KOLUMNEAUGUST 2010
"Wollen wir dieses Jahr nich' zu Howard gehen?", fragt mich Gotti.
Um Himmels Willen! Will ich das? Bin ich wirklich schon bereit für Howard? Ich meine, ich bin jetzt 32 Jahre alt und halte mich selber für geistig noch völlig auf der Höhe. Wenn ich jetzt tatsächlich schon zu Howard gehe, ist das nicht ein eindeutiges Eingeständnis, dass ich mich längst viel älter fühle, als ich tatsächlich bin?
Gotti war jedenfalls 2003 schon einmal bei einem Howard-Carpendale-Konzert und schwärmt noch immer in den höchsten Tönen von diesem Ereignis, und das, obwohl Carpendale selber relativ lustlos seine Show durchgezogen haben soll.
Mittlerweile ist Howie 64 Jahre alt, und ich kann mir kaum vorstellen, dass seine Lust, auf der Bühne zu stehen und seine alten Hits zu singen, in den letzten sieben Jahren merklich größer geworden ist. Bei Wikipedia ist übrigens zu lesen, dass Howard auch am Entstehen der Titelmusik zu "Meister Eder und sein Pumuckl" beteiligt war. Ob er das Lied auch auf seinen Konzerten singt und dabei lustig über die Bühne hüpft? Eine niedliche Vorstellung. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das ein Grund wäre, zu einem Howard-Carpendale-Konzert zu gehen. Oder vielleicht doch eher ein Grund dafür, auf keinen Fall hinzugehen?
Neulich musste ich ja weinen, als ich Howard Carpendale gehört habe. Nee, also nicht so richtig weinen, sondern mehr so das Vergießen einer Glücksträne. Vielleicht lag es auch daran, dass ich sowieso gerade glücklich war, als ich an jenem Morgen durch den Schnee nach Hause stiefelte. Am Tag zuvor hatte ich mir "Du hast mich" heruntergeladen. "Du hast mich" ist wahrscheinlich das beste Lied, das je geschrieben und aufgenommen wurde. Okay, okay, jetzt wird's unrealistisch. Aber es ist definitiv das beste Lied auf der Langspielplatte "Howard Carpendale Nr. 1" von 1970. Was das Lied so besonders macht, ist wohl der Umstand, dass Herr Carpendale hier ansatzweise versucht, so wie Jimi Hendrix zu klingen. Nicht nur die Lead-Gitarre nervt sich grotesk verzerrt durch den Song, nein, auch Howie röhrt zwischendurch wie ein brünftiger Hirsch im Walde. Eine wahre Pracht. Es ist völlig zwecklos, mir selber weiterhin etwas vorzumachen und so zu tun, als würde Howard Carpendale in meinem Leben überhaupt keine Rolle spielen. Ich lade seine Musik aus dem Internet herunter, bezahle sogar dafür, ich stehle seine Plakate von Theaterkassen, ich wähle um acht Uhr morgens gerade eines seiner Lieder aus, obwohl ich auch eines der anderen 12.000 auf meinem iPod hören könnte, und ich verspritze auch noch "Tränen des Glücks" dabei. (Wenn man übrigens bei iTunes "Tränen des Glücks" in die Suchmaschine eingibt, dann erscheint nur der Satz: "Ihr Suche lieferte keine Ergebnisse." Sollte wirklich noch kein Schlagerproduzent auf die Idee gekommen sein, ein Lied namens "Tränen des Glücks" zu schreiben? Nicht einmal Howie? Verrückt!)
Neulich, beim so genannten Auflegen in einer Bar im Friedrichshain, gelang mir sogar der geschmackliche Glücksgriff, "Hello Again" gleich nach "Sabotage" von den Beastie Boys zu spielen. Was für eine Mischung! Aber ich schaute in glückliche Gesichter, und die Gäste tanzten einfach weiter. Das sind die Momente, in denen ich anfange, debil zu lächeln, denn ich weiß: Ich bin nicht allein. Ihr findet Howie doch auch alle geil!
Und nun will Gotti also mit mir zum Carpendale-Konzert gehen. Gehe ich hin? Gehe ich nicht hin? Vielleicht doch lieber zu Arcade Fire?
Sven van Thom
Über Sven van Thom
Sven van Thom ist Sänger, Gitarrist und Schreiber seiner eigenen Lieder in Deutscher Sprache und jetzt auch BLANK-Kolumnist. Seine großen Themen sind Melancholie, Liebe und Albernheit. Er wurde 1977 geboren, wuchs in einem Dorf namens Stolzenhagen, nicht weit von Berlin auf und wohnt nun seit mehr als zehn Jahren in der Hauptstadt. Regelmäßig (an jedem letzten Sonntag im Monat) kann man Sven van Thom live im NBI in der Kulturbrauerei erleben. Dort tritt er mit seinem Wegbegleiter Martin Gottschild unter dem Namen "Tiere streicheln Menschen" auf. Zwischendurch tourt er durch die Republik, veröffentlicht CDs oder produziert die Musik seiner Band BEATPLANET und die anderer Künstler.
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