STORIESDIE TEXTHÖLLE

Geschichten unserer Autoren über alles was wichtig und richtig, schön und hässlich, gut und schlecht ist.
STORIESDEZEMBER 2011
von Stefan Kalbers
Für diesen Text von Blank-Autor Stefan Kalbers sollte man sich Zeit nehmen, denn hier geht es um Besinnlichkeit. Im wahren Sinne des Wortes. Und wann stehen für einen Reality-Check die Sterne günstiger als im Advent, am Ende eines Jahres, wenn man sich selbst mit der bitteren Wahrheit, dem Großen und Ganzen, wenn man sich selbst mit dem eigenen Anspruch konfrontiert. Im März erscheint Kalbers neues Buch „Flecken“ im Unsichtbar Verlag.
STORIESJANUAR 2011
von Elmar Bracht
Hans Henning kann die Phantasien nicht aussprechen. Nicht in Gegenwart anderer. Nicht in ihrer Gegenwart. Er verspürt keine Scham, damit hat es nichts zu tun. Es geht nur darum, fiktiv-sprachliche Konfrontation zu meiden, wenn es Aussicht auf real-körperliche Umsetzung gibt. Sie wird es spüren und ebenso spüren lassen. Sie ist erwachsen. Eine Frau. Kein Mädchen. Zumindest genug Frau um auch das Mädchen sein zu können. Ihre Fotze dagegen ist schlichtweg glatt wie die einer zehn-jährigen. Sie zeigt das mit Stolz. Sie fühlt sich attraktiv und begehrenswert. Sie fühlt sich wie eine antike Lustgöttin und schlägt Hans Henning ins Gesicht. Der packt sie am Hals. Sie röchelt. Das Fenster steht auf. Die Nachbarn sind ihm egal. Hans Henning kennt sie nicht. Man lernt sich nicht mehr kennen, nur weil man nebeneinander wohnt. Manchmal nimmt am Leben teil. Wenn es auf dem Flur oder im Innenhof ab und an mal lauter wird. Wenn es brennt. Wenn jemand stirbt und der Leichenwagen vor dem Haus steht.
STORIESAPRIL 2010
von Teresa Bücker
Meine erste Hochzeit begab sich im Garten meiner Eltern. Eine Gardine aus der Karnevalskiste verschleierte die kleine Braut. Zwei Wochen später wurde ich eingeschult. Mein zweiter Eheschluss folgte mit 23 und war durchaus ernster, obgleich ohne Brautkleid, ohne Pfarrer, und ohne Gäste. Ein Klick und der Ring saß am Finger. Ich stellte meinen Beziehungsstatus in meinem StudiVZ-Profil auf verheiratet. Der Überfluss an Oxytocin in meinen Adern ließ mich glauben, dieses Mal sei es für immer. Aber noch mehr schwingt mit als ein impulsiver Glücksmoment, wenn junge Menschen in sozialen Netzwerken ihrer Beziehung virtuell Gewicht verleihen. Die Preisgabe im Internet, ob der Herr oder die Dame Single, in einer Beziehung, verheiratet oder geschieden sind, ist Selbstdefinition, dient der schmerzlosen Kommunikation und ist nicht zuletzt ein Status, sondern oftmals Statussymbol.
STORIESAPRIL 2010
Boris Guschlbauer
Im Jahre 1979 begann das Abenteuer der Rallye Paris – Dakar. Die längste und härteste Rallye der Welt wurde zum Sinnbild des Draufgängertums schlechthin und viele Hobbyrennfahrer wünschten sich nichts sehnlicher, als nur einmal an dieser Herausforderung teilzunehmen.
STORIESJANUAR 2010
von Stefan Kalbers
Sexuelle Nahkampfpraktiken, insbesondere aber der Coitus, bargen zu allen Zeiten und an allen Orten der Welt zumindest zwei schwerwiegende Risiken:
1. Die Ansteckung mit Krankheiten (z.B. AIDS)
2. Die Zeugung von Artgenossen (z.B. Kinder)
Dabei ist es müßig zu diskutieren, welcher der beiden Spätfolgen der Vorzug zu geben ist. Fakt ist, es läuft auf den Tod des bisher gekannten Lebens hinaus.
Besonders dann, wenn Punkt eins und zwei gleichzeitig auftreten. (Laut Google-Recherche kommen pro Jahr weltweit ca. 25.000 infizierte Kinder zur Welt.)
Das ist ein stolzer Preis für ca. 7 Sekunden weltvergessende Glückseligkeit. Um eine solche Situation im Vorfeld zu vermeiden, ist die Antwort auf die Frage
„Wer kümmert sich um die Kinder?“ recht einfacher Natur.
STORIESJANUAR 2010
von Johannes Finke
Mit sechzehn wollte ich weg. Etwas anderes sehen. Die Stadt, die Freunde und die Gewohnheiten verlassen. Natürlich auch die Schule, die leidigen Lehrer, die zu erwartenden schlechten Noten und meine mir als unerreichbar scheinende Jugendliebe Isabel. Also einer dieser pubertären Fluchtversuche, aus denen man eigentlich nur heil rauskommen kann, wenn man nicht alleine mit sich gelassen wird. Mein Vater wusste das und gab mir eine von ihm bereits verlesene Taschenbuchausgabe von Jack Kerouacs „Gammler, Zen und hohe Berge“ mit auf meine Reise nach Neuseeland, eine offensichtlich ältere Ausgabe, eine ohne Glanzfolienkaschierung oder Drucklack.
STORIESJANUAR 2010
Boris Guschlbauer
Mein letzter Kaffee in Deutschland. Frierend trank ich ihn frühmorgens am Tegeler Flughafen mit Blick auf die reine Wintersonne, die hinter den startenden Flugzeugen aufging. Keine Stunde später drückte es mich selbst in einen der Sitze einer abgewrackten Antonov AN-24 und ich reiste der Sonne entgegen, um dem tristen Winter in Deutschland zu entkommen. Zehn Stunden Flug mit kurzem Zwischenstopp in Zürich, um von der Flughafenlobby aus noch einmal die mit Puderzucker bestreuten Alpen zu sehen, und weiter gings.
STORIESJANUAR 2010
von Stefan Kalbers
Neulich habe ich bei einer Lesung einen Witz gehört, der langsam an meinem linken Ohr vorbeitrudelte wie ein angeschossener Truthahn, um dann überraschend stumpf auf den Boden zu knallen. Vielleicht konnten die Mikroben auf meiner Kopfhaut darüber lachen, ich weiß es nicht. Der Witz geht so: Frage: Wo wohnen Katzen am liebsten? Antwort: Im Mietzhaus.
STORIESDEZEMBER 2009
von Roman Libbertz
Etwas desillusioniert war ich, der sich gefühlsmäßig lange für scheintot und begraben hielt, in diese Beziehung hineingeschlittert und mein Innenleben, unter dem Stern meines bevorstehenden Staatsexamens, sowie der Bedrohung ihres Ex-Freundes, in seinen Grundmauern erschüttert worden. Nach so langer Zeit war ich zum ersten Mal verliebt, bekam meine Anerkennungssucht befriedigt und sah irgendwie Alles und Jeden in rosa. Also weniger Rauchen, Essen, Alkohol, Masturbieren, Gehirnwichserei, Telefonieren, Schaffensdrang, sämtlich all die negativen Angewohnheiten, die mich in der Regel treiben, wenn ich mit dem Alleinsein konfrontiert werde. Ich wollte die Welt für einen anderen Menschen niederreißen und zusammen, wie in einem Cary Grant-Film auf einem Hausboot dem Leben entgegen treiben. Schnitt.
STORIESDEZEMBER 2009
von Phil Vetter
Ich bin es nicht gewohnt, mit dem Flugzeug zu reisen, da ich die letzten Monate permanent mit meinem Segelboot unterwegs war. Nun sitze ich aber in einem Stunden andauernden Trans-Atlantik-Flug von Philadelphia nach München. Durch die Zeitverschiebungen zwischen den USA und Europa sind seltsame Dinge passiert. Zum Beispiel ist es erstaunlicherweise so, dass neben mir im Sitz 24E kein anderer sitzt als ich selbst. Eigenartig, denke ich mir. Nach anfänglicher Verwirrung und endlosen Auseinandersetzungen reift ein Gedanke in uns: Endlich können wir mich mal selbst interviewen und damit einige Dinge klarstellen.
STORIESNOVEMBER 2009
Eine Kurzgeschichte von Stefan Kalbers
Wenn dies ein Comic wäre, sagen wir im Stil von Arne Bellstorf oder Adrian Tomine, dann bliebe nicht viel mehr als der schwache Versuch, den eigenen inneren Bildern Worte im Sinne einer Vorlage zuzuordnen, in der Hoffnung und dem guten Glauben, dass die Zeichnungen so viel mehr an Kraft und Atmosphäre haben, als es durch die diffuse Chiffrierung mit Buchstaben möglich ist. Die immerwährende Magie eines Bildes bleibt unschlagbar. Zeichner hätte man werden sollen. Oder sich zumindest einen bei Wasser und Brot im Keller halten. Wenn er dann brav die inneren Bilder genau so umsetzt, wie man sich das selbst vorgestellt hatte, wird dann auch schon mal die Kette am Fußgelenk von rechts nach links gewechselt.
STORIESNOVEMBER 2009
Teresa Bücker und ihre vorerst letzten Gedanken zum Themenkomplex „Weiblichkeit und Wahlen“
„Dann haben wir Sex. Mit Geräten. Mit Komplexen. Mit Angst, Angst, Angst. Wir suchen Partner, finden keinen. Werden schwanger. Oder nicht. Haben Angst, weil wir nicht schwanger werden oder doch, und dann kommt das Kind, wir kennen es nicht, wir pflanzen es in einen Blumentopf.“ Sibylle Berg: Der Mann schläft.
STORIESSEPTEMBER 2009
Teresa Bücker über die Generation NEON und schlechte Ratgeber
Zweieinhalb Meter in die Höhe ragt meine mädchenhafte Ratlosigkeit. Jahr für Jahr habe ich Stunde um Stunde in dem mittig eingelassenen Spiegel meines Schrankes ausgeharrt auf der Spur nach Nirgendwo. Ein immerfortes Zwiegespräch mit den Locken, der Blässe und den Sommersprossen vor jeder Samstagnacht. Die Stoffe hinter der Tür sagen kein Wort. Doch in diesen Nächten geht es stets um mehr als den narzisstischen Blick oder das passende Outfit. Der scharfe Blick in die Augen des eigenen Spiegelbilds trifft die wahrhaft wichtigen Entscheidungen. Jede Woche wieder. Wenn dann der eigentliche Knoten platzt, sitzt das Kleid Sekunden später an seinem Platz.
STORIESSEPTEMBER 2009
Jan Off über einen Abend mit den Luschen Klotzek und Ebert
Wenn die beiden Chefredakteure des Zentralorgans für Berufsjugendliche, kurz Neon genannt, einen Ratgeber auf den Buchmarkt schmeißen, der der „Generation der Krisenkinder“ (Spiegel Online) den Weg durch den Dschungel des Erwachsenwerdens weisen möchte, ist das in etwa so beeindruckend wie der Schiss einer Möwe auf einem kilometerlangen Stück Strand. Es gibt genügend andere Stellen, an denen du dein Handtuch ausbreiten kannst.
STORIESJUNI 2009
von Roman Libbertz
Sommerferien, die letzten meiner Schulzeit. Jessica, Daniel, Michael und ich, alle achtzehn, ein Umstand, der uns das Fahren von Automobilen ermöglichte.
Nicht irgendeinen Wagen, einen Golf, natürlich, genau 1998.
In der Nacht vor unserem Aufbruch übernachteten wir bei uns zu Hause, selbstverständlich in getrennten Zimmern. Sie, Jessica, die von einer Photographiekarriere träumte,
er, Daniel, der sich dem Wirtschaftswesen, allein durch die Einstecktücher für jeden sichtbar, zu verschreiben gedachte, er, Michael, mit der Brille, mein bester Freund,
der über Gott und die Welt Bescheid wusste, die Schule aus dem Ärmel schüttelte, aber meiner Meinung nach von der Außenwelt nicht ausreichend anerkannt wurde und ich, ich.
Eine Nacht gemeinsam in meinem Elternhaus, dass im Grunde kein Haus war, jedoch über genügend Zimmer verfügte, um derart tituliert zu werden. Die funkelnden,
erwartungsfrohen Augen, die Gemeinschaftskasse mit 2000 Mark, die Holztreppen, sowie die Bodendielen musizierten auf ihre Art als wir zu Bett gingen und die Nacht
legte einen kühlen Umhang über die Stadt, das Land und unsere Träume.
STORIESJUNI 2009
von Ariane Sommer
Das Schnappen des Schlosses in der Wohnungstür begrüßt mich zu Hause. Abgestandene Stille versucht, in meinen Kopf zu kriechen. Ein schneller Knopfdruck füllt den Raum
mit Licht und Stimmen, die mir auch in meinem von zuckendem Erwachen durchsetzten Schlaf versichern, dass ich noch da bin.
Die Mädchen von Next Top Model flackern in meinem Wohnzimmer, fast kann ich sie berühren, ein Armstumpfjunge im Kongo neben seiner starrgesichtigen Mutter, eine
undefinierbare blaue Flüssigkeit wird von einer Binde aufgesogen, "Mit der globalen Finanzkrise enden 25 Jahre des Wohlstands", sagt die Ohneunterleibsfrau aus den
Nachrichten, ein Eisbär, nicht Knut, auf einer winzigen Scholle treibend, im Gazastreifen brennt irgendetwas, auf MTV lächelt mich der Schritt von Madonna an, irgendwo auf
einer Pressekonferenz spreizt Ahmadinejad seine Lippen, feuchtglänzende Zähne entblößend.
Die Stimmen zerren an meinen Synapsen, ich reduziere sie, bis sie nur noch ein
Summen sind und schmiege mich an mein Spiegelbild im Fenster, das meine Berührung kühl erwidert, die erste des Tages.
STORIESJUNI 2009
von Boris Guschlbauer
Da stand ich nun, berauscht vom Kif, am Fuße einer gigantischen Düne, im Irgendwo der marokkanischen Wüste. Der heiße Sand brannte unter meinen wund gelaufenen Füßen. Jedes Sandkorn barg ein komplettes Universum in sich. Und so schleppte ich mich bergauf, von Universum zu Universum, rutschte zurück, drei Schritte waren einer in diesem Treibsand der Sphären.
STORIESJUNI 2009
von Stefan Kalbers
Die Ampel steht eindeutig auf Rot. Schon vor vierhundert Metern war das ohne jeden Zweifel klar ersichtlich. Ich wage vorsichtig darauf hinzuweisen, eine Spur zu leise vielleicht. Ich weiß nicht, ob Uwe mich auf dem Beifahrersitz überhaupt wahrnimmt. Wir rasen mit 110 Stundenkilometer in einer Vorstadtgegend auf die Kreuzung zu. Ich schließe beide Augen. Etwas anderes bleibt mir gar nicht übrig. Wir könnten seitlich gerammt werden und beide tot sein. Wir könnten einen Unfall verursachen, sterben und andere mit in den Tod reißen. Wir könnten diesen Unfall aber auch schwerstbehindert überleben. Querschnittsgelähmt, im Rollstuhl, ans Bett gefesselt, Arm oder Bein verlierend und dabei noch andere, Unbeteiligte mit ins Verderben stürzen. Als ich die Augen drei Sekunden später wieder öffne, sind wir schon über die Kreuzung. Es ist kurz nach halb elf an einem Montagabend. Der Verkehr hält sich in Grenzen.
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