<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>BLANK - Face your magazine &#187; Heft Zwei</title>
	<atom:link href="http://www.blank-magazin.de/wp/category/heft-zwei/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.blank-magazin.de</link>
	<description>Gesellschaft, Diskurs, Disko</description>
	<lastBuildDate>Tue, 20 Oct 2020 13:43:39 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
		<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
		<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=3.8.41</generator>
	<item>
		<title>Ernsthaft Europa. In vier Jahren vielleicht ein neuer Versuch.</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2013/10/ernsthaft-europa-in-vier-jahren-vielleicht-ein-neuer-versuch/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2013/10/ernsthaft-europa-in-vier-jahren-vielleicht-ein-neuer-versuch/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 16 Oct 2013 11:53:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[johannes]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>
		<category><![CDATA[Brot & Spiele]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Widerstand]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/?p=1554</guid>
		<description><![CDATA[Ich glaube weder an Parteien, deren Personal, noch an den Staat als solchen. Weder als faktisch Rahmen gebend, noch als Konstrukt, Idee oder Ideal. Vielleicht wäre das zu einer anderen Zeit anders gewesen, aber ich kann eben nur für die meine sprechen, für das Hier, das Jetzt. Und soweit ich mich entsinnen kann, ging es [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich glaube weder an Parteien, deren Personal, noch an den Staat als solchen. Weder als faktisch Rahmen gebend, noch als Konstrukt, Idee oder Ideal. Vielleicht wäre das zu einer anderen Zeit anders gewesen, aber ich kann eben nur für die meine sprechen, für das Hier, das Jetzt. Und soweit ich mich entsinnen kann, ging es mir nie anders. Mich hat nie die Wertigkeit eines Staates, geschweige denn einer Nation, eines Volkes, interessiert, sondern ausschließlich dessen Verlust und <a href="http://dasbiestberlin.blogspot.de/2013/08/deutschlanddammerung-ein-entwurf.html" title="Ableben">Ableben</a>, das historisch Dekonstruierte, die topographische Verortung im Wandel der Zeit und die Konsequenzen staatlichen Handelns als Grundlage kritischer Auseinandersetzung, eventuell sogar als Grundlage für zivilen Ungehorsam, für Widerstand.</p>
<p><span id="more-1554"></span></p>
<p>Die zurückliegenden Bundestagswahlen haben dran nichts geändert. Zu offensichtlich sind mittlerweile die Zwänge aus persönlicher Karrierekonsolidierung und markt- bzw. meinungsorientierter Beliebigkeit. Aufgeklärte und gebildete Bürger würden anders wählen. Ohne Ängste, im speziellen ohne Existenzängste, fällt es leichter die Zukunft zu wählen und nicht den Status Quo zu verteidigen, denn dieser besteht leider noch immer aus dem Voranstellen eigener Interessen, in dem Fall vermeintlich nationaler, binnenwirtschaftlicher und versorgungsrelevanter. Die &#8216;Anderen&#8217; sind nur Teil einer Exportstatistik. Eine Zahl, keine wirkliche Freundschaft. Eine ungleich gewichtete Abhängigkeit. Keine Solidarität.</p>
<p>Ich muss nicht vom Sinn oder Nutzen eines starken Deutschlands innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft überzeugt werden. Ebenso wenig interessiert mich ein starkes Europa. Mich interessieren einzig und allein die Möglichkeiten Vorurteile und Benachteiligungen zu bekämpfen und Grundlagen zu schaffen, die es ermöglichen, dass unterschiedliche Gruppierungen, egal ob ethnisch, wirtschaftlich oder ideologisch miteinander verbunden, miteinander kommunizieren und Dinge ver- und aushandeln, die einer künftigen Weltgesellschaft die Chance geben, sich solidarisch weiter zu entwickeln, sich individuell zu entfalten und eine neue Kultur des Miteinanders zu schaffen, die langfristig, oder sagen wir besser absehbar, in der Lage ist sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Frieden zu stiften. Europa ist eine Etappe. Wäre das nicht eine frohe Kunde im Wahlkampf gewesen? Eine gute Nachricht: Ja, es gibt die Hoffnung die Kleinteiligkeit von Interessen zu überwinden. Ja, es gibt Gemeinsamkeiten, die die Unterschiede verblassen lassen. Ja, wir steuern unausweichlich auf eine bunte, solidarische, multi-kulturelle, multi-religiöse und geschlechtergerechte Gesellschaft zu. Uns bleibt quasi keine andere Wahl und deswegen nehmen wir das an, finden uns damit ab und verspielen das nicht mit dem Bedienen oberflächlicher und populistischer Bedürfnisse.</p>
<p>Wenn man sieht, wie vor und nach der Wahl gleichermaßen &#8216;gewusst&#8217; wird, alles erklärbar gemacht und &#8211; was noch dramatischer viel ist – dem mehrheitlichen Wählerwillen nachgebetet wird, entbehrt dies jeglicher seriöser Betrachtung von Idealismus und Haltung. Ich weiß im Vorfeld auch warum der BVB gewinnt und ich kann auch hinterher ziemlich genau sagen, warum das Spiel für den BVB verloren ging. Der Mechanismus ist mir nicht fremd. Ich bin genau so Erklär- und Verteidigungsmaschine wie jene, die abkommandiert, stellvertretend oder meinungsführend eine Wahlniederlage schönreden müssen. Denn Verlieren war, ist und bleibt nicht sexy. Eine Niederlage bleibt Makel und kann zum Trauma werden, kann aber im besten Falle auch ins legendäre umschlagen und das Auferstehen zelebrieren. Aber spielt das noch eine Rolle, wenn Posten nicht mehr durch Wahlen, sondern durch parteiinterne und über öffentliche Medien ausgetragene Machtspielchen und dunkle Allianzen zwischen privater Wirtschaft, öffentlicher Hand und individueller Gier vergeben werden. Heilig scheint hier nichts mehr. Das Gefühl für bzw. der Magie, die der Politik stets zugestanden hat die Welt besser machen zu können, scheint flöten gegangen zu sein, zumindest so lange die Nationalmannschaft nicht den Titel erkämpft. Denn dann werden Legenden geboren, gebärt das Universum tanzende Sterne, die so hell scheinen, dass selbst die Schattenreiche, die Niederungen und die Angst für kurz erleuchtet werden und die politischen Vertreter der Macht sich dem kollektiven Rausch nicht entziehen können und Präsenz zeigen. Vielleicht interessiert mich das alles in vier Jahren wieder. Ach was sag ich da: Bestimmt! Denn ein Spektakel ist es allemal und als Teil der Brot &amp; Spiele-Kultur, in die wir uns gnadenlos immer weiter rein manövrieren, auch unverzichtbarer Bestandteil der Klaviatur des Bösen, denn hier gaukelt ein System Entscheidungsfreiheit vor, obwohl es uns in Sippenhaft genommen hat. Es wird Zeit Freiheit neu zu definieren und dazu braucht es keine Wahl.</p>
<p>(Johannes Finke)</p>
<p><a href="http://www.twitter.com/johannesfinke" title="Folgen Sie dem Autor auf Twitter">Folgen Sie dem Autor auf Twitter</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2013/10/ernsthaft-europa-in-vier-jahren-vielleicht-ein-neuer-versuch/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Eigentlich bin ich eine Jägerin.</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/11/eigentlich-bin-ich-eine-jagerin/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/11/eigentlich-bin-ich-eine-jagerin/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 11 Nov 2012 17:47:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/?p=927</guid>
		<description><![CDATA[Nachdem sich zuletzt bereits unser Chefredakteur mit dem Thema &#8216;Mythos Monogamie&#8217; eingehender beschäftigt hat, hat sich unsere Autorin Mirka Uhrmacher diesem Thema auf sehr persönliche Art und Weise angenommen. Nachdem sie sich zuletzt ausführlicher mit dem Soft-SM-Trend auseinandergesetzt hatte, geht es diesmal um die eigene Befindlichkeit im ewig währenden Spannungsfeld von Lust, Laster und Liebe. [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem sich zuletzt bereits unser Chefredakteur mit dem Thema <a href="http://www.blank-magazin.de/wp/category/gesellschaft/#305" target="_blank">&#8216;Mythos Monogamie&#8217;</a> eingehender beschäftigt hat, hat sich unsere Autorin Mirka Uhrmacher diesem Thema auf sehr persönliche Art und Weise angenommen. Nachdem sie sich zuletzt ausführlicher mit dem Soft-SM-Trend auseinandergesetzt hatte, geht es diesmal um die eigene Befindlichkeit im ewig währenden Spannungsfeld von Lust, Laster und Liebe.</p>
<p><span id="more-927"></span></p>
<p>Ich liebe das Gefühl von fremder Haut auf meiner eigenen. Ich liebe die Ungewissheit, das Neue. Ich liebe die Rücksichtslosigkeit kurzer Affären, ich liebe es, respektlos zu sein. Ich liebe es, dominiert zu werden und zu unterwerfen. Ich liebe es zu manipulieren. Ich liebe es, andere in mich verliebt zu machen. Ich liebe es, meine Krallen in die Beute zu schlagen und sie verwundet zurückzulassen. Ich liebe es, gewollt zu werden. Ich liebe es, betrunken zu sein von meinem eigenen Wollen. Ich liebe meinen zerschundenen Körper nach einer völlig übertriebenen Nacht. Ich liebe es, zu schockieren. Ich liebe den Wahnsinn. Ich liebe den Schmerz. Ich liebe den Exzess.</p>
<p>Und ich liebe dich.</p>
<p>Manchmal fällt es mir schwer, beides zu vereinbaren. Ich glaube den Menschen, die von sich sagen, ihnen würde ein Partner reichen. Ich glaube nur denen nicht, die behaupten, sie würden auch niemand anderes wollen. Zwischen brauchen und wollen klafft eine endlos weite Schlucht. Ich brauche niemanden außer dir, aber bei Gott, ich will. Ich will Überfluss, ich will, was ich nicht brauche, ich will Luxus.</p>
<p>In deinen Augen sehe ich, dass es die Art ist, wie du mich anblickst, die mich ausmacht. Ich bin ein Geschenk. Ich bin mehr, als du begreifen kannst. Ich bin alles für dich. Und in deinen Armen bin ich unbesiegbar.</p>
<p>Aber ich vermisse meine selbstzerstörerischen Raubzüge. Ich vermisse es, ungehindert meiner Neugier nachzugehen. Ich vermisse es, einem Fremden das Geheimnis, das er ist, zu entreißen, nur weil mir grade danach ist. Ich vermisse es, mich selbst preiszugeben. Ich vermisse es, besiegt zu werden. Ich vermisse die Macht. Ich vermisse die Überlegenheit. Es fehlt mir nicht, aber ich vermisse es.</p>
<p>Wieso bleibe ich dir trotzdem treu? Weil Psychologen richtig in der Annahme gehen, dass wir uns durch Erziehung und falsch verstandene Moralvorstellungen zu Handlungen verleiten lassen, die unserer tatsächlichen Natur eigentlich widersprechen? Weil ich mich moralisch und ethisch dazu verpflichtet fühle? Oder etwa, weil es nicht schwierig ist, jemandem treu zu sein, in den man wirklich verliebt ist, weil es gefälligst nicht schwierig zu sein hat, weil nur das der Beweis für die Tiefe der eigenen Gefühle darstellt? Keiner dieser Gründe trifft für mich zu.</p>
<p>Ich weiß, dass es dir bisweilen schwer fällt, dir keine Gedanken über dieses Thema zu machen. Du vertraust mir, aber eigentlich weißt du nicht, wieso. Es ist ein Gefühl, eine Sicherheit, eine unbegründete Gewissheit, aber du kennst mich gut, du weißt, dass diese Art zu leben mir eigentlich nicht entspricht. Du fragst dich nicht, ob ich dich betrügen würde, sondern eher, wieso ich es nicht tue. Dir eine Antwort darauf zu geben ist kein leichtes Unterfangen. Sie klingt einfach nicht so romantisch, nicht so moralisch, nicht so wissenschaftlich fundiert, wie andere Antwortmodelle es tun mögen. Ich glaube, dass uns diese Antwortmodelle eigentlich nur über einen Umstand hinwegtäuschen, der wenig schmeichelhaft ist.</p>
<p>Treue ist für mich bloß eine Form des Egoismus.</p>
<p>Empörung auf Seiten derer, die es entweder als oberste Pflicht der Liebenden ansehen, die eigenen banalen und unheiligen Triebe der animalischen Sexualität zu bekämpfen oder aber die Sex nicht von Liebe abstrahieren können und Treue somit nicht als Kampf sehen, sondern als simples Factum. Wenn ich liebe, dann darf mich auch nichts in Versuchung führen, oder aber meine Liebe ist nicht tief genug. Hier wird ein Grund von außen angetragen, eine Meinung, ein Ist-Zustand wird nach einem Soll-Zustand beurteilt, der irgendwo irgendwann einmal konsensfähig geworden ist. Das reicht mir als Erklärung nicht aus, das geht mich nichts an, das ist keine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe sondern eine Erfahrung, die mir als erstrebenswert suggeriert wird, ein Ideal, das es zu erreichen gilt, welches ich zu meinem eigenen Ideal zu machen habe, das aber nicht aus mir stammt. Für mich fühlt es sich an wie die Flucht zum Schema F. Soweit ist der Wissenschaft sicherlich Recht zu geben. Doch viel mehr, als ein Schema durch ein anderes zu ersetzen, welches ebenso unpersönlich und anonym ist, tut auch die Erklärung qua Biologie und Evolution nicht, denn nur durch das Wissen um die natürliche Neigung des Menschen, sein Erbgut möglichst breit zu verstreuen, wird das Thema ganz offensichtlich nicht weniger heikel.</p>
<p>Wenn ich also nur für mich selbst die Frage beantworten soll, wieso ich dir treu bleibe, so will ich dafür nicht fremde, tradierte, allgemeingültige, entweder romantische, moralische oder wissenschaftliche Antworten zitieren. Ich frage mich stattdessen bloß nach meinen eigenen Beweggründen und stoße auf einen sehr pragmatischen Grund: ich bin dir treu, weil ich es nicht ertragen könnte, wenn du mir nicht treu wärst.</p>
<p>Spielen wir die angeblich nötige ‚Neudefinition‘ von Treue einmal durch und nehmen die emotionale Komponente als Maßstab für Treue, während Sex davon nicht tangiert wird, so ändert sich mein Unbehagen bei der Vorstellung, du könntest eine andere Frau berühren, nicht im Geringsten. Die Vorstellung, du würdest sie so ansehen, wie du mich ansiehst, ist wie zu erwarten eine viel schlimmere, doch bereits der Gedanke daran, du könntest an der Lust einer anderen Gefallen finden, ist für mich nicht tragbar. Und das, obwohl ich selbst um die Belanglosigkeit von Sex an sich weiß, obwohl ich genau diese Belanglosigkeit stets so genossen habe. Ich weiß, dass so etwas geht und ich habe keinerlei schlechtes Gewissen, dazu zu stehen, dass ich solche Arrangements sehr reizvoll finde. Ganz allein nur für mich, ein Ich, das ein beliebiges Du benötigt, um sich darin zu spiegeln. Ich würde eine solche, rein sexuelle Freiheit, wie sie als Möglichkeit der Überwindung des Schreckgespenstes Monogamie gefeiert wird, für mich selbst bedenkenlos in Anspruch nehmen. Aber ich wäre nicht bereit, sie dir im Gegenzug zu gewähren.</p>
<p>Ich habe es einmal versucht, bevor ich dich kannte. Es war das perfekte, moderne, freie Konzept der Nicht-Beziehung, in der alles so einfach und leicht und unkompliziert war. In der man sich mochte und respektierte, sich aber nicht durch Reglementierungen oder aber gar konventionelle Vorstellungen von Liebe einschränken lassen wollte. In der man sich revolutionär und allen anderen überlegen gefühlt hat. In der man den Zeitgeist zu treffen meinte. Wir beschlossen nach einer Weile, dass wir auch über andere Liebschaften sprechen könnten. Dass diese existierten, wussten wir eh und auch, dass dieses ‚Wir‘ davon überhaupt nicht betroffen war. Ich begann zu erzählen und es fühlte sich gut an. Ein paar Treffen später erzählte er – und es war äußerst unangenehm. Ich wurde die Bilder in meinem Kopf nicht los. Es sei ein Flopp gewesen und wir haben darüber gelacht, wie unbeholfen und ergebnislos die ganze Sache für ihn gewesen war. Trotzdem fühlte ich mich verletzt. Irgendwie habe ich mich dazu durchgerungen, ihm das zu sagen, obwohl es natürlich gegen unsere Abmachung verstieß. Er überraschte mich damit, dass es ihm genauso bei meiner Geschichte gegangen wäre. Wir waren erstaunt, ziemlich ratlos und beschlossen, diese Dinge besser nicht weiter zu thematisieren.</p>
<p>Meine Mutter sagt, Treue sei der Mangel an Gelegenheiten. Ich muss ihr widersprechen. Ich habe jede Menge handfester Gelegenheiten. Aber ich nutze sie nicht. Ich glaube an das Prinzip der Monogamie als für mich notwendige Einrichtung aufgrund meiner egoistischen Tendenzen. Ich teile nicht. Weil ich die Bilder vor meinem inneren Auge nicht ertragen könnte. Den angeblich überkommenen Gedanken einer exklusiven Paarbeziehung zu verwerfen und unsere Definition von Treue zu überdenken würde mir da nichts nutzen. Der Versuch hat gezeigt, dass ich trotzdem nicht damit klar käme, mir vorzustellen, wie du mit deinen unverschämt begabten Händen eine andere Frau berührst. Und das, obwohl ich mir anmaße, in der Lage zu sein, die Grenze zwischen unbedingt exklusiver Emotion und der relativen Kontingenz körperlicher Erregung unangetastet zu lassen und nicht zu überschreiten. Mit dir ist mein Ich aufgehoben. Mit jemand anderem dagegen ist es die Suche nach möglichst ergiebigen Projektionsflächen für meinen manchmal nur schlecht zu verbergenden Narzissmus. Doch ich könnte dir dasselbe Recht nicht einräumen. Daher ist Treue ein Kompromiss. Ich verzichte darauf, etwas zu tun, was ich gerne täte, weil ich nicht will, dass du es auch tun würdest. Das ist vielleicht nicht schmeichelhaft, sicherlich ist es nicht romantisch. Aber zumindest ist es ehrlich.</p>
<p><span class="autor">Mirka Uhrmacher</span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/11/eigentlich-bin-ich-eine-jagerin/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mein Glashaus</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/09/mein-glashaus/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/09/mein-glashaus/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 26 Sep 2012 19:59:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Kracht]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=675</guid>
		<description><![CDATA[Eine Assoziation von Johannes Finke zu &#8220;Das Imperium&#8221; von Christian Kracht Mein Glashaus existiert seit Jahren nur als Gerüst. Ein Skelett aus Form gebenden Trägern, durch die der Wind pfeift. Ein offenes Dach, das den Regen schon lange nicht mehr draußen hält. Ein aufgewühlter, lehmiger Boden, durchweicht und sämtlicher Festigkeit beraubt, von Steinen und Samen [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Eine Assoziation von Johannes Finke zu &#8220;Das Imperium&#8221; von Christian Kracht</strong></p>
<p>Mein Glashaus existiert seit Jahren nur als Gerüst. Ein Skelett aus Form gebenden Trägern, durch die der Wind pfeift. Ein offenes Dach, das den Regen schon lange nicht mehr draußen hält. Ein aufgewühlter, lehmiger Boden, durchweicht und sämtlicher Festigkeit beraubt, von Steinen und Samen befreit, aseptisch. Hier wächst nichts mehr reales. Kein Getreide. Kein Obst. Keine Blumen. Kein Unkraut. Nur Ungeduld.<span id="more-675"></span>Die Gezeiten haben mein Glashaus zu einer bloßen Idee der Vollkommenheit, der Abgeschiedenheit und des Intakten verkommen lassen, die der inneren Realität jedoch leider gerecht wird. Nichts ist mehr heil. Ich werfe mit dem Schlamm, in dem ich mich suhle. Ein Kreislauf der Eigenheit. Irgendwo losgetreten, mich erfassend, dahin treibend ohne wirkliches Ziel. Symptomatisch für uns, jene, die ohne Kriege und Probleme, weich gebettet auf Palmfasern oder Latexkern, gewickelt in feinstes Tuch, Pashmina oder Pampers, mit Goldstaub oder kosmischen Partikeln im Haar und Rosen- oder Gletscherwasser den Hals herunter rinnend, dem Leben nur noch hinterherrennen und sich aneinander aufreiben, verletzen, peinigen, den Schorf streichelnd um Erlösung betteln. Wir haben uns aus einer gelebten Gegenwart verabschiedet, sachte und behutsam, fast unbemerkt. Wir haben den Olymp erklommen. Wir haben Walhalla okkupiert. Wir haben die große Ruhmeshalle in einen Wellnesstempel und die Geister der Vergangenheit in Fabelwesen verwandelt. Wir haben die Sündenkartei jeglicher Semantik beraubt und ein unleserliches Lochsystem entwickelt, dass in seiner Abstraktion den ästhetischen Ansprüchen unserer gelebten Wirklichkeit entspricht und uns von jeglicher Schuld befreit. Wir sind unschuldig. Zumindest wollen wir das sein. Zumindest fühlen wir uns zuweilen so. Unschuldig. Kindgleich. Aber keineswegs heil. Und wir haben die große Angst, dass wir es nie sein werden. Das ist der Antrieb unserer Rastlosigkeit. Dem steten Streben nach Bewunderung. Dem Entstehen von Eitelkeiten, die auf uns lasten, als wären sie Gottgegeben und nicht aus unserem Unvermögen heraus entstanden. Und unser Unvermögen ist groß. Größer als das Ego einer ganzen Generation, größer als Gott. Halleluja.</p>
<p>Darum steht das Glashaus im Garten und wir nennen den Anblick romantisch. Wir zeigen den Gästen unser liebstes Stück, indem wir den Vorhang ein wenig zur Seite ziehen und sagen: Schau mal, ist das nicht schön? Wir lassen es einfach so. Wir lassen es Verwuchern. Verwachsen. Wir erkennen im Verfall und in der Verwilderung eine Ästhetik des Kaputten, die uns ein romantisches Ideal vermittelt, das zwar Sehnsüchte wecken und befriedigen, aber keine Schmerzen entstehen lassen kann. Denn Schmerzen, soviel ist sicher, fügen wir uns nur selbst zu. Wir uns. Gegenseitig und sich selbst.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/09/mein-glashaus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Urlaub in Berlin</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/09/urlaub-in-berlin/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/09/urlaub-in-berlin/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 04 Sep 2012 19:03:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Mario]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=31</guid>
		<description><![CDATA[von André Krüger Es ist Sommer und warum im Sommer nicht dorthin fahren, wo es schön ist? Nach Berlin. Das ist naturgemäß kein richtiger Urlaub, wie man ihn im Katalog bestellt; mit Strand und Meer oder Bergen und Schnee. Ich war schon einmal hier für ein paar Jahre, es ist noch nicht allzu lange her, [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>von André Krüger</strong></p>
<p>Es ist Sommer und warum im Sommer nicht dorthin fahren, wo es schön ist? Nach Berlin. Das ist naturgemäß kein richtiger Urlaub, wie man ihn im Katalog bestellt; mit Strand und Meer oder Bergen und Schnee. Ich war schon einmal hier für ein paar Jahre, es ist noch nicht allzu lange her, das ist gut, denn so bin ich, obschon hier alles ständig im Wandel ist, noch einigermaßen orientiert. Kein Strand, keine Berge, kein Ortswechselschock – das ist gut.</p>
<p><span id="more-31"></span></p>
<p>Ich wollte nur ein paar Tage bleiben, nun sind schon ein paar Wochen daraus geworden, genau genommen Monate. Ich muss aufpassen, dass mich dieses Berlin nicht wieder kriegt, so wie es mich damals schon einmal bekommen hat, also plane ich seit Wochen meine baldige Abreise. Es ist also kein richtiger Urlaub, mit Erholung bei einem guten Buch und viel Schlaf, wie man es sich immer vorstellt, wenn man an Urlaub denkt. Es ist nicht einmal eine Städtereise in eine der aufregenden Metropolen dieser Welt, New York oder meinetwegen Paris. Es ist einfach nur die kontinuierliche Planung meiner Abreise von einem sehr vertrauten Ort, an dem mich eigentlich nichts hält, und an dem ich bleibe, weil mich woandershin auch nichts zieht und schon gar nicht jemand. Der Rest ist überwiegend Wachzeitverbringung.</p>
<p>Zentrum meines sogenannten Urlaubsaufenthaltes ist dieses Mal Berlin-Mitte. Ich tue hier, was man in Berlin-Mitte zu tun pflegt: Morgens gehe ich frühstücken, irgendwas mit französischem Käse, mittags esse ich immerzu Pastrami-Sandwiches, nachmittags sitze ich in Kaffees und trinke Flat White. Abends besuche Restaurants, Bars, Clubs und Galerien. All dies wird nur unterbrochen von unvermeidlichen Gesprächen mit Menschen über Projekte. Projekte sind gut, denn sie haben einen definierten Schlusszeitpunkt, sie passen zu Berlin, wo an jeder Ecke etwas aufpopt, was contemporary ist: Bars, Clubs, Galerien und Beziehungen. Naturgemäß kommen die meisten Projekte nie zustande und die anderen bringen kein Geld ein. Mit Ersterem lernt man umzugehen und Letzteres wird einfach im Nachhinein als Kunst deklariert. Es ist wie immer alles eine Frage der Narration. Das Schöne an Klischees ist, dass sie so oft zutreffen, denke ich und blicke in den Spiegel und sehe einen Mann mit Vollbart, großer Hornbrille und einem Jutebeutel, in dem sich ein paar leere Notizbücher und ein Ladegerät für ein mobiles Telefon befinden.</p>
<p>Das Wichtigste in Mitte sind Kontakte. Man muss hier nicht nur Leute kennen, man muss die richtigen Leute kennen. Wenn ich groß bin, mache ich eine Rating-Agentur für Mitte-People auf. Als Bewertungsfaktoren fließen ein:</p>
<p>Gästelistenplätze (gewichtet nach Bedeutung der Veranstaltung): 5-20 Punkte, Zugang zur VIP-Lounge: 5 Bonuspunkte.</p>
<p>Auf der Fashion Week in der ersten Reihe sitzen: 10 Punkte, dabei ein überteurtes, aber nicht schönes Designer-Kleid tragen: 5 Bonuspunkte.</p>
<p>Über den roten Teppich auf der Berlinale gehen: 25 Punkte, Foto zusammen mit Filmsternchen aus Amerika: 5 Bonuspunkte.</p>
<p>Im angesagtesten Coffee Shop der Stadt kennen sie Deinen Namen: 10 Punkte.</p>
<p>Türsteher erkennt Dich und freut sich, wenn er Dich sieht: 15 Punkte, Türsteher lässt Dich an der Warteschlange vorbeiziehen: 5 Bonuspunkte.</p>
<p>DJ zur Begrüßung umarmen: 10 Punkte, DJ-Kumpel erfüllt einen Musikwunsch: 5 Bonuspunkte.</p>
<p>Küsschen von der Barfrau zur Begrüßung: 20 Punkte, Barfrau gibt einen Drink aus: 10 Bonuspunkte.</p>
<p>Die wichtigen PR-Agenturen der Stadt nehmen Dich auf ihren C-Promi-Verteiler auf: 10 Punkte, die Agenturen bemustern Dich mit neuartigen Drinks, Klamotten und Gadgets: bis zu 30 Bonuspunkte.</p>
<p>Mit dem VIP-Shuttle nach Hause gebracht werden: 50 Punkte.</p>
<p>Eine Galerie trägt Deinen Namen: 100 Punkte.</p>
<p>All das multipliziert man mit dem Klout-Score, der versucht, die Bedeutsamkeit von Personen in Social Networks zu erfassen. Das Ergebnis hat wie bei Ratings zur Folge: Wer hat, dem wird gegeben – noch mehr Gästelistenplätze und manchmal auch falsche Freundschaften mit Menschen, die man nicht mag, und die einen auch nicht mögen, aber einen ähnlich hohen Mitte-Score aufweisen.</p>
<p>Und während ich auf einer der vielen Bürowärmungszelebrationen herumstehe und über einen fancy Namen für meine Menschenbewertungsagentur nachdenke, um einem der vielen Geschäftsengel möglichst viel Kapital aus dem Ärmel zu leiern, entdecke ich an der Bar eine schöne Frau in einem schönen Kleid. Wir lächeln einander zu und gehen auf die Dachterrasse. Außer uns ist nur noch ein Heizpilz da; ich sage, ach wie romantisch, dann plötzlich küssen wir uns leidenschaftlich. Anschließend verrät sie mir ihren Namen und sagt, dass sie Atomphysikerin sei und schon immer mal jemanden mit Bart küssen wollte. Das Experiment ist gelungen. Zwei Sätze, noch ein Kuss, kein Austausch von Kontaktdaten. Berlin-Mitte, ein immerwährender Karneval. Und weiter zur nächsten Verabredung.</p>
<p>Man weiß, dass man sich von so einem Ereignis nicht aus der Bahn bringen lassen darf, genau wie man sich niemals in DJanes, Türsteherinnen, Agenturkolleginnen und Bloggerinnen verlieben darf. Visier herunterklappen und weiter. Trotzdem denke ich plötzlich, dass Berlin ja gar nicht so schlecht ist, wie alle immer sagen, also, wie ich immer sage, und dass hier ja wohl doch einiges möglich ist usw. Und wie ich mich dabei ertappe, mir die Hauptstadt schön zu reden, folgt die Erdung in Form eines dicken Türstehers einer Bar, die eigentlich ein viel zu kleiner Club ist. Es ist nicht mein erster Besuch hier und trotzdem habe ich immer ein ungutes Gefühl, wenn jemand an der Tür steht, den ich nicht kenne, und, was noch schlimmer ist, der mich nicht kennt. Was ich mit dem Laden zu tun hätte, fragt er mich, und ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich hier gelegentlich Getränke trinke und seltener, so es die Umstände zuließen, auch tanze. Dem Türsteher gefällt die Antwort nicht, aber vor allem gefalle ich ihm nicht und es tritt eine Art Verhörsituation, für die man Berlin, insbesondere aber die Berliner Türsteherschaft schnell hassen lernt. Er hält mich für einen Werbefuzzi, und er scheint Werbefuzzis nicht zu mögen. Ob ich in einer Agentur arbeite, fragt er und ich setze mein Pokerface auf und sage nein, was nur noch halbrichtig ist. Er hat Menschenkenntnis, sonst wäre er kein Türsteher, und bohrt weiter. Ob ich in einem Internetunternehmen arbeite. Ich verneine erneut. Was ich denn mache, will er wissen. Ich bin Autor, sage ich, was ebenso halb gelogen ist, wie meine Auskunft zu meinem Werberdasein, aber das ist egal, die Antwort scheint ihm zu gefallen. Er lässt mich endlich in den Laden, der viel zu voll und viel zu laut und viel zu verraucht ist. Und ich frage mich, wozu das alles und ärgere mich, dass ich die unwürdige Türsteherprozedur über mich habe ergehen lassen und trinke kein Getränke und tanze keinen Tanz und verlasse nach wenigen Minuten den Laden wieder, um unangeschnallt im Taxi durch den Berliner Sommerregen dorthin zu fahren, was ich gerade mein Zuhause nenne, was aber kein Zuhause ist, weil ich hier nur Gast bin. Und während ich im Taxi sitze, denke ich, dass es doch alles nicht so doll ist in diesem Berlin und dass es Zeit wird, die Stadt wieder zu verlassen, bevor sich der Running Gag meiner Anwesenheitspermanenz in meinem Freundeskreis manifestiert. Und irgendwann werde ich zurückkommen und dann geht wieder alles von vorne los.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/09/urlaub-in-berlin/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Urheberrecht, im unbekannten Wesen liegt die Verführung. Und die Vergütung. Aber warum es mich auch nicht mehr wirklich interessiert.</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/das-urheberrecht-im-unbekannten-wesen-liegt-die-verfuhrung-und-die-vergutung-aber-warum-es-mich-auch-nicht-mehr-wirklich-interessiert/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/das-urheberrecht-im-unbekannten-wesen-liegt-die-verfuhrung-und-die-vergutung-aber-warum-es-mich-auch-nicht-mehr-wirklich-interessiert/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 26 Aug 2012 19:56:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=683</guid>
		<description><![CDATA[von Johannes Finke Eines vorneweg: Ich kann leider keine Auswege aus dieser vermeintlichen Kulturkrise anbieten. Nichts was Diskutierenden und Diskurs wirklich weiterhilft. Ich habe auch ehrlich gesagt noch nichts gehört oder gelesen, was das macht. Auch wenn unglaublich viele unglaublich viel fordern und sich am Auswurf von Halbwissen und am Austausch von Beleidigungen beteiligen, so [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Johannes Finke</strong></p>
<p>Eines vorneweg: Ich kann leider keine Auswege aus dieser vermeintlichen Kulturkrise anbieten. Nichts was Diskutierenden und Diskurs wirklich weiterhilft. Ich habe auch ehrlich gesagt noch nichts gehört oder gelesen, was das macht. Auch wenn unglaublich viele unglaublich viel fordern und sich am Auswurf von Halbwissen und am Austausch von Beleidigungen beteiligen, so fällt es doch schwer den eigentlichen Kern des Problems zu erkennen. Ich zumindest habe das noch nicht.<span id="more-683"></span>Ich bin zuallererst jemand der Kunst macht und den Kunst interessiert, deren Zurschaustellung, Verbreitung und Möglichkeit entdeckt zu werden. Und dann, wenn die eigenen Ansprüche erfüllt, der Zwang und die Leidenschaft eingedämmt wurden, dann kommt vielleicht die Verwertung. Und falls mich die Verwertung dann doch mal ein wenig mehr interessiert, dann war es seit je her der DIY-Gedanke, der mich durch das Dickicht des Zwielichts führte. Ein Artefakt will und muss begleitet werden. Nur muss und will man es dann doch nicht immer selber machen. Es sind die Verbündeten, die einem die Raum und Luft verschaffen. Nicht immer uneigennützig. Aber ein gemeinsames Ziel verfolgend.</p>
<p>Natürlich kenne und pflege ich die Selbstverständlichkeit Bücher und Platten im Regal stehen zu haben, immer von der Idee und dem Ideal ergriffen diese Ansammlung von Emotionen, Stimmungen, Momentaufnahmen und Wissen nicht dem Schwarm zu übergeben, sondern vielmehr in Tradition stehend im eigenen Stammbaum, der hier von Familie auf Freunde und künstlerisches Netzwerk erweitert wird, zu vererben. Individuelle Spuren sind für mich digital (noch) nicht richtig greifbar. Analoge Artefakte erfreuen mein Herz. Was nicht bedeutet, dass ich die große Chance nicht erkenne, die Netzkultur und digitales Zeitalter uns bieten, die Welt sozial gerechter zu machen, Wissen und Informationen besser zu verteilen, erfahrbar und zugänglich zu machen. Die Möglichkeit Zugang zu Bildung von finanziellen Möglichkeiten der Vorgängergeneration zu entkoppeln. Doch mit Kunst hat das alles erstmal nichts zu tun. Kunst darf nicht den Fehler machen auf technische Innovationen reagieren zu müssen. Kunst kann das. Kunst muss das aber nicht. Wir reden deshalb ja auch hauptsächlich von Verwertung und Geschäftsmodellen. Und nicht von neuer Kunst. Jene sollte sich gesellschaftlich nicht beliebig manifestieren dürfen. Sie erreicht dadurch zu schnelle eine kritische Masse, die es ihr nicht mehr erlaubt revolutionäre Relevanz für sich in Anspruch nehmen zu dürfen. Beim Urheberrecht geht es doch, wie in vielen anderen wichtigen Fragen unserer Zeit, um die Fragen: Was ist der Gesellschaft etwas wert. Und was ist jedem einzelnen etwas wert. Es geht darum ein Bewusstsein zu schaffen, dass es Menschen erlaubt, ihre Konsumhandlungen als &#8216;sinnvoll&#8217; zu verstehen, Und so etwas passiert eben nun mal bedingt durch gesetzliches Tod-Regeln.</p>
<p>Ich habe mich die Tage mit dem wunderbaren Fetsum getroffen. Er überreichte mir ein Exemplar seiner neuen, eigentlich ersten CD „The Color Of Hope“. Ein schönes Digi-pack. Ein ganz feines Artwork und zwölf Songs, prägnant, hingebungsvoll, tief. Kein Schnellschuß. Drei Jahre hat er daran gearbeitet. Eigentlich viel länger. Eigentlich ein ganzes Leben. Über Jahre hat er auf einem Sofa geschlafen. Jeden Cent, egal ob selbst erarbeitet, erspielt, ersungen oder von einem der Sponsoren, die an den Musiker Fetsum glauben, hat er in diese Aufnahmen gesteckt. Er sagt: „Das müsste so groß sein wie dieses Haus hier“ und zeigt auf das Gebäude neben uns. Die tatsächlichen zwölf mal zwölf Zentimeter Manifestation halte ich in meiner Hand. Es wird dem was ich beim Hören erfahre, empfinde und entdecke nur bedingt gerecht. Ich höre ein großes Haus und ich befinde mich im Schatten der Demut. Doch ich kann nachfühlen. Ich bin bei ihm. Ich kenne das. Das Schätzenlernen digitaler Artefakte wird eine große Herausforderung für manche Künstler, für viele Künstler, deren Gedankenwelten sich analog verorten, Doch die gute Nachricht ist, dass man auch getrost auf all das scheißen und einfach Kunst machen kann. Nicht alle. Nicht jeder. Aber das ist halt auch einfach so.</p>
<p>Man konnte zuletzt viel lesen über dieses Urheberrecht, über Notwendigkeit und Mängel. Über veränderte Zeiten, neue Techniken und neues Nutzerverhalten. Der von mir verehrte Sven Regener, dessen Ofen aus Glas ich seit meiner späten Jugend befeuere, muss man seine jüngst getätigten Aussagen verzeihen. Sie waren nicht dem Umstand geschuldet, dass die Welt sich verändert, sondern dem Umstand dass der Mensch so seine lieben Probleme hat über den Tellerrand des ihn ernährenden Suppentellers hinaus zu blicken. Mir geht das ähnlich, wie dieser Text am Ende zeigen wird. Auch wenn ich gestehen muss, dass es hierbei nicht um Ignoranz geht, sondern schlichtweg um Abwägung in Anbetracht der Endlichkeit eigener, individueller Ressourcen wie Zeit, Muse, Interesse und Geld.</p>
<p>Doch ohne Zweifel gilt es jetzt auch das digital gespeicherte und sich so, auch bewährende Wissen zu pflegen, zu bewahren, zu evaluieren, zu sortieren, für kommende Generationen zu synchronisieren und zugänglich zu machen. So gut es uns bzw. jenen die sich damit beschäftigen, eben möglich ist. Und Neues wird sich seine Wege bahnen. Wird es immer. Ehrlich gesagt ist mir das Urheberrecht ziemlich egal. Kunst war in ihrem Kern schon immer ein Subventionsgeschäft. Der Rest ist Business. Auch das muss man verstehen. Sonst enden die Diskussionen im Austausch sinnloser Selbstbewertungen und Positionierungen im öffentlichen Resonanzraum und das hilft keinem wirklich weiter. Vielleicht entsteht Kunst eben zumeist genau dort, wo es nicht um Verkaufszahlen, Chartplazierungen, Bestsellerlisten und Marketing geht. Ja, so wird es sein. Kunst entsteht immer dann, wenn die anderen sich die Eier lecken, das Geld zählen oder sich in Kleinkriegstreiberei verlieren. Kunst entsteht wenn die Sterne gut stehen. Wenn das Unerwartete die Erwartungen übertrifft. Wenn Du bereit bist Schmerzen auszuhalten. Und Häme. Und dunkle Zeiten. Letztendlich geht es verdammt nochmal nicht um die Verwertung von Kunst, sondern um deren Freiheit. Dass dafür Urheberrechte welcher Art auch immer wieder einem Makeover unterzogen werden müssen ist dabei doch selbstverständlich. Und wenn Kunst nicht nur befriedigen, inspirieren und unterhalten soll, sondern man ihr auch einen Bildungsauftrag unterstellt, dann bietet die Neugestaltung vieler Urheberrechte eine große Chance die Welt ein bisschen besser zu machen.</p>
<p>So lange andere drüber nachdenken wie das funktionieren soll, habe ich hier alle meine Songs &#8211; zumindest so viele wie ich in die zwei Stunden freien Upload packen kann &#8211; zum freien Download bei Soundcloud vereint. Falls mir jemand eine schnelle und einfache Anleitung schicken kann, wie ich die alten Platten über Itunes vertreiben kann, würde ich das den Backkatalog betreffend natürlich anstreben, denn das kleine Berliner Label Pavlek Records, bei dem alle meine Platten erschienen sind, ist schon lange Pleite. Wahrscheinlich waren es die immensen Kosten für mein Video damals. Oder das teure Mastering für die Camping Group-Platte. Oder einfach nur die Tatsache, dass nicht jedes kleine Label groß wird und man zumindest einen Act haben sollte, der die Kastanien aus dem Feuer holt. Ich war da noch nicht bereit für. Aber dass es einen Typen gab, der tatsächlich meine Musik veröffentlichen wollte, ist mir bis heute unbegreiflich. Und ganz schön cool (habe erst da gemerkt, wie sich viele Autoren vom Lautsprecherverlag wahrscheinlich gefühlt haben). Jetzt verstehe ich wenn jemand Geld oder Arbeit und Liebe in meine Songs steckt. Ich bin mehr ich und meine Songs sind noch mehr ich. Aber ich stecke – so wie Fetsum es erlebte und viele andere – gerade irgendwo in diesen drei oder mehr Jahren. Aber da man es sich nun mal nicht aussuchen kann und der Drang und die Überlebensnotwendigkeit verwertungsunabhängig existieren und täglich nagen, zerren, einen zerreißen und wieder zusammensetzen, werde ich das, was wieder mal so groß wie ein Haus sein sollte, irgendwann in meinen Händen halten oder Dir vorspielen. Oder halt einen Link schicken.</p>
<p>Die Urheberrechtediskussion wird mich ab jetzt nicht mehr interessieren. Seht mir das bitte nach. Danke. (Originalversion)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/das-urheberrecht-im-unbekannten-wesen-liegt-die-verfuhrung-und-die-vergutung-aber-warum-es-mich-auch-nicht-mehr-wirklich-interessiert/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Los, geh auf die Knie!</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/los-geh-auf-die-knie/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/los-geh-auf-die-knie/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 26 Aug 2012 19:53:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>
		<category><![CDATA[Teresa Bücker]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=681</guid>
		<description><![CDATA[Teresa Bücker sucht den „hommes à femmes“ und findet Verachtung für das System DSK. Er sieht ihr in die Augen. Dann gibt er ihr seine Hand und hält ihren Blick. Er zittert leicht. Dominique Strauss-Kahn versteht dies als Entschuldigung. Die Situation berührt ihn. Selten in seinem Leben hat er die Möglichkeit, Reue zu zeigen, angenommen. [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Teresa Bücker sucht den „hommes à femmes“ und findet Verachtung für das System DSK.</strong></p>
<p>Er sieht ihr in die Augen. Dann gibt er ihr seine Hand und hält ihren Blick. Er zittert leicht. Dominique Strauss-Kahn versteht dies als Entschuldigung. Die Situation berührt ihn. Selten in seinem Leben hat er die Möglichkeit, Reue zu zeigen, angenommen. Er widersteht der Notwendigkeit um Verzeihung zu bitten nicht. Dieser Akt wird nicht der letzte sein.</p>
<p><span id="more-681"></span>Der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds könnte seinen Lebensabend damit verbringen, sich für sein respektloses Verhalten gegenüber Frauen zu entschuldigen. Persönlich. Er könnte bei jenen anfangen, die er als &#8220;Material&#8221; bezeichnete, oder den Nackten, die für ihn ohne Kleidung nicht eindeutig als Prostituierte oder unentgeltlich an einer Sexparty teilnehmende Frauen zu erkennen waren. Oder bei seiner Frau. Bei seinen vier Kindern. Bei den Französinnen und allen anderen Frauen, denen durch das Verhalten von Menschen wie ihm ihre Würde genommen wird. Bei den Frauen, die in einer Welt der Dekadenz, in der Prostitution dazu gehört wie edler Champagner, nicht mehr als eigenständige Personen auftauchen, sondern nur noch als williges oder gekauftes oder vergewaltigtes Fleisch zwischen Männern jongliert werden.</p>
<p>In dieser Erzählung haben Frauen kein Gesicht mehr, ihre Persönlichkeit weicht ihrem Körper und weibliche Sexualität besteht nur noch aus Verfügbarkeit. Dominique Strauss-Kahn und seine Geschäftsfreunde, die einander Escortgirls zu Hintergrundgesprächen mitbringen wie einen Wein als Gastgeschenk, könnten sich entschuldigen bei den Männern, die sie mit sich gleich setzen, wenn sie ohne Wimpernzucken und Zweifel signalisieren, dass der von ihnen gewählte Umgang mit Frauen die Norm sei.</p>
<p>Weniger als nach einem Jahr nach Beginn der &#8220;Strauss-Kahn-Affäre&#8221; in New York fingen auch die französischen Behören an gegen Strauss-Kahn zu ermitteln. Er soll an &#8220;organisierter Zuhälterei in Bandenform&#8221; beteiligt gewesen sein, in deren Rahmen Sexarbeiterinnen für Partys in Frankreich und den USA vermittelt wurden. Im Zuge dieser Ermittlungen hat eine junge Belgierin ausgesagt, von Strauss-Kahn und einem weiteren Partyteilnehmer vergewaltigt worden zu sein. Trotz Aussage bei Behörden in Lille und bei der Polizei in Belgien hat die Frau bislang keine Anzeige erstattet. Die französischen Behörden ermitteln daher derzeit nur wegen des Verdachts auf Zuhälterei, Unterschlagung von Gesellschaftsvermögen, Betrug und Geldwäsche. Dominique Strauss-Kahn gibt an, nicht gewusst zu haben, dass die an den Zusammenkünften teilnehmenden Frauen dafür bezahlt wurden, mit ihm und seinen Geschäftsfreunden Sex zu haben. Sein Anwalt fügte hinzu: &#8220;Das ist eine Herausforderung – wie wollen sie eine nackte Prostituierte von einer nackten Dame unterscheiden?&#8221;</p>
<p>Aus dieser Logik lässt sich ein krudes Selbstbewusstsein und selbstvergessenes Verständnis der Geschlechterverhältnisse folgern: egal ob nackt, leicht bekleidet, bezahlt oder naturgeil &#8211; jede Frau musste fraglos zu Sex mit den anwesenden Männern bereit sein. Allein betrachtet klingen die Sexpartys mit all den nackten Schönen und Mächtigen befreit und bohème. In Anbetracht der mehrfachen Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber Strauss-Kahn und einem realistischen Blick auf die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen tun sie das weniger. Studien zufolge werden zwei Drittel der Prostituierten von ihren Freiern tätlich angegriffen, bei der überwiegenden Mehrheit der Frauen liegt Alkoholmissbrauch und die Abgängigkeit von harten Drogen vor. Die standartisierte Sterblichkeitsrate unter Sexarbeiterinnen in Großbritannien ist sechsmal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Gegenüber der Presse gab DSK an, Prostitution &#8220;schrecklich&#8221; zu finden. In SMS gegenüber Geschäftspartnern bat er darum, ihm &#8220;Material&#8221; mitzubringen.</p>
<p>DSK gilt als &#8220;hommes à femmes&#8221;, ein Mann, der Frauen liebt. Die Legitimation dieser schmeichelhaften Umschreibung scheint für ihn darin zu bestehen, über möglichst viel „Material“ zu verfügen. Als sei die Technik des Hochschlafens für mehr Macht und Machterhalt dort, wo heterosexuelle Männer unter sich bleiben, darauf beschränkt, Männlichkeit vor den Augen anderer durch das Besitzen von Frauen zu bestätigen. Er betört sich mit der Illusion der Macht um nicht zuzulassen, was größer ist: Den Verlust von Kontrolle im Angesicht einer Gleichen. Er umgibt sich ständig mit Frauen, doch bleibt ihnen immer fern. Dass ausgerechnet gekaufter Sex mit Schwächeren seinen Status affirmieren soll, überrascht dabei am meisten – gelingt doch Zugewinn an Wissen und Lebenserfahrung nur durch die Annahme von Herausforderungen.</p>
<p>Wenn ein „homme à femmes“ ein Verehrer der Frauen ist, dann ist er Feminist. Wer Frauen liebt, will ihre Freiheit, will Gerechtigkeit für sie und Glück. Ein solcher Mann würde demnach immer für sie Partei ergreifen, für ihre Rechte sprechen und seinen Ruf in Wort und Tat bekunden. Dominique Strauss-Kahn ist kein „hommes à femmes“.</p>
<p>„Entschuldigen Sie mich, während ich vor Überraschung in ein Nickerchen falle“ kommentiert die Autorin des us-amerikanischen Frauenportals „Jezebel“ Erin Gloria Ryan den Vorwurf der gemeinschaftlichen Vergewaltigung gegenüber Strauss-Kahn, der als bislang jüngste Anschuldigung in einer Reihe von Vorwürfen von sadistischer Gewalt steht. Dominique Strauss-Kahn ist bislang nicht verurteilt worden. Doch ganz gleich, was tatsächlich zwischen den anklagenden Frauen und ihm passiert ist, es wäre für Personen mit Einfluss, Ansehen und der Liebe zum weiblichen Geschlecht nur angemessen, über Gewalt gegen Frauen zu sprechen. Denn Medienberichterstattung verkehrt das Verhältnis von Frauen, die vergewaltigt, genötigt oder belästigt werden, und den Männern, die dies tun oder zu Unrecht einer Straftat beschuldigt werden. Vergewaltigung ist eines der Verbrechen mit der höchsten Dunkelziffer. Laut UNIFEM wird eine von fünf Frauen im Laufe ihres Lebens Opfer einer Vergewaltigung oder versuchten Vergewaltigung. In der aktuellen, repräsentativen Untersuchung des Familienministeriums „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ gaben 40 Prozent der befragten Frauen an, körperliche oder sexuelle Gewalt oder beides seit dem 16. Lebensjahr erlebt zu haben. Unterschiedliche Formen von sexueller Belästigung hatten 58 Prozent erlebt. 8.000 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung erwachsener Personen wurden laut Bundeskriminalamt 2010 angezeigt. Man geht davon aus, dass nur eine von zwanzig Vergewaltigungen der Polizei gemeldet wird. Multipliziert mit der Dunkelziffer spielen sich allein in Deutschland täglich über 400 schwere sexuelle Gewalttaten ab.</p>
<p>Schon jede versuchte Vergewaltigung ist ein gewalttätiger Übergriff zu viel. Für keine von ihnen gibt es eine Rechtfertigung, keine geschah im Überschwang, keine im gegenseitigen Einverständnis. Ernüchternder, als die hohe Zahl der Gewalttaten, die niemals zur Anzeige kommen, ist dabei nur, wie selten diese Taten öffentlich verurteilt werden ­– insbesondere von prominenter männlicher Seite. Denn eine Entschuldigung im Namen anderer muss kein Eingeständnis von Schuld bedeuten. Sie könnte aber der Anfang einer Verhaltensänderung sein und den Realitätsblick schärfen.</p>
<p>Wer entschuldigt sich? Wer bittet die tausenden von Frauen, die heute vergewaltigt werden, die in diesem Moment gegen ihren Willen angefasst werden, die Angst haben, sich machtlos fühlen, die nichts mehr fühlen, die verkauft werden, die ihre Traumata immer wieder durchleben, die sich nicht trauen, mit jemandem zu sprechen, die vor Scham keine Therapie in Anspruch zu nehmen, die sich nicht mehr anfassen lassen können, ohne dass es ihnen die Kehle zuschnürt, die sich mit einer Rasierklinge sechs Mal in den Arm schneiden, bevor der seelische Schmerz ein wenig nachlässt, um Vergebung? Wer verspricht ihnen, dass es nie wieder passieren wird? Wer sagt den Tätern, dass sie so etwas nie wieder tun werden? Wer steht auf, wer sagt und beweist, dass dies Monster ausmacht, aber keinesfalls den Mann?</p>
<p>Der Mann, der im Frühjahr des letzten Jahres noch als vielversprechender Präsidentschaftsanwärter der französischen Sozialisten galt, könnte an dieser Stelle übernehmen. Er könnte nachdenklich zurückblicken, oder kritisch nach vorn. Nichts. Er schweigt. „Charmant, selbstbewusst, lebenslustig“ gebe er derzeit Interviews, so der Journalist Michel Taubman, der schon eine Biografie Strauss-Kahns verfasste und als häufiger Gesprächspartner des Franzosen gilt. Taubman beschreibt in seiner Aufarbeitung der Geschehnisse &#8220;Die Affäre DSK, die Gegen-Nachforschung&#8221; den Vergewaltigungsvorwurf an Nafissatou Diallo wie folgt:</p>
<p>(Diesen Absatz eingerückt) &#8220;Sie sieht ihm in die Augen. Dann betrachtet sie ostentativ sein Geschlechtsteil. Das Fleisch ist schwach. Dominique Strauss-Kahn versteht dies als Angebot. Die Situation amüsiert ihn. Selten in seinem Leben hat er die Möglichkeit eines Vergnügens ausgeschlagen. Er widersteht der Versuchung einer Fellatio nicht. Der Akt ist sehr schnell.&#8221;</p>
<p>Die Mitarbeiterin des Sofitel New York zeigte Dominique Strauss-Kahn am 14. Mai 2011 an und beschuldigte ihn, sie zum Oralverkehr gezwungen zu haben. Der Journalist Edward Jay Epstein zeichnete die Geschehnisse im Hotel in seiner Investigativreportage „Three Days in May“ anhand von Überwachungsdaten nach und wies nach, dass der Zeitraum, in dem aus Sicht von Nafissatou Diallo eine Vergewaltigung geschah und es laut DSK zu einer einvernehmlichen sexuellen Handlung kam, nicht mehr als sieben Minuten gedauert haben kann. Die forensischen Ermittlungen belegten Spermaspuren von DSK und Speichelflüssigkeit der Hotelangestellten in der Suite. Sofern die Geschehnisse im Hotel einer sexuellen Handlung zuzurechnen sind, ist klar, welcher der Beteiligten daraus Befriedigung zog. Die Art des Sexes bei der Frauen während der Fellatio an einem Mann zum Orgasmus kommen, ist nicht einmal eine eigene Pornogattung.</p>
<p>Ein „homme à femmes“ aber verwechselt Verführung nicht mit Verfügbarkeit. Man hat dem „Frauenversteher“ Dominique Strauss-Kahn bislang die falschen Fragen gestellt. „Sie vollbrachten es, durch die Erwiderung eines lüsternen Blicks, durch die schiere Präsenz ihres Penis in einem hastigen oralen Akt, die Frau, die sie nur wenige Minuten kannten, in einem einvernehmlichen Akt der Lust zu beglücken?“ Aber mehr noch: einem Mann, dessen Karriere auf die Präsidentschaft einer Nation zulief, deren Motto „liberté, égalité, fraternité“ ist, könnte man vor allem Politisches abverlangen. Wer eine ausschweifende sexuelle Freiheit für sich in Anspruch nimmt, die den Kauf von Sex mit einschließt, müsste doch seinen Partnerinnen und allen Frauen ebendiese Freiheit und Gleichheit bieten wollen. Zur Auflösung einer Doppelmoral und für die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit, müsste Prostitution entkriminalisiert werden und die Frauen und Männer, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen, volle Arbeitnehmerrecht erhalte. Sex könnte theoretisch ohne Ausbeutung verkauft werden, Prostitution müsste nicht gleichbedeutend mit Gefahr für und Gewalt gegen Menschen sein.</p>
<p>„Sexarbeit ist eine ökonomische Frage, keine moralische: In einer Welt, in der Scham und sexuelle Gewalt nach wie vor harte Währungen sind, ist die Tatsache, dass die Sexindustrie ein ganz normaler Wirtschaftszweig geworden ist, ein Symptom, und zwar nicht des sozialen Niedergangs, sondern der ökonomischen Ausbeutung der Frauen“, schreibt die Autorin Laurie Penny in „Fleischmarkt“.</p>
<p>Sex ist wunderschön und menschlich. Gewalt ist es nicht. Menschen, die Mann genug und Frau genug sind um Präsident werden zu wollen, brechen die Norm und sprechen darüber. Sie engagieren sich für Gleichberechtigung, kulturellen Wandel und gegen Gewalt. Und sie ändern eine Gesetzgebung, die Sexarbeiterinnen kriminalisiert, ausgrenzt, verurteilt und ausbeutet. So lange Gewalt gegen Frauen minütlich verübt wird, lautet die schmerzhafte Aufgabe genau das zu benennen und dagegen zu arbeiten. In der Auseinandersetzung mit der Affäre DSK darf es nicht um die Frage nach der Glaubwürdigkeit einzelner gehen, sondern um Antworten auf hunderttausende Verbrechen im Jahr.</p>
<p>(letzter Absatz wieder kursiv) Eine Frau und ein Mann sehen sich in die Augen und betrachten einander. Sie verstehen es als Angebot an den jeweils anderen. Die Situation entspannt sie. Selten in seinem Leben haben sie einander nicht vertraut. Sie widerstehen der Versuchung des partnerschaftlichen Miteinanders nicht. Der Akt dauert an.</p>
<p>(Dieser Text erschien bereits in einer gekürzten Fassung in der Wochenzeitung &#8220;Der Freitag&#8221;)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/los-geh-auf-die-knie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>ICE of the living dead</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/ice-of-the-living-dead/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/ice-of-the-living-dead/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 26 Aug 2012 19:52:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=677</guid>
		<description><![CDATA[von Stefan Kalbers Ich habe einen Traum, und der geht so: Schichtbeginn Samstag mittag 14.00 Uhr. Ich komme aus dem Freibad direkt zur Arbeit. Und zwar mit dem Taxi. In einer Plastiktüte stecken mein nasses Handtuch, das Duschgel, eine Packung Gummibärchen und eine verklebte Ausgabe von Willards Fußfetisch Magazin. Ich steige aus dem Taxi ohne [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Stefan Kalbers</strong></p>
<p>Ich habe einen Traum, und der geht so: Schichtbeginn Samstag mittag 14.00 Uhr. Ich komme aus dem Freibad direkt zur Arbeit. Und zwar mit dem Taxi. In einer Plastiktüte stecken mein nasses Handtuch, das Duschgel, eine Packung Gummibärchen und eine verklebte Ausgabe von Willards Fußfetisch Magazin. Ich steige aus dem Taxi ohne zu zahlen, denn ich habe eine Taxiflatrate. Vor dem Bahnhof grüße ich den ein oder anderen Kollegen von Ferne. Mein Bauch quillt fettig über den Saum der Badehose. Mein Kopf, mein ganzer Körper ist von der ungewohnten Sonne krebsrot und total verbrannt. Die Schlappen an meinen Füßen machen ein floppendes Geräusch. Ich steige in meinen ICE, schließe die Führerkabine auf und mache als erstes den Technikcheck. Anschließend laufe ich alle Waggons ab. Es gibt keine Reservierungen. Es gibt außer mir kein Personal. Alle Plätze sind frei, alle Wagen sind leer.<span id="more-677"></span></p>
<p>Wenn das Signal von rot auf grün springt, setzt sich das Ungetüm langsam in Bewegung. Wie eine Schlange kriecht der Zug durch die zahlreichen Weichen im Bahnhofsbereich. Dann werden die Gleise weniger, bis nur noch das eine zu sehen ist, auf dem ich mich selbst bewege. Die Richtung ist vorgegeben, und die Panoramascheibe zeigt mir einen blauen Himmel. Die Beschleunigung lässt die Bäume und Häuser am Wegesrand zu einem einzigen farbfrohen Schmierfilm zerfließen. Tonnenschweres Stahl macht sich auf den Weg, all die unglücklichen Seelen abzuholen. Meine Arbeit kann beginnen.</p>
<p>Ich kann ihn schon von Weitem sehen, wie er da auf der Brücke steht und mir entgegenblickt. Vielleicht hält er sich schon seit Stunden da oben auf und hat zahlreiche Züge an sich vorbeiziehen lassen. Unentschlossen, ängstlich. Ich gebe ihm mit den Frontscheinwerfern ein Signal. Hier bin ich. Ich bin der richtige. Jetzt darfst du. Und dann klettert er auch schon über das Geländer, springt und fällt und fällt. Jeans und T-Shirt stürzen durch die Luft. Mein Club kennt keine Türsteher. Heute heißt es wieder: Eintritt frei. Jeder darf. Bringt eure Freunde mit. Und als wäre die Höhe nicht schon schlimm genug gewesen und seine Glieder aufgeplatzt, blutig und die Knochen gesplittert, so werden jetzt, unumkehrbare Tatsachen geschaffen. Der Zug donnert über ihn hinweg, Blut spritzt an die Scheibe …und das war’s. Das Fahrgeräusch bleibt das Gleiche. Kein Rumpeln, kein Zögern, nur zärtliches Dahingleiten auf Schienen. Der erste Passagier ist an Bord. Ich schalte die Scheibenwischer an, das Blut schmiert etwas, und greife nach der Tüte mit den Gummibärchen.</p>
<p>Der nächste Fahrgast ist eine Frau. Sie steht im Gebüsch, genau in der Biegung einer ziemlich unübersichtlichen Kurve. Sie will nicht entdeckt werden, will auf Nummer sicher gehen, will auf jeden Fall vermeiden, dass der Zug noch bremsen könnte. Kein Angst, junge Frau, ich nehme jeden Anhalter mit. Unbeholfen klettert sie auf die leicht erhöhten Gleise. Für eine Sekunde kann ich ihr verheultes Gesicht sehen und denke mir noch: Komm, zeig mir ein letztes Mal deine Titten, aber dann klebt sie auch schon irgendwo unter mir an der Frontseite. Ein abgerissenes Bein fliegt durch die Luft, zurück in den Wald, wird wichtige Nahrungsquelle für allerlei Getier. So haben alle was davon: die Frau, die Tiere und ich.</p>
<p>Keine fünf Kilometer weiter muss ich dann aber doch den Kopf schütteln. Immer diese Rentner. Sollten doch Vorbild sein. Schranke unten heißt nun mal, Achtung Zug, bitte stehen bleiben. Auch dann, wenn der ehemalige Herr Studienrat nicht mehr richtig hören kann und Frau ‹‹Ich mach regelmäßig Gymnastik und fühle mich noch ganz fit›› sagt: ‹‹Also, von rechts kommt nichts.›› Beim Überqueren der Gleise empfiehlt sich immer zweimal zu schauen. Und das gilt auch für Wandergruppen. Ich zähle auf die Schnelle dreizehn ältere Herrschaften mit Rucksack, Sonnenhut und Wanderstock auf den Gleisen. Ja, Entschuldigung, dass ich jetzt lachen muss, aber das sieht einfach lustig aus. Die blöden Gesichter, das wilde gestikulieren. Hätten sie in Physik besser aufgepasst, dann wüssten sie, dass ich den Zug nicht mehr rechtzeitig stoppen kann, selbst wenn ich wollte. Dann macht es ‹‹klatsch, klatsch, klatsch››, rechts und links spritzt Gedärm, Kopf und Wurstbrot durch die Luft. Wenn ich das richtig gesehen habe, hat der Zug einen Mann genau in der Mitte durchtrennt. Na ja, geteiltes Leid ist bekanntermaßen nur halbes Leid. Ich greife wieder nach den Gummibärchen, aber die Tüte ist leer.</p>
<p>In den nächsten zwei Stunden sammle ich noch ein Liebespaar ein, dessen Beziehung vom familiären Umfeld nicht geduldet wird, einen Mann, dessen Frau vor kurzem bei einem Unfall ums Leben kam, einen jüngeren Mann, der eine Krebsdiagnose bekommen hat, und schließlich einen reichen Unternehmer, der es nicht ertragen kann, sich an der Börse verspekuliert zu haben. Alle werden sie nacheinander in die Luft geschleudert, zerrissen und zerteilt, zu Brei gepresst und gleichen anschließend einer frischen Schlachtplatte. Voilà, es ist angerichtet. Dann mache ich Pause. In einem mitteldeutschen Städtchen steht der ICE auf einem Sondergleis. Weit weg von gewöhnlichen Passagieren, die mit neugierigen Blicken auf etwas stoßen könnten, das sie nichts angeht. Die Anzeigetafel ist blank, die Türen bleiben geschlossen.</p>
<p>Ich schlappe durch den Bahnhof, grüsse auch hier von Ferne bekannte Gesichter. In dieser Branche entkommt man einander nicht. Jeder kennt jeden und Gerüchte und Geschichten verbreiten sich schneller als Lucky Luke ziehen kann. Bei McDonald’s lasse ich mir acht verschiedene Burger und eine Cola geben. Verlegen taste ich die Seiten meiner Badehose ab.</p>
<p>‹‹Oh, Scheiße. Kein Geld dabei.››</p>
<p>Der Andere mahnt mit dem Zeigefinger.</p>
<p>‹‹Dann gib mir die Badehose.››</p>
<p>Wir lachen beide, man kennt mich hier. Ich habe eine Burgerflatrate samt Extras. Mit dem Tablett in der Hand verziehe ich mich in die hinterste Ecke und lasse es mir schmecken.</p>
<p>‹‹Ja››, denke ich mir. ‹‹Bei uns wird Service groß geschrieben. Wir geben den Kunden, was sie haben wollen. Täglich sind wir im Einsatz. Für Sie, für Deutschland. Kostenlos. Hilfe direkt und unbürokratisch. Kein nerviges Anmelden, Mailadresse hinterlegen, Passwort abholen. Keine Altersverifikation per Postidentverfahren. Kein staatlich beglaubigter Nachweis, dass vorab ein Beratungsgespräch stattgefunden hat.</p>
<p>Ich liebe meinen Beruf. Er ist sinnvoll, trägt ein klein wenig zur Verbesserung der Welt bei und wird gut bezahlt. Jeder hat das Recht, sein Leben zu beenden wann er möchte. Wir unterstützen die Kunden dabei.</p>
<p>Mit vollem Bauch schlappe ich wenig später zurück zu meinem Zug. Ich lege mich in das Abteil eines Schlafwagens und halte ein Nickerchen. Nach einer Stunde geht es weiter. In einem großen Bogen werde ich die Richtung ändern und schließlich am Abend wieder in meiner Heimatstadt eintreffen. Bis dahin werde ich zwischen zehn und zwanzig weitere verlorene Seelen eingesammelt haben. Hängt immer ein wenig von der Jahreszeit ab, vom Wochentag oder der Ferienzeit. Ich mache das jetzt schon seit 16 Jahren und könnte mir nichts besseres vorstellen.</p>
<p>Soweit der Traum.</p>
<p>In Wirklichkeit muss natürlich auch ich eine Uniform tragen, habe nervige Kollegen und darf mir das Gemecker der Fahrgäste anhören. Der Job ist nicht mal halb so gut bezahlt, die Schichtdienste nerven. Die Taxiflatrate gibt es ebenso wenig wie eine Burgerflatrate.</p>
<p>Ich hocke in der Lounge für Bahnangestellte und beobachte drei Kollegen am anderen Ende des Raumes. Zwei von ihnen sprechen auf den Betroffenen ein. Er sitzt mit krummem Rücken und hängenden Schultern in sich zusammengesunken da. Beinahe vier Monate hat er gefehlt. Nach dem ‹‹Unfall›› stand er unter Schock. Konnte wochenlang nicht arbeiten. Schuldgefühle zerpflügten sein Gewissen. Er bekam eine Therapie und wurde zur Kur geschickt. Jetzt hängt er wieder öfter hier herum. Will sich wieder eingewöhnen. Bereitet sich innerlich auf seinen ersten Arbeitstag vor. Und natürlich haben alle Verständnis für seine Niedergeschlagenheit. Behaupten, dass würde jedem so gehen. Aber das stimmt nicht. Den ersten Lebensmüden hatte ich keine drei Wochen nach Berufsantritt. Ich sah den Mann auf die Gleise laufen, wie er dastand mit den aufgerissenen Augen, habe ihn überfahren und bin pünktlich im Zielbahnhof eingefahren. Natürlich hätte ich anhalten müssen. Habe ich aber nicht eingesehen. Ich lass mir doch nicht die Tour versauen. Später habe ich behauptet, ich hätte nichts gesehen. Die ganze Sache hätte unterhalb meines Sichtfeldes stattgefunden. Seitdem gelte ich unter den Kollegen als Monster. Aber ich sage euch was, ihr Fotzen: Wenn ihr nicht verstanden habt, dass das Leben eine Abfolge aus Niederlagen und Enttäuschungen ist, gespickt mit dem ein oder anderen Bonbon, dann verkriecht euch in Löcher oder werft euch vor den Zug. Wer nicht mehr leben will, soll sterben, und eure Schwäche ist nicht mein Problem.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/ice-of-the-living-dead/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Eine Insel in Kairo</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/eine-insel-in-kairo/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/eine-insel-in-kairo/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2012 20:01:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=333</guid>
		<description><![CDATA[von Boris Guschlbauer Dieser Verkehr, so tödlich wie eine neunköpfige Hydra. Schlägt man ihr einen Kopf (=Taxi) ab, so wachsen zwei neue nach, die mit ihrem gefräßigen Maul nach alles und allem schnappen. Jeder Schritt sollte deshalb gut überlegt sein, denn jeder könnte der letzte sein in diesem Chaos aus tieffliegenden PKWs, LKWs, Mikro-, Mini- [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Boris Guschlbauer</strong></p>
<p>Dieser Verkehr, so tödlich wie eine neunköpfige Hydra. Schlägt man ihr einen Kopf (=Taxi) ab, so wachsen zwei neue nach, die mit ihrem gefräßigen Maul nach alles und allem schnappen. Jeder Schritt sollte deshalb gut überlegt sein, denn jeder könnte der letzte sein in diesem Chaos aus tieffliegenden PKWs, LKWs, Mikro-, Mini- und Linienbussen. Hupen übertönen das Leben, lassen jeden Fußgänger bis ins Mark erschüttern, die Lautstärke warnt, verschafft sich freie Fahrt &#8211; die Trompeten von Jericho, die die letzten standhaften Mauern in einem zum Einsturz bringen.</p>
<p><span id="more-333"></span></p>
<p>Schweiß rinnt mir literweise von der Stirn, durchnässt das T-Shirt und die, seit mehreren Wochen nicht mehr gewaschene Jeans. Die starke Hitze drückt auf das Gemüt und positioniert sich vor mir wie ein unüberwindlicher Koloss. Der Smog schmerzt in den Augen und Lungen, am Abend wir der Rotz schwarz gefärbt sein.<br />
Mit raumgreifenden Schritten überquere ich die Sharia al-Azhar, den Inbegriff des Highway to Hell. Dabei halte ich einen waghalsigen Zickzackkurs ein, um nicht unter die Räder der vielen Autos zu gelangen, rutsche auf Ölflecken und Kotze aus, umkurve Pferdescheiße und springe geschickt über Müllberge hinweg.</p>
<p>Der Gehweg bietet kaum ein sicheres Rückzugsgebiet. Metallbeschlagene Räder von Sack- und Handkarren bahnen sich einen zermalmenden Weg über jeden Mittelfußknochen, ein Junge auf einem verrosteten Fahrrad rast unachtsam durch die Menge und Chaiträger schlängeln sich durch das Leben &#8211; ihre dampfende Fracht immer kurz vor dem Umkippen. Händler tragen Teppiche auf den Schultern, die langen Enden holen alles von den Beinen was ihnen zu nahe kommt. Funken von Messerschleifern sprühen, einem Feuerregen gleich, auf den Gehweg und setzen Haare in Brand. Mehrere Verkäufer reinigen die Straße vor ihren Läden, indem sie Wasser aus einer Flasche auf den Asphalt und meine Beine spritzen.</p>
<p>Von überall dringen Stimmen von Verkäufern an meine Ohren und werden zu einer Art Chor der Verdammten &#8211; es ist unmöglich einzelne Wörter zu sondieren. Hände greifen nach meinem T-Shirt, alle wollen wissen woher ich komme, wie ich heiße, ob ich verheiratet bin, Kinder habe, ob ich nicht Papyrus kaufen will, antique, antique, good price, good price. Dort hinten befindet sich ihr Geschäft, oder das ihres Bruders, oder das ihres Bruders Freundes, oder des Cousins.<br />
Unweigerlich beschleunige ich, um den Verkäufern zu entkommen, aber sie halten mit mir Schritt, bis sie vom nächsten abgelöst werden, der mich bereits wie ein Geier umkreist.</p>
<p>Eine Frau mit Lepra zerfressenem Gesicht kauerte im Dreck am Straßenrand und hält mir eine Packung Papiertaschentücher entgegen und fordert Geld für ihre Medizin. Von der anderen Bettlerin sieht man nur die faltige Hand, der Rest ist von einem schwarzen Chador bedeckt und lässt sie so wie einen schwarzen Fels am Wegesrand erscheinen. Verwahrloste Kinder springen mir entgegen, sie wollen Bakschisch und folgen nun auf Schritt und Tritt. Bakschisch, Bakschisch&#8230;</p>
<p>Verzweifelt ringe ich nach Ruhe, will alles an mir abgleiten lassen, aber irgendwie will es am heutigen Tag nicht funktionieren. Die undankbare Dualität in mir ist voll ausgeprägt, ich werde nicht eins mit dem Chaos von Kairo. Unruhe beginnt mich zu überwältigen und gerate so aus dem wichtigen Gleichgewicht. Alles und alle werden zum unüberwindlichen Endgegner. Die Hitze, der Verkehr, die vielen Menschen und der Müll sind die 36 Kammern der Shaolin, die ich niemals lebendig überstehen werde. Das steht fest.</p>
<p>Meine letzte Zuflucht, bevor der Kopf mit einem lauten Knall explodiert, ist die Al-Azhar Moschee inmitten der Altstadt von Kairo. Aus Erfahrung weiß ich, dass in allen Moscheen der Welt Ruhe und Frieden zu finden ist.<br />
Also hetze ich den Minaretten am smogverhangenen Horizont entgegen, werfe meine Badeschlappen in die Ecke der Eingangshalle und suche mir einen ruhigen Platz auf dem Teppich im Innenhof des Gotteshauses. Ein junger Mann beginnt leise zu singen, andere murmeln Suren aus dem Koran vor sich hin. Sonnenstrahlen tauchen die Minarette in eine sanftes Licht und fluten den Innenhof mit Gold. In diesem Augenblick bemerke ich, wie sich die Ruhe einen direkten Weg ins Herz bahnt. Der Stress fließt von mir ab, als führe ein klarer kalter Gebirgsbach direkt durch mich hindurch. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und schlafe ein.&gt;/</p>
<p>Im Traum bin ich Robinson Crusoe auf der einsamen Insel der Glückseligkeit. Der Bart ist lang, das Haar verfilzt, ein Lendenschurz bedeckt meine Genitalien, ich trinke die Milch aus Kokosnüssen, schlage Bambus für eine rudimentäre Hütte und habe irgendwie Feuer gemacht. Die Ruhe ist ein Teil von mir, nie wieder will ich erwachen, zu schön ist die Einsamkeit auf dieser Insel inmitten von Kairo.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2012/08/eine-insel-in-kairo/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kapitel: Der Mond, der sich auf dem See spiegelt – Eine wahre Geschichte</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2009/12/kapitel-der-mond-der-sich-auf-dem-see-spiegelt-eine-wahre-geschichte/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2009/12/kapitel-der-mond-der-sich-auf-dem-see-spiegelt-eine-wahre-geschichte/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 27 Dec 2009 08:35:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=747</guid>
		<description><![CDATA[von Roman Libbertz Etwas desillusioniert war ich, der sich gefühlsmäßig lange für scheintot und begraben hielt, in diese Beziehung hineingeschlittert und mein Innenleben, unter dem Stern meines bevorstehenden Staatsexamens, sowie der Bedrohung ihres Ex-Freundes, in seinen Grundmauern erschüttert worden. Nach so langer Zeit war ich zum ersten Mal verliebt, bekam meine Anerkennungssucht befriedigt und sah [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Roman Libbertz</strong></p>
<p>Etwas desillusioniert war ich, der sich gefühlsmäßig lange für scheintot und begraben hielt, in diese Beziehung hineingeschlittert und mein Innenleben, unter dem Stern meines bevorstehenden Staatsexamens, sowie der Bedrohung ihres Ex-Freundes, in seinen Grundmauern erschüttert worden. Nach so langer Zeit war ich zum ersten Mal verliebt, bekam meine Anerkennungssucht befriedigt und sah irgendwie Alles und Jeden in rosa. Also weniger Rauchen, Essen, Alkohol, Masturbieren, Gehirnwichserei, Telefonieren, Schaffensdrang, sämtlich all die negativen Angewohnheiten, die mich in der Regel treiben, wenn ich mit dem Alleinsein konfrontiert werde. Ich wollte die Welt für einen anderen Menschen niederreißen und zusammen, wie in einem Cary Grant-Film auf einem Hausboot dem Leben entgegen treiben. Schnitt.<span id="more-747"></span></p>
<p>Sieben Monate später befand ich mich in Udaipur, der weißen Stadt mit ihrer traumwandlerischen Atmosphäre und den unzähligen Dachterrassen am See. Zwanzig Tage waren wir 5000 Kilometer mit dem Auto quer durch die nordindische Wüste gereist. Jede Stunde hatten wir zusammen verbracht – gesehen, geschlafen, gegessen, gelacht und manchmal gestritten. Jedoch machte sich nach etwa einer Woche unseres Aufenthaltes ein Gefühl breit, das ich bis dato noch nicht kannte. (Gehirnforscher attestieren, dass nach etwa sechs Monaten das „Verliebtheitsendorphin“ nachlässt.) Wir beide, auch bedingt durch die tägliche Reizüberflutung, überdachten insgeheim, jeder für sich, ob der Partner wirklich der Mensch sein könne, den man zu „Lieben“ fähig wäre. Nicht mächtig genug, sich dies einzugestehen, verschweißte es einerseits, ließ andererseits aber auch unsere Streitigkeiten wie Vulkanausbrüche aus dem Boden schießen. Es gab zwei Momente, die ich während der Reise nicht fähig war einzuordnen und die mich, immer mehr, in mich zurückziehen ließen. Details.</p>
<p>Einmal trug es sich an einem Abend in Puskar zu, dass ich froh war, sie bereits eingeschlafen neben mir zu sehen und bewegungslos in Ruhe für mich sein zu können. Der andere Abend spielte sich in Agra ab, als ich vom Essenholen zurückkam, sie mir überschwänglich in die Arme fiel und ich diese Zuneigung nicht erwidern konnte. Erklärung.</p>
<p>Keine Mauern waren wie früher nach oben gefahren, sondern meine Begeisterung hatte abgenommen. Sicher war sie immer noch der Mittelpunkt meines damaligen Lebens, aber irgendetwas hatte sich verändert. Genauso wenig wie ich, dank des einstudierten Verhaltens Touristen gegenüber, engeren Kontakt zu den indischen Mitmenschen aufbauen konnte, verhielt es sich mit einem Mal hinsichtlich des Menschen an meiner Seite: Ich konnte ihre Denkweisen, Machtspiele und Launen nicht verstehen, soviel ich auch darüber meditierte oder so sehr ich mich auch mühte. Trauer machte sich in meinem offenen Herz breit und ein seltsamer Isolationsgedanke pochte in meinem Kopf. Ich hatte mich selbst in wundervolle Ketten gelegt, die mir nun die Luft abzuschnüren drohten und deren Glieder ich nicht mehr nachzuvollziehen vermochte. Ich träumte von grünen Landschaften im Allgäu, vom Alleinsein oder von meinen Freunden, die ich durch Beziehung und Indien kaum gesehen hatte. Da war ich also in einem fremden Land in einen Zustand völliger Unsicherheit geraten, in dem alles möglich, doch auch alles unmöglich erschien. Äußere Betrachtung.</p>
<p>Der Sinnsuchende hatte den Sinn verloren. Er trieb auf einer Scholle, welche ihn Handlungsströmungen aussetzte, die für ihn zwar augenblicklich zweckmäßig erschienen, jedoch im Nachhinein von Grund auf unreflektiert waren. Blickte er in den Spiegel, war es fast so, als sehe er sein eigenes, jedoch verfremdetes Gesicht und seine Hand, die ihm den ausgestreckten Mittelfinger zeigte. Allumfassende Ohnmacht. Raus.</p>
<p>Um uns spazierten Kühe auf unbetonierten Straßen. Abwasserrinnen liefen offen neben den Wegen. Tausende Rikschafahrer. Ein nackter Säugling krabbelte scheinbar heimatlos durch die Gegend und wie das Leben so spielt, brauchte es genau hier dann einen kleinen unwichtigen Streit, welcher sich genau genommen nicht verbal, sondern nur mit Blicken austrug, der das geheuchelte Konstrukt zusammenbrechen ließ. Explizit.</p>
<p>Meine ehemalige Traumfrau schwang sich in eine Rikscha und brauste von Dannen. Ich war endgültig vom Weg abgekommen, doch unvorstellbarerweise von dieser Sekunde auf die andere wieder mit mir im Reinen. Das Gefühl war so intensiv, dass ich mich, gleichsam wie ein frisch verliebter Junge über sein gebrochenes Herz weint, gegenüber eines von Frauen beklopften Steinfeldes vergoss. Derart geläutert, kenterten wir kurze Zeit später in unserem Hotelzimmer, in dem ich beschloss, auf eine letzte gemeinsame Woche im seligen Kerala, gefüllt von Ayurveda am Meer zu verzichten, am nächsten Morgen nach Delhi zurückzufahren und den Heimflug anzutreten. Ende.</p>
<p>In der Nacht nach meiner Entscheidung rauchte ich das erste Mal seit drei Wochen wieder und zwar gleich eine ganze Schachtel. Um fünf Uhr früh fand ich mich auf dem Balkon sitzend, sah den Mond sich im Wasser des Sees spiegeln, die Luft geschwängert von fremdländischen Gewürzen, das Ohr der orientalischen Musik lauschend, die vom anderen Ufer entgegenschwappte und fühlte mich zugleich frei und leer wie nie zuvor. Das Hausboot haben wir, weder in Kerala, noch in unserem Leben je betreten. Das immer gleiche traurige Lied vom Kampf um Liebe und Anerkennung. Abspann.</p>
<p>You must remember this<br />
A kiss is still a kiss<br />
A sigh is just a sigh<br />
The fundamental things apply<br />
As time goes by</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2009/12/kapitel-der-mond-der-sich-auf-dem-see-spiegelt-eine-wahre-geschichte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>SelbstgesprÄch</title>
		<link>http://www.blank-magazin.de/wp/2009/12/selbstgesprach/</link>
		<comments>http://www.blank-magazin.de/wp/2009/12/selbstgesprach/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 27 Dec 2009 08:34:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Heft Zwei]]></category>
		<category><![CDATA[Phil Vetter]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.blank-magazin.de/wp/?p=745</guid>
		<description><![CDATA[von Phil Vetter Ich bin es nicht gewohnt, mit dem Flugzeug zu reisen, da ich die letzten Monate permanent mit meinem Segelboot unterwegs war. Nun sitze ich aber in einem Stunden andauernden Trans-Atlantik-Flug von Philadelphia nach München. Durch die Zeitverschiebungen zwischen den USA und Europa sind seltsame Dinge passiert. Zum Beispiel ist es erstaunlicherweise so, [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Phil Vetter</strong></p>
<p>Ich bin es nicht gewohnt, mit dem Flugzeug zu reisen, da ich die letzten Monate permanent mit meinem Segelboot unterwegs war. Nun sitze ich aber in einem Stunden andauernden Trans-Atlantik-Flug von Philadelphia nach München. Durch die Zeitverschiebungen zwischen den USA und Europa sind seltsame Dinge passiert. Zum Beispiel ist es erstaunlicherweise so, dass neben mir im Sitz 24E kein anderer sitzt als ich selbst. Eigenartig, denke ich mir. Nach anfänglicher Verwirrung und endlosen Auseinandersetzungen reift ein Gedanke in uns: Endlich können wir mich mal selbst interviewen und damit einige Dinge klarstellen.<span id="more-745"></span></p>
<p><strong>PHIL: Hi Phil, schön mit dir hier zu sitzen! Du hattest gerade deine ersten Konzerte in den USA. Wie war’s?<br />
PHIL:</strong> Interessante Sache. Es war ja auch mein allererster Aufenthalt überhaupt in Amerika. Lange Zeit habe ich mir den Flug über den Ozean einfach nicht zugetraut, obwohl ich immer wusste, dass die Wiege des Rock ‘n‘ Roll sicher einiges für mich zu bieten hätte. Die Konzerte, die ich hier mit meinem Freund und Kollegen Sam I Am hatte, waren an sich eher unspektakulär. Man braucht nicht zu denken, dass man als Kraut hier rüber kommt und gleich mal in der Carnegie Hall losträllern kann. Ich war aber auf jeden Fall froh, dass ich mich bei meinen Songs für’s Englische entschieden habe. So konnten die Leute auch meine Texte verstehen. Obwohl es, zugegebenermaßen, anfangs schon ein mulmiges Gefühl war, das die Leute da jetzt wirklich ganz genau alles verstehen, was man so verzapft.</p>
<p><strong>PHIL: Dein neues Album heißt ’I Pretend My Room’s A Sailing Boat’. Was willst du den Hörern damit suggerieren?<br />
PHIL:</strong> Mein Segelboot ist ein seelisches Refugium, ein Vehikel, das ich benutzen kann, um zu reflektieren und Orte und Erkenntnisse in meinem Leben zu erreichen und mitzunehmen, um sie in gewisser Weise zu konservieren. Es symbolisiert für mich die Freiheit, das zu tun was ich möchte: Es gibt mir eine gewisse Sicherheit. Wenn ich über mein Tun im Zweifel bin, kann ich mich auf mein Boot zurückziehen und mir klar werden, ob das was ich gerade mache für mein Leben richtig ist, ob es einen Platz hat auf diesem Zuhause.</p>
<p><strong>PHIL: Aha&#8230;?<br />
PHIL:</strong> Ja, „die Gedanken sind frei,“ heißt es in einem alten deutschen Volkslied. Und genau das ist das Konzept hinter dem neuen Album – du kannst sein, wo immer du möchtest, wenn du deiner Fantasie genügend Raum gibst. Und du kannst Dinge, die du dir wünschst, auch wahr werden lassen, wenn du sie konkret formulierst.</p>
<p><strong>PHIL: Kannst du ein Beispiel nennen?<br />
PHIL:</strong> Ein gutes Beispiel ist das Album, das ich im Oktober veröffentliche. Es ist immer wieder erstaunlich für mich, wie so etwas entsteht. Am Anfang ist es nicht mehr als eine Idee. Ich habe lediglich ein Gefühl, wie das neue Album werden könnte. Daraus entsteht nach und nach etwas Greifbares, etwas Hörbares. Das schönste ist, wenn alles fertig ist und ich es mit meiner Live-Band zu etwas tatsächlich physikalisch existierendem umwandeln und es meinem Publikum von der Bühne aus geben kann.</p>
<p><strong>PHIL: Du sprichst von einer Live-Band. Wer ist das? Und sind das nicht dieselben Jungs oder Mädchen, die auch auf der Platte zu hören sind?<br />
PHIL:</strong> Ich habe mich irgendwann, so um 2005 herum, entschieden, dass ich meine Aufnahmen im Alleingang machen möchte. Ich spiele alle Instrumente die nötig sind, um Popmusik nach meinen Vorstellungen zu produzieren. Es macht mir großen Spaß, wie ein Maler auf einer Leinwand, Schicht für Schicht, musikalische Farbe für musikalische Farbe aufzutragen. Bis ein für mich stimmiges Bild entsteht. Ich bin davon überzeugt, dass etwas sehr eigenes und intensives entsteht, wenn man sich so intim und selbst bestimmt in etwas hineinversenkt. Meine Live-Band besteht zum größten Teil aus Musikern, mit denen ich schon seit vielen Jahren zusammen spiele und die auch meine beiden vorherigen Alben live umgesetzt haben. Wompl, Michael Kröger, Mr Sil aus Berlin. Neu an Board ist Maxi Karrasz am Bass, der mit mir und ein paar Jungs von der Band Jamaram in einer Musikerkommune im bayerischen Fünf-Seen-Land lebt. Ich spiele mit tollen Musikern, die sehr einfühlsam und liebevoll mit meinen Kompositionen umgehen.</p>
<p><strong>PHIL: Mit deinem letzten Album hast du dich als „Sad Man Walking“ dargestellt. Was ist mit ihm passiert?<br />
PHIL:</strong> Der „Sad Man Walking“ ist ein Symbol für die große Liebe, die gescheitert ist. Es wird immer einen Platz in meinem Leben haben, denn sie ist nicht zurückgekehrt. Allerdings, und das kann man, glaube ich, auch auf „I Pretend My Room’s A Sailing Boat“ hören, habe ich es geschafft, diese Liebe in das Leben selbst zurückzuverlagern. Liebe ist etwas das man in sich trägt. Man braucht keine bestimmte Person, um sie zu fühlen.</p>
<p><strong>PHIL: Das neue Album erscheint auf deinem eigenen Label HAUS BOOT Entertainment. Wollte dich sonst keiner nehmen?<br />
PHIL:</strong> Ich weiß nicht, ob es ein Label gegeben hätte, das meine neue Platte herausgebracht hätte. Ich habe es nicht mal jemandem geschickt.</p>
<p><strong>PHIL: Bist du deswegen frustriert?<br />
PHIL:</strong> Nein, aber ich sehe gerade keinen Sinn darin, sich als Künstler mit einem Label zusammen zu tun. Im Prinzip tun die ja nicht viel anders, als einem zu ermöglichen, überhaupt etwas zu veröffentlichen. Sie geben einem in Form von CD-Herstellung und Investition in Promotion und Marketing einen Kredit zu denkbar schlechten Konditionen. Mir war es in dem Fall lieber, selbst das Risiko einzugehen, eine Stange Geld hinzulegen und dafür die Fäden in der Hand zu haben. Das gute am Untergang des physikalischen Tonträgers ist ja, das man nicht mehr solche Unmengen an CDs herstellen muss, um das Album flächendeckend verfügbar zu machen. Was Vertriebsstrukturen angeht, gibt es in der Zwischenzeit viele Dienstleister, mit denen man als Musiker direkt zusammenarbeiten kann, die es einem ermöglichen, bei i-Tunes, Amazon und anderen Portalen in Erscheinung zu treten. Davon abgesehen, waren meine Erfahrungen mit so genannten Plattenverträgen in den letzten Jahren nicht sehr erbaulich. Ein Klischee zwar, aber leider dennoch die Wahrheit. Es wird einem immer etwas versprochen, das nicht eingehalten werden kann.</p>
<p><strong>PHIL: Worauf freust du dich, wenn du wieder in Deutschland bist?<br />
PHIL:</strong> Natürlich auf die bevorstehende Veröffentlichung und die Tour im Oktober und November. So Phil, und jetzt verdrück dich wieder, du machst mich noch ganz kirre!</p>
<p><strong>PHIL:</strong> Ok, Servus !</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.blank-magazin.de/wp/2009/12/selbstgesprach/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
