Schreckensszenario von der 3000-köpfigen Horde, die während des Spiels marodierend über die Reeperbahn zieht, zwar aus; aber auch so gibt es, insbesondere nach Ende der Partie, ausreichend Momente, in denen sich die geschürte Aggression Bahn bricht. Der dabei an den Tag gelegte Wille, der Gegenseite körperliche Schäden zuzufügen, macht es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, hier würden zwei verfeindete Religionsgemeinschaften aufeinander treffen. Erst werden die abziehenden Hansafans mit einem Hagel aus Flaschen und Pyrotechnik eingedeckt, der nur den Schluss zulässt, die Angreifer könnten mit hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, es bei jedem ihrer Gegner mit einem ausgewiesenen Nazi-Hool zu tun zu haben. Danach wird sich mit den Sicherheitsorganen eine Straßenschlacht geliefert, die zwar bei weitem nicht an die Auseinandersetzungen vom 01. Mai des letzten Jahres in Barmbek heranreicht, aber dennoch alles übersteigt, was ich danach in Hamburg erleben durfte. Und das ausschließlich im Namen eines Fußballvereins!
Warum ich an dieser Stelle nicht auf das unsägliche Verhalten der Rostocker eingehe, insbesondere auf die von dieser Seite aus gestarteten Übergriffe während des Hinspiels? Einfach deshalb, weil der FC St. Pauli gemeinhin als Verein gilt, dem sich überdurchschnittlich viele Menschen mit einer, nennen wir es mal: „diffus progressiven“ Lebenseinstellung verbunden fühlen. Damit stellt der Klub in Sachen Fankultur zweifellos die Spitze eines dampfenden Misthaufens dar, der sich wie folgt auf den Punkt bringen lässt: Da wo vor Jahren im Normalfall ein politisches Bewusstsein vorhanden war, wabert heute oft nur noch ein Fußballfähnchen durchs ansonsten luftleere Hirn. Selbst Peter Hein, seines Zeichens Sänger der einstmals als textlich gehaltvoll gehandelten Band Fehlfarben, fällt auf die Frage, ob es nicht irgendwas gäbe, auf das er positiv Bezug nehmen könne, nichts weiter ein als: „Äh, ja … der FC ’ne.“ (Wobei es nun wahrlich egal ist, um welchen FC es sich hier überhaupt handelt.)
Nichts gegen den Sport als solchen. Und auch nichts gegen das leidenschaftliche Mitfiebern mit dieser oder jener Mannschaft. Wer aber meint, es sei schon eine relevante Meinungsäußerung, im beispielsweise schwarzen Kapuzenjöppchen mit Totenkopf-Aufdruck durch die Gegend zu traben, der geht vielleicht besser mal Sandburgen bauen. Und wer sich – gemeinsam mit seinen Fanclub-Kameraden – lieber an imaginären Feinden abarbeitet, als die gesellschaftlichen Widersprüche auf die Straße zu tragen, der kann ja genau diese Sandburgen dann mit seinem Schäufelchen vor den anderen Kindern oder streunenden Hunden beschützen.
Diesem Gedankengang folgend, entschließe ich mich, einmal das Neue zu wagen, und biete dem 96er vor mir eins meiner beiden mitgeführten Fahrtbiere an. Und siehe da, er nimmt es nicht nur an, sondern erweist sich auch sonst als durch und durch sympathischer Zeitgenosse. Dass wir uns dann später wegen des in der U-Bahn geltenden Rauchverbots in die Haare kriegen, ist eine andere Geschichte.
(Jan Off)

Die RAF ist längst nur noch Mythos und beliebiges Beispiel- und Beweismaterial und die Protagonisten sind verschollen, gebrochen oder Pop-Inventar. Trotzdem bleiben Fragen, retten sich Wichtigkeiten in andere Zeiten. Ein paar Gedanken zum Thema Isolationshaft von unserem Autor Jan Off. ![]()
"Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst. Das Gefühl, die Zelle fährt.“ Diese Sätze stellen sicherlich das in Deutschland bekannteste Zitat zur so genannten Isolationshaft aus der Sicht eines Häftlings dar. Sie entstammen einem Brief Ulrike Meinhofs aus ihrer Zelle in Köln-Ossendorf.
Isolationshaft bezeichnet eine Form der Inhaftierung, die den Gefangenen weitestgehend von menschlicher Kommunikation abschneidet. Das beginnt bei der Unterbringung in einer Einzelzelle und dem Verbot der Teilnahme an den gefängnisüblichen Gemeinschaftsveranstaltungen, setzt sich über Einschränkungen im Briefverkehr und im Besuchsrechts fort und endet schließlich bei der Verhinderung der Sicht nach draußen und der Abschottung gegen Außengeräusche. Mit dieser sozialen Isolation gehen häufig Maßnahmen einher, die eine Einschränkung der sinnlichen Wahrnehmung zur Folge haben: beispielsweise Tag und Nacht brennendes Neonlicht, vollständig weiße Wände und eine entsprechend reizarme Inneneinrichtung, luftdichte Zellentüren. Dieses, sensorische Deprivation genannte Verfahren kann, so es über einen längeren Zeitraum zur Anwendung gelangt, zu vielfältigen Störungen im Denkablauf führen; die Palette reicht hier von Konzentrationsschwächen und Desorientierung bis hin zu Halluzinationen und Depressionserkrankungen. In Verbindung mit dem Entzug sozialer Kontakte ergibt das eine Mischung, die nicht selten körperliche Schäden nach sich zieht.
Wer nun darauf schließt, die vordergründige Absicht der „weißen Folter“, wie die eben beschriebenen Methoden von ihren Gegnern auch genannt werden, sei die physische Auslöschung von Häftlingen, irrt. In erster Linie geht es darum, den Gefangenen zu Geständnissen und einem vollständigen Abschwören seiner missliebigen Überzeugungen zu bewegen. Manchmal mag auch einfach nur übersteigertes Sicherheitsdenken hinter den Maßnahmen stecken. Stets werden bei ihrer Anwendung jedoch gesundheitliche Risiken in Kauf genommen, die im schlimmsten Fall lebensbedrohlichen Charakter annehmen können.
Dass psychische Stressfaktoren ebenso traumatisierend zu wirken vermögen wie körperliche Qualen, zeigt eine Untersuchung der University of London aus dem Jahr 2007. Befragt wurden knapp 280 Folteropfer aus den Kriegen des ehemaligen Jugoslawien, die eine lange Liste unterschiedlichster Foltermethoden mit einem Punktesystem zu bewerten hatten. Isolation war dabei eine der Maßnahmen, die als am stärksten belastend empfunden wurden. Sie erhielt im Durchschnitt 3,5 Punkte auf einer Skala von 0 – 4 (wobei die 4 für äußerst belastend stand). Damit wurde sie ebenso hoch bewertet wie beispielsweise die Körperstreckung oder das Aufhängen an Händen und Füßen.
Wirft man einen Blick auf die Geschichte des Gefängniswesens, stellt das mittelalterliche Einkerkern sicher die Frühform der Isolationshaft dar. Einen ersten theoretischen Background lieferten dann die um das Jahr 1820 herum in Amerika entstehenden Bußhäuser. Von Quäkern und Freidenkern als Alternative zur körperlichen Bestrafung befürwortet, wurde jeglicher Kontakt zwischen den dort Einsitzenden verhindert. Besuche erhielten sie ausschließlich von Geistlichen, die einzige Lektüre stellte die Bibel dar.
Erfahrungen mit kollaborierenden US-Soldaten während des Koreakriegs in den 1950 Jahren ließen in den westlichen Ländern den Verdacht aufkeimen, dass die Gegenseite Instrumentarien zur Gehirnwäsche besäße. Daraufhin setzte in den Vereinigten Staaten, später dann auch in Europa, eine massive Forschung zum Thema Isolation ein. Hierbei wurden neben der speziellen Situation von U-Bootbesatzungen und der von Astronauten auch die Folgen von Einschränkungen im Bereich der Sinneswahrnehmungen auf Einzelpersonen untersucht.
Inwieweit Ergebnisse dieser Forschungen später in die Strafvollzugssysteme der jeweiligen Länder Einzug hielten, ist bis heute strittig. Unstrittig ist, dass Isolationshaft und sensorische Deprivation nicht nur in totalitären Systemen zum Tragen kommen. Bekanntestes Beispiel hiefür ist sicher das US-Gefangenenlager Camp X-Ray in Guantanamo. Dunkle Brillen, die den Sichtkontakt verhindern, dicke Handschuhe, die den Tastsinn lahmlegen, ein Hörschutz für die Ohren – der Verdacht, dass hier mit Techniken der Sinnesvorenthaltungen gearbeitet wurde, lässt sich nur schwer von der Hand weisen. Aber auch in anderen demokratischen Ländern finden sich mehr oder minder starke Ansätze von Isolationshaft. Beispielhaft seien hier die Türkei und Spanien genannt, denen von der Gesellschaft für bedrohte Völker und Amnesty International wiederholt vorgeworfen wurde, Menschen ohne ausreichenden Kontakt zur Außenwelt in Haft zu halten.
Wer sich mit dem Thema in Bezug auf die Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzt, stößt unweigerlich auf die Rote Armee Fraktion und ähnliche Organisationen, deren Mitglieder, so sie denn in Gefangenschaft gerieten, gleich einer ganzen Reihe von Sonderhaftbedingungen unterworfen waren. Nun liegt es in der Natur einer Gruppierung wie der RAF, eben diese Haftbedingungen propagandistisch auszunutzen, und so war schnell nicht nur von „Isolationsfolter“ sondern auch von „Vernichtungshaft“ die Rede. Wenn allerdings Verantwortliche für die damalige Situation der Inhaftierten, wie der ehemalige Justizminister Vogel heute davon sprechen, dass es Isolationshaft im Zusammenhang mit der RAF nie gegeben hätte, scheint auch diese Aussage nicht minder weit von der Realität entfernt. Zumindest den RAF-Mitgliedern Astrid Proll und Ulrike Meinhof müssen entsprechende Erfahrungen attestiert werden. Beide saßen in den Jahren 1971 – 73 nacheinander im so genannten „Toten Trakt“ der Vollzugsanstalt Köln-Ossendorf, die eine sechs, die andere neun Monate. Toter Trakt deshalb, da alle anderen Zellen des vom Hauptgebäude abgetrennten Hauses leer standen. Die Zelle selbst war komplett weiß gestrichen und verfügte über ein Fenster, das sich erst gar nicht, später nur einen Spaltbreit öffnen ließ. Das Neonlicht brannte rund um die Uhr. Als Astrid Proll, die im Juni 72 zwischenzeitlich in den Männertrakt der Anstalt verlegt worden war, beim Prozess gegen Horst Mahler aussagen sollte, wurde sie aus gesundheitlichen Gründen für verhandlungsunfähig erklärt, später dann wegen Haftunfähigkeit vorerst entlassen.
Nach der faktischen Auflösung der RAF und dem Ende der zum Teil mit äußerster Heftigkeit geführten Debatten um die Haftbedingungen der ersten und zweiten Generation ihrer Kader, scheint das Thema aus der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend verschwunden. Dabei spielt Isolation, wenn auch sicher nicht in der damaligen Ausprägung, nach wie vor eine Rolle im hiesigen Vollzugssystem. Nach einer Inspektionsreise durch verschiedene deutsche Haftanstalten im April 1996 kam das Anti-Folter-Komitee des Europarates zu dem Schluss, dass die bis zu mehreren Jahren dauernde Isolierung von Häftlingen „unter bestimmten Umständen“ eine „inhumane und entwürdigende Behandlung“ darstelle. Insbesondere in einem Gefängnis in Mecklenburg-Vorpommern würde die Isolationshaft nicht aus Sicherheitsgründen verhängt, sondern als Strafe. Neun Jahre später erhob dasselbe Komitee schwere Vorwürfe gegen die Untersuchungshaftanstalt Hamburg. Die dort einsitzenden Abschiebhäftlinge würden zu zweit oder allein 23 Stunden am Tag weggeschlossen, ohne dabei über Fernseher oder Lektüre zu verfügen. Im Jahr 2008 beklagte das Komitee für Bürgerrechte und Demokratie, dass auch viele andere Gefangene 23 Stunden am Tag vor sich hindämmern würden. Nebenher wurde die faktische Rechtlosigkeit der Häftlinge thematisiert. Selbst wenn die Insassen bessere Haftbedingungen einklagten, gäbe es „keine Möglichkeit, die Gerichtsbeschlüsse zum Beispiel mit Zwangsgeldern durchzusetzen.“ Dieses Mittel sei vom Gesetzgeber einfach nicht vorgesehen. Auch im Hier und Jetzt gilt also: Die Würde des Menschen ist antastbar.
(Jan Off)

Cosma Shiva Hagen berichtete in der letzten Ausgabe über eine Reise nach Afrika, über Fairtrade und Social-Clothing und darüber, wie in Burkina Faso die Sonne aufgeht. In der u.a. von ihr betriebenen, neuen Sichtbar in Hamburg geht Cosma diesen Weg unbeirrt weiter und präsentiert unter dem Thema „African Souls & Fairtrade Fashion“ Fotografien von Santiago Engellhardt und Thomas Eigel. Ein paar eigene Schnappschüsse hat sie auch noch unter die Exponate geschmuggelt. ![]()
05.05. – 12.06.
Hamburg, Sichtbar
Fischmarkt 5–9
tägl. (außer Montags) von 12 – 22h

Die „schönste Frau Deutschlands“ macht sich auf den Weg in eines der ärmsten Länder Welt, um ihrer Verantwortung für den Schwarzen Kontinent gerecht zu werden und die Medien interessiert es nicht. Cosma Shiva Hagen schreibt über Fairtrade, ihre Rolle als „Baumwoll-Patin“ und die moralische Pflicht der westlichen Verbraucher. ![]()
Am frühen Morgen des 28. November 2008 klingelt mein Wecker. Es ist vier Uhr in der Früh, und ich mache mich noch im Dunklen auf die Suche nach meinen Sieben Sachen für eine 5-tägige Reise nach Afrika. Mit einem circa 10-köpfigen Team und im Auftrag von „Fairtrade Deutschland“ machen wir uns auf den Weg in eines der rohstoffreichsten und dennoch ärmsten Länder der Welt. Am Flughafen werde ich bereits erwartet. Wohingegen ich noch nicht so richtig weiß, was mich erwartet. Aber ich weiß zumindest, mit welchem Auftrag wir uns auf diese Reise machen. Wir, das sind ein Kamerateam aus Hamburg, ein Fotograf aus Berlin, Dieter Overath, der Direktor von Fairtrade Deutschland mit zwei seiner Mitarbeiterinnen und ich.
Als ich Anfang des Jahres darum gebeten wurde, dieses Projekt zu unterstützen, hieß es, dass wir Ende des Jahres in Burkina Faso eine Dokumentation drehen würden, um die Werbetrommel für fair gehandelte, biologisch angebaute Baumwolle zu rühren. Mit einer kleinen Prise Idealismus, gutem Willen und Neugier im Gepäck werden wir auf den Spuren des weißen Goldes wandern. Das Ziel: Die Themen fairer Handel, Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein paar Rangplätze auf der Agenda der Menschen in Europa nach oben schieben. Aber ob es überhaupt etwas an der Denke der Menschen ändern wird?
Ich stelle mich ein auf eine angekündigte Armee von Journalisten, aber wie sich herausstellt, hat in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und Obama-Mania keiner so recht Zeit oder Interesse an diesem Thema. Die schnelle Nachricht ist dieser Tage mehr wert, als ethische Fragen. Afrika scheint, durch die andersartige Mentalität, die vielen Bürgerkriege, die Korruption, die immer wiederkehrenden Probleme und der daraus resultierenden Ohnmacht immer wieder gerne vergessen und aus den Köpfen der Europäer verdrängt zu werden. Zwei Journalisten aus Frankfurt und Österreich begleiten uns immerhin doch noch.
Nach einem langen Flug und einer kurzen Fahrt durch die Dunkelheit kommen wir im Hotel an. Aber: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts! Es ist stockfinster und im Hotel ist der Strom ausgefallen. Willkommen in Afrika! Wir checken alle ein und ich stelle fest, dass ein Handy ohne Netzempfang trotzdem sehr nützlich sein kann. Auf der Suche nach meinem Zimmer stolpere ich mit dem dürftigen Licht des Mobiltelefons durch den Hotelflur an sämtlichen Zahlen vorbei, blicke voller Vorfreude einer ereignisreichen Woche entgegen und wünsche mir zeitgleich für die nächsten Tage, dass wenigstens ein anderes Licht im Dunkeln zum Vorschein kommen möge, und wir einiges über dieses Land und seine Menschen in Erfahrung bringen können.
Nach meiner ersten Nacht in der Hauptstadt Ouagadougou werde ich von den ersten Sonnenstrahlen des Tages geweckt. Die ehemalige französische Kolonie Westafrikas kam erst Mitte der achtziger Jahre zu seiner heutigen Bezeichnung Burkina Faso – „Land der ehrenwerten Menschen“. Ehrenwerte Ziele verfolgte auch der damalige sozialistische Revolutionär Thomas Sankara, dessen Politik auf den Kampf gegen Hunger und Korruption ausgerichtet war. In Anlehnung an kubanische und andere Revolutionen setzte er in seiner Regierungszeit beachtliche Zeichen. Minister wurden dazu verpflichtet, den Fuhrpark ihrer Ministerien zu verkaufen und durch einen Renault 5 –die billigste Variante Auto zu jener Zeit – zu ersetzen. Er verbot die Beschneidung von Frauen und seine Leibwache war ebenfalls eine nur von Frauen zusammengesetzte Einheit auf Motorrädern. In seiner Regierungsmannschaft befanden sich so viele Frauen, wie nie zuvor in einem afrikanischen Staat.
Und auch heute noch weht jener Geist der Toleranz durch das Land. Denn trotz der vielen verschieden ausgeübten Religionen kommt es im alltäglichen Leben scheinbar zu keinen nennenswerten Problemen, was der hohen religiösen Toleranz der Burkiner zugeschrieben wird. Später auf dieser Reise wird man mir erzählen, dass man zwar Witze über den anderen macht, sich danach aber wieder die Hände reicht. Welch schönes Alleinstellungsmerkmal in einer Region voller Konflikte.
In der Stadt reiht sich ein Verkaufstand an den anderen. Es werden so viele Dinge angeboten, die hier zu Lande wahrscheinlich kein Mensch braucht, zumindest nicht in dieser Menge, und es stellt sich die Frage, wer zum Teufel diesen ganzen Kram kaufen soll. Wir sind hier nicht gerade in einem afrikanischen Urlaubsgebiet gelandet, wo Touristen sich allerhand Schnickschnack mit nach Hause nehmen. Man wird dazu überredet, irgendetwas zu kaufen, ob man es braucht oder nicht. Ein Straßenverkäufer wird mit einer beneidenswerten Phantasie Gründe erfinden, warum sein „Kunde“ dringend und unbedingt etwas bei ihm kaufen muss. Einer unserer Kameramänner wird später mit Übergepäck zurückreisen…
Es ist heiß in Ouagadougou und die Luft ist trocken und staubig. Eine unangenehme Duftwolke aus verfaultem Müll, Smog und etwas Undefinierbarem breitet sich über der Stadt aus. Wir bekommen davon zum Glück wenig mit und machen uns stattdessen in einem klimatisierten Geländewagen im Konvoi mit Fahrern und Übersetzern in die Region Dano. Wir fahren nicht gerade langsam, dennoch werden wir von einem Bus überholt, an dem circa 50 lebendige Hühner kopfüber hängen, und ich kann es mir kaum verkneifen, zu denken: Ist das eigentlich artgerecht oder ist Käfighaltung Luxus dagegen? Der nächste Bus, der uns überholt, trägt auf dem Dach drei Ziegen, die auf unerklärliche Weise ihr Gleichgewicht zu halten scheinen. Der dritte Bus überholt uns derartig grotesk mit Mensch und Zeug überladen, dass man sich fragt, wie es sein kann, dass er unbeeindruckt weiter fährt, anstatt einfach mal zur Seite umzukippen. Da fällt mir ein Satz ein, den ein alter Freund aus dem Senegal zu solchen Gelegenheiten immer anbrachte: „Who the fuck said, we can´t?“ und Obama würde hinzufügen „Yes, we can!“
In Burkina Faso fahren wir alle fünf Minuten an einem Baumwollfeld vorbei. Unser Ziel ist das Dorf Complan, in dem viele Bauern sich vor einigen Jahren zu Kooperativen zusammengeschlossen haben, um für Fairtrade große Mengen Bio-Baumwolle anzubauen. Nach einigen Stunden Fahrt kommen wir im Dorf an und werden mit einer poetischen Rede vom Dorfältesten begrüßt. Dieter Overath revanchiert sich und hält in unser aller Namen ebenfalls eine kurze Rede. „For us, coming here is like coming to see friends“. Was sich kitschig anhört, fühlt sich aber tatsächlich so an und da das restliche Team hier schon einmal gedreht hat, ist es auch Realität. Wir bauen eine Leinwand auf, um allen das gedrehte Material vom letzten Besuch zu zeigen. Es wird uns eine Schüssel mit selbst gemachtem Hirsebier – Zorgun – gereicht. „L´éau pour l´étranger“ – „Wasser für die Fremden“. Während die Männer und Frauen tanzen und singen, versuchen wir, unsere Technik aufzubauen. Ein wahrhaft symbolisches Bild für die Welten, die hier aufeinander knallen. Die Herzlichkeit, mit der wir hier begrüßt werden, ist typisch für Afrika. Diese scheinbare Sorglosigkeit und Lebensfreude der Menschen ist unvergleichbar. Wäre es denkbar, dass wir für einen Moment einfach mal den Dreh vergessen und auch singen und tanzen? Wann haben wir verlernt, auch mal für Dinge dankbar zu sein und inne zu halten? Die Menschen hier haben weitaus weniger Möglichkeiten und strahlen dennoch mehr Herzenswärme aus, als die Mehrheit der Menschen, die mir in Europa in den Straßen entgegenlaufen. Die unerschütterliche Zuversicht der Menschen hier muss man aber wahrscheinlich auch als einen Schutzmechanismus sehen. Optimismus als Überlebensstrategie.
Nachdem wir den Film vorgeführt haben, setzen wir uns alle in eine Reihe vor eine liebevoll gedeckte Bank, die mit allen Rohstoffen, die hier geerntet werden, geschmückt wurde. Mais, Erdnüsse, Sesam, Hibiskus, Hirse, Shea Butter, Reis und vor allem Baumwolle. Der Chef der Bauern-Kooperative will Rede und Antwort zu Zahlen und Fakten stehen. Als Erstes begrüßt er alle seine Arbeiter, die ebenfalls gekommen sind, mit dem Satz „Danke an alle meine Sklaven“. Großes Gelächter breitet sich aus und ich kann mir einen leicht verwirrten und nachdenklichen Moment kaum verkneifen.
Es hat Jahrhunderte gedauert, bis aus den Samenhaaren der Malvenpflanze das global begehrte „weiße Gold“ wurde. Bis ins 20. Jahrhundert war Baumwolle das wichtigste Exportgut der US-Südstaaten. Dort hatten Plantagenbesitzer im 19. Jahrhundert ihr Geschäft auf dem menschenverachtenden Einsatz afrikanischer Sklaven errichtet. 1860 gab es in den Konföderierten Staaten 3,5 Millionen Sklaven unter den insgesamt 9,1 Millionen Bewohnern. Die Baumwollpflücker wurden körperlich ausgebeutet und seelisch misshandelt. Hunderttausende starben in Folge der Sklaverei.
Heute schreiben wir das Jahr 2009. Was hat sich seither geändert? Seit Jahrhunderten werden die rohstoffreichsten und dennoch ärmsten Länder der Welt ausgebeutet. Und das für Produkte des täglichen Gebrauchs: Kaffee, Wolle und so weiter. Klingt wie ein Widerspruch, ist aber Realität. Woran liegt das? Ignoranz? Gleichgültigkeit? Unwissenheit?
Wenn die Menschen sich darüber im Klaren wären, wie sie mit ihrem Konsumverhalten zur allgemeinen Wirtschaftslage beitragen, würden sie sich dann auch dementsprechend verhalten? Wenn eine Familie mit vielen Kindern von Hartz IV lebt, würde sie trotzdem Sachen kaufen, die womöglich durch Kinderarbeit entstanden sind, nur um Geld zu sparen? Oder würden sie sich eher für Tauschbörsen wie Oxfam interessieren, wenn sie in diesem Gebiet mehr Aufklärung erfahren würden?
Ich bin ja selbst nicht ganz frei davon, und es ist schlicht nicht angemessen zu erwarten, dass sich jeder einzelne Konsument in den westlichen Industrienationen Tag für Tag darüber Gedanken macht, was er getrost kaufen darf, wo es herkommt, wie viel Benzin oder Energie er verbraucht hat und wie viel Wasser man hätte sparen können. Und ich glaube, das ist in unserer heutigen Gesellschaft auch fast nicht mehr zu ändern. Zumindest nicht, solange größere Firmen weiterhin so beliebt bleiben, wenn sie sich nicht für fairen Handel entscheiden und mit gutem Beispiel voran gehen. Da kommen wieder die Konsumenten ins Spiel, wobei ich mir denke, dass es den Kids wahrscheinlich egal ist, ob ihre Turnschuhe durch Kinderarbeit entstanden sind oder nicht. Den meisten reichen Hausfrauen ist es wahrscheinlich auch egal, wie sie in ihren Luxusschlitten zur Umweltverschmutzung beitragen, während sie samstags die Biokost fürs Baby kaufen fahren. Die Menschen in der Dritten Welt müssen unseren Lebensstandard ausbaden, wenn durch die Umweltverschmutzung Flutwellen ihr Land und ihre abertausenden Wellblechhütten umkreisen. Und das in Gebieten, wo man schon so ärmlich lebt, dass man weiß Gott andere Sorgen hat.
Es ist es höchste Zeit, dass wir zumindest ein Verantwortungsgefühl entwickeln, das in dieser Hinsicht einen gewissen Ausgleich und eine Balance schafft zwischen unbewusstem Konsum und gezielter Nachhaltigkeit.
Fairtrade setzt hier an einem Punkt an, der zukunftsweisend ist. Wobei man eines ganz klar verstehen muss: Fairtrade ist nicht gleich Bio und Bio ist nicht gleich Fairtrade. Das wird oft falsch verstanden. Was nutzt mir eine Bio-Banane, wenn sie durch Zwangsarbeit und ungerechte Subventionen bei mir auf dem Teller gelandet ist und der Bauer, der sie gepflückt hat, keinen Cent dafür erhalten und seine Gesundheit durch die Pestizide beim konventionellen Anbau eingebüßt hat? Beim biologischen Anbau geht es bei den meisten doch nur darum, ihre individuelle Lebensqualität zu verbessern und gewiss nicht darum, fairen Handel und Umweltschutz zu unterstützen.
Fairtrade bemüht sich, den vielen Bauern zu ermöglichen, vom konventionellen Anbau auf Bio-Anbau umzustellen. Die Umstrukturierung ist eine schwierige und langwierige Arbeit, denn es dauert etwa vier Jahre, bis die Pestizide nicht mehr im Boden nachweisbar sind. Trotzdem nehmen dies immer mehr Bauern in Kauf, weil sie mittel- und langfristig davon nur Vorteile haben. Das mit dem Bioanbau hat sich herumgesprochen und es finden sich immer mehr Bauern in Fairtrade-Kooperativen zusammen. In diesem Projekt werden die Bauern durch Fachleute im biologischen Anbau geschult. Ihre Einnahmen und eine Prämie für die gemeinschaftliche Infrastruktur sind garantiert. Ihre Gesundheit wird nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen, wodurch sich vor allem für Frauen ganz neue Möglichkeiten bieten. Die Fruchtbarkeit der Frau hat hierzulande einen besonders hohen Stellenwert und so war es den meisten Frauen nicht erlaubt, auf den Feldern zu arbeiten – die Pestizide stellten ein zu hohes Risiko für Fehlgeburten da. Auch allein erziehende Frauen haben nun endlich die Chance, ihre Zukunft besser zu gestalten. Bisher kann nur ein Bruchteil der afrikanischen Baumwollproduzenten am fairen Handel teilhaben. Ziel muss es sein, den Millionen Bauern und Bäuerinnen zu ermöglichen, von ihrer Arbeit leben zu können.
Am zweiten Tag meiner Reise werde ich auf ein Baumwollfeld geführt, wo gerade geerntet wird. Lachend und singend zeigen mir die Frauen, wie ich die Wolle pflücken soll und machen mich charmant darauf aufmerksam, dass ich eine Ecke vergessen habe. Ich sehe eine 20-jährige Frau, die ein Baby auf den Rücken geschnürt trägt und dazu an beiden Händen jeweils ein Kind hat, auf das sie noch zusätzlich aufpassen muss, während sie die Baumwolle erntet. Ich frage mich, wo ihre Baumwolle landet. Sie landet dort, wo andere Mädchen ihres Alters das größte Problem darin sehen, dass sie nicht genauso viele trendige Accessoires besitzen, wie ihre Vorbilder in den Gazetten der Yellow Press.
Als ich vor circa acht Jahren vom UNHCR gefragt wurde, ob ich als Botschafterin nach Sierra Leone reisen würde, um Schulen für ehemalige Kindersoldaten zu bauen und Spendenaufrufe zu drehen, wusste ich noch nicht, dass dies mein ganzes weiteres Leben verändern würde. Ich bin durch die Punkzeit meiner Mutter geprägt und auch durch die Erfahrungen, die ich in der Gesellschaft sozial-kritischer und politischer Menschen verbringen durfte. Durch meine Erziehung war ich mir also dessen bewusst, was auf der Welt so los ist. Und dennoch hatte ich nie einen richtigen Bezug dazu. Ich habe nicht hundertprozentig danach gelebt, weil ich es nicht hundertprozentig gefühlt habe. Ich bin hierher gefahren, weil es für mich einfacher ist, Menschen von einer Idee zu überzeugen, wenn ich mich selbst davon überzeugt habe. Wenn ich vor Ort die Menschen kennengelernt habe, die direkt von der Problematik betroffen sind, kann ich es dadurch zwar nicht ganz nachempfinden, weil ich nur die Oberfläche mitbekomme. Aber es gibt mir zumindest eine Ahnung von dem, was die Menschen durchmachen und es ist im Nachhinein so, als würde ich Bekannten oder Freunden helfen. Deshalb kann ich es gewissen Politikern und Wirtschaftslenkern nicht einmal übelnehmen, dass sie sich nicht vollständig verantwortlich fühlen für diese Themen. Aber wie können wir das ändern?
Statt Big Brother und Dschungelcamp, womit sich anscheinend die halbe Nation beschäftigt, könnte man doch auch mal ein TV-Format ins Auge fassen, in dem Menschen, die in dieser Hinsicht etwas bewegen könnten, ausgesetzt werden und hier irgendwie klarkommen müssen. Soll Paris Hilton doch im afrikanischen Bürgerkrieg ihren best friend forever finden.
Die Baumwolle ist ein Symbol großer Hoffnung für den afrikanischen Kontinent. Gleichzeitig aber auch ein politisches Konfliktfeld. Da die Baumwolle auch heute noch eine der wichtigsten Naturfasern ist und allein mit der Produktion, dem Transport und der Lagerung weltweit rund 350 Millionen Menschen beschäftigt sind, ist sie mittlerweile sogar an der New Yorker Terminbörse ein begehrtes Spekulationsobjekt. Somit schwanken aber auch die Preise am Weltmarkt. Die Verhandlungen der Welthandelsorganisation lassen noch immer kein positives Signal erkennen. Dabei spielt die Baumwolle gerade für Westafrikanische Länder wie Burkina Faso eine große Rolle im Kampf gegen Armut.
Die Sonne geht unter in Burkina Faso. Mir wurde erzählt, dass das Jahr 2007 eine sehr karge Ernte brachte. Der Regen fiel unregelmäßig, überschwemmte das Saatgut, in der Folge kam es zu Hungerrevolten. 2008 hingegen gab es eine hervorragende Ernte und die Lage hat sich entspannt. Dementsprechend grün ist es hier während unserer Reise. Grün wie die Hoffnung! Somit verlasse ich Burkina Faso mit einem hoffnungsvollen Gefühl und Wachstum ist das, was ich diesem Land wünsche, während ich vom Flugzeugfenster auf Burkina herunter schaue.
Oftmals scheitert die sogenannte Hilfe zur Selbsthilfe an der einfachen Frage, wo man gezielt ansetzen kann. In dieser Hinsicht ist die Fairtrade-Idee fast so revolutionär wie die damalige Politik von Thomas Sankara. Und dennoch so einfach und logisch, dass es einem unbegreiflich ist, warum es für fair gehandelte Rohstoffe noch immer keine international gültigen Gesetze gibt, die Kinderarbeit, ungerechte Subventionen und Ausbeutung verhindern.
1987, eine Woche vor der Ermordung Thomas Sankaras durch einen Putsch des Militärs, zitierte er in einer Rede zum Gedenken Che Guevaras den Satz eines Offiziers bei der kubanischen Revolution: „Nicht schießen – Ideen lassen sich nicht töten!“
(Cosma Shiva Hagen)

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