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	<title>BLANK - Face your magazine &#187; Reise // Boris Guschlbauer</title>
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	<description>Gesellschaft, Diskurs, Disko</description>
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		<title>Ein Tag in Teheran</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Oct 2017 18:36:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[Früh am Morgen erreicht mein Nachtbus aus Tabriz die ersten Ausläufer von Teheran. Eine gigantische Stadt eröffnet sich vor meinen Augen, sie scheint mir wie eine riesige Welle an Häusern, die aus den schneebedeckten Bergen des Alborz Gebirge im Norden kracht, um weit in der Ebene im Süden auszurollen. „15 Millionen Einwohner!“ meint Jamal, mein [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Früh am Morgen erreicht mein Nachtbus aus Tabriz die ersten Ausläufer von Teheran. Eine gigantische Stadt eröffnet sich vor meinen Augen, sie scheint mir wie eine riesige Welle an Häusern, die aus den schneebedeckten Bergen des Alborz Gebirge im Norden kracht, um weit in der Ebene im Süden auszurollen. „15 Millionen Einwohner!“ meint Jamal, mein Nebensitzer und fügt hinzu: „Und etwa 3 Millionen Autos!“</p>
<p><span id="more-1355"></span></p>
<p>Hupend kämpft sich unser Busfahrer durch den eifrigen Frühmorgenverkehr. Nach etlichen Fast-Zusammenstößen erreichen wir den Busbahnhof Terminal-e-Gharb, der sich weit außerhalb im Westen vom Stadtzentrum befindet. Das hat den einen Grund, der Bus hätte in den komplett überfüllten Straßen Teherans keine Chance. Nicht umsonst macht ein Witz unter den Einheimischen die Runde, dass die Amerikaner -sollten sie jemals den Iran überfallen- niemals siegen könnten, weil ihre Panzer schlussendlich im höllischen Verkehr von Teheran stecken bleiben würden.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1356" title="Teheran" alt="" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/09/Teheran-550x365.jpg" width="550" height="365" />
<p>Kaum aus dem Bus gestiegen, werde ich von unzähligen Taxifahrern umringt, die mich ins Zentrum chauffieren wollen, natürlich zum Freundschaftspreis. Da ich diese „Freundschaftspreise“ kenne, lasse ich mir von Jamal den Weg zur nächsten Metrostation erklären.</p>
<p>Zur Metro-Haltestelle Azadi ist es weit. Ich bugsiere meinen Rucksack durch unglaubliche Menschenmassen und gelange zur ersten größeren Hauptstraße, die es zu überqueren gilt. Ungläubig stehe ich in schwarze Abgase gehüllt am Straßenrand, blicke auf diesen nimmer endenden, rasch dahin fließenden Strom an Autos, Motorrädern und LKWs und bin fast der Verzweiflung nahe. Wie soll man hier jemals lebendig die andere Straßenseite erreichen, bei Fahrern, die kein Erbarmen zeigen, direkt auf jedes Ziel, das zwei Beine hat, zuhalten und Bleigewichte im Fuß zu haben scheinen, mit dem sie das Gaspedal bedienen?<br />
Ich mache es wie die Einheimischen, schließe mich einer großen Gruppe an, nehme einen Iraner als Schutzschirm zwischen mich und den Verkehr und laufe los, wenn er es selbst für richtig hält. Dabei habe ich das Gefühl, als befände ich mich mittendrin in diesem alten Computerspiel Frogger, bei dem ein Frosch mehrere Fahrbahnen überqueren muss ohne unter die Räder zu kommen.</p>
<p>Als die erste Metro in die Haltestelle tost, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Alle Waggons sind bis zum Erbrechen mit Menschen gefüllt. Jeder kennt die Bilder von überfüllten Bahnen aus Tokio, aber aus Teheran? Ich renne von Türe zu Türe, finde keinen kleinsten Zentimeter in den ich mich mit meinen Rucksack drücken könnte. Nur in den ersten zwei Wagons ist genügend Platz, die aber sind ausschließlich für Frauen reserviert und ich will nicht wissen was passiert, würde ich mich als einziger Mann zwischen all die schwarzen Kopftücher, langen Mäntel und Tchadors drängen. Die Türen schließen sich und die Metro fährt ohne mich davon. Und die nächste auch und die übernächste ebenfalls. Ich gebe mich geschlagen und steige doch in ein Taxi.</p>
<p>Trotz vorher ausgehandeltem Preis werde ich ordentlich abgezockt. Der Taxifahrer schwört auf Allah, dass er 7000 Toman gemeint hatte und nicht Rial (was 70 000 Rial entspricht), obwohl er seiner Lüge offensichtlich bewusst ist. Nach langer Diskussion gebe ich schließlich nach, darauf vertrauend, dass ihn ein Allah früher oder später für seine Lüge bestrafen wird. Etwas missmutig ziehe ich in der Amir Kabir Street von dannen.</p>
<p>Die Amir Kabir Street, in den 60er und 70er Jahren der Anlaufpunkt der Hippies in Teheran, die auf dem Landweg nach Indien oder Nepal unterwegs waren, um die Erleuchtung und billige Drogen zu finden. Dieser Abschnitt der Hippie-Route endete abrupt, als der Revolutionsführer nach der islamischen Revolution im Jahre 1979 die Grenzen für Ausländer schloss. Heute ist von diesem Freigeist der Hippies nichts mehr zu spüren, die Amir Kabir Street hat sich längst gewandelt, ein Geschäft für Autoteile neben dem nächsten.</p>
<p>So checke ich etwas frustriert in das Mashhad Hotel ein, eine der billigsten Übernachtungsmöglichkeiten der Hauptstadt, welches dem Hippiegeist am ehesten entspricht.</p>
<p>Ich werfe meinen Rucksack auf eines der ausgelegenen Betten im Schlafsaal und gehe nach draußen, um die Valiasr Avenue aufzusuchen, eine der längsten Einkaufsstraßen der Welt und der Laufsteg der jungen Leute von Teheran. Hier ist sehen und gesehen werden das Maß der Dinge. Die Frauen tragen ihr Kopftuch weit hinten auf dem Kopf, die Haare sind toupiert, die Lippen rot geschminkt, die dunklen Augen mit Kajal und Wimperntusche noch schöner gemacht. Was auffällt sind weiße Pflaster auf vielen Nasen, sowohl bei Frauen wie auch Männern. In einer der zahlreichen Milchbars erfahre ich von der sehr hübschen Maria, mit der ich ganz ungezwungen ins Gespräch komme, dass Nasenverschönerungen seit Jahren im Trend liegen. Manche Mädchen kleben sich sogar Pflaster auf die Nase, um eine OP vorzutäuschen, die sie sich nicht leisten können. Natürlich, in einem Land, in dem der Körper und das Haar verhüllt sein müssen, wird großer Wert auf das makellose Gesicht gelegt.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1357" title="Milchbar-Selbstportrait" alt="" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/09/Milchbar-Selbstportrait-550x376.jpg" width="550" height="376" /><br />
Ich trinke meine Bananenmilch aus und laufe zum Valiasr Platz, um mir dort einmal mehr eine Falafel zu genehmigen, eine der wenigen vegetarischen Snacks im Iran. Danach schlendere ich Richtung Süden, die Imam Khomeini Moschee ist mein Ziel, eine der meistbesuchten Moscheen im Land. Hier soll man laut Reiseführer den Islam in voller Aktion bewundern können.<br />
Aber ich soll die Moschee nie erreichen, die einzigartige Gastfreundschaft der Iraner hindert mich daran. Immer wieder werde ich zum Tee eingeladen, über meine Eindrücke zum Iran befragt, ob ich verheiratet bin, Kinder habe, welcher Religion ich angehöre, wie alt ich bin, wie ich mir diese Reise finanzieren kann, was mein Beruf ist, und -plaudern wir etwas länger- was ich von Ahmadinedschad halte?</p>
<p>Einige hundert Meter vor der Imam Khomeini Moschee quatsche ich mich schlussendlich mit Hossein fest, ein Iraker, der seine Frau bei einem Bombenangriff der Amerikaner im Irak verloren hat, um danach in die Hauptstadt des Iran zu flüchten. Seine traurigen Augen und die Worte mit einer tiefen Stimme bedacht vorgetragen, ziehen mich in seinen Bann. Nebenbei werfen wir uns einen Zuckerwürfel nach dem anderen in den Mund und schütten den Tee hinterher, die herkömmliche Art im Iran Tee zu trinken.</p>
<p>Die knallrote Sonne verschwindet hinter den Dächern der Stadt. Mit der einbrechenden Nacht wird der Verkehr weniger, die vielen Händler haben ihr Tagewerk vollbracht und alles drängt nach Hause. Ich schließe mich ihnen an, verabschiede mich von Hossein, kaufe noch eine Flasche Zamzam-Cola und falle auf meinem klapprigen Bett in einen tiefen Schlaf&#8230;</p>
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		<title>First night in Bangkok</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2015 15:47:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[Suvarnabhumi International Airport, Bangkok. Übermüdet steige ich aus dem Flieger. Die heiße Luft schlägt mir mit hundert Vorschlaghämmern entgegen. Die extreme Hitze nur eine kleine Kostprobe, dann habe ich die klimatisierten Hallen des Flughafengebäude erreicht. Aus dem Berliner Schnee in 30 Grad plus und ich rieche schon den modrigen Duft in der Luft von viel [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Suvarnabhumi International Airport, Bangkok. Übermüdet steige ich aus dem Flieger. Die heiße Luft schlägt mir mit hundert Vorschlaghämmern entgegen. Die extreme Hitze nur eine kleine Kostprobe, dann habe ich die klimatisierten Hallen des Flughafengebäude erreicht. Aus dem Berliner Schnee in 30 Grad plus und ich rieche schon den modrigen Duft in der Luft von viel grüner Vegetation. Ein Polizist der den Augenkontakt scheut, hämmert mir den Stempel in den Pass und weiter über Rollbänder zur Gepäckausgabe, entreiße ich meinen Rucksack dem Drehwurm, und hinaus durch den Zoll und hinein in die Hochbahn, hinweg aus dem Abseits des Flughafens. Meine ersten Eindrücke von den Thais, ein Mädchen in Uniform sitzt mir gegenüber, blinzelt mir zu, sie trägt an jedem kleinen Zehen einen silbernen Ring, die nackten Beine extrem behaart – der Vergleich mit einer Wölfin kommt mir in den Sinn. Trotzdem sieht sie verdammt gut aus, wie alle Mädchen hier. Leider habe ich viel zu schnell die Endstation erreicht, steige aus der Bahn, verliere die Schönheit der Wölfin aus dem Blick, für immer, gekommen, gegangen.</p>
<p><span id="more-1824"></span></p>
<p>Will den Bus 59 nehmen, aber woher nehmen in diesem unübersichtlichen Gewühl aus Automobilen, in dem mehr Stillstand zu herrschen scheint als Bewegung. Ist laufen etwa schneller?<br />
Ich entscheide mich für eine Taxifahrt, handele hart um den Preis, so wie man es immer macht, und der Fahrer gibt nach, ich gebe nach, zahle sicherlich trotzdem eine Fahrt zum Mond. Mein Taxifahrer schweigt eisern, fährt Zickzack, vorbei an goldenen Statuen, dann stehen wir wieder eine Unendlichkeit an roten Ampeln &#8211; dabei bläst mir die Klimaanlage ordentlich ins Gesicht, zerrt den letzten Rest Energie aus mir heraus. Wir halten, urplötzlich, im Halteverbot, haben die Khao San Road erreicht, legendäres Backpacker-Eldorado. Die Polizei erscheint, gibt dem Fahrer ein Ticket, ich verschwinde schnell, will die Strafe nicht bezahlen und tauche in der gesichtslosen Touristenmasse unter.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1825" alt="Khao San Road" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2014/01/Khao-San-Road-550x412.jpg" width="550" height="412" />
<p>Das erste Guesthouse ist meines. Budget ist der Name des Hotels, also genau richtig. Die dicke Frau überreicht mir die Schlüssel, es ist eine Absteige, zwei Betten, harte Matratze, ein Ventilator, Neonlicht, ich schlafe erschöpft ein. Schlafe. Schlafe&#8230;</p>
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<video class="wp-video-shortcode" id="video-1824-1" width="550" height="413" preload="metadata" controls="controls"><source type="video/x-flv" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2014/01/Hotel_Budget.flv" /><a href="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2014/01/Hotel_Budget.flv">http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2014/01/Hotel_Budget.flv</a></video></div>
<p>Erwache in einer neuen Welt. Wo bin ich? Fühle mich komplett verloren, fehl am Platz, die Zeitumstellung hat mir meinen Tag geklaut, wer bin ich, was bin ich, fünf Mark ins Schweinchen. Ist das hier etwa Bangkok? Und ich mittendrin?<br />
Raus aus dem Hotel, auf die Straße, die Hitze killt, killt, killt mich und zwingt in die Knie. Setze mich auf den Randstein, dort wo die Penner leben und schaue auf den unendlichen Strom aus Touristen, Autos, Rikschas, Thais und Verkäufer. Frösche quaken, werden verkauft, Essen verkauft, bunte Handbänder verkauft, gefälschte Ausweise verkauft.<br />
Meine Seele ist noch längst irgendwo auf dem Weg, mein Körper aber schon hier. Ich hinke. Kann mich nirgends festhalten, alleine. Zurück ins Zimmer. Es wird dunkel. Viel zu früh. Der Tag dahin, aber die Nacht bringt etwas Abkühlung. Wieder hinaus ins Freie, laute Bässe schlagen mir entgegen, am Straßenstand was essen, auf einem winzigen, weißen Plastikstuhl sitzen, die Menschen beobachten, bemerken, dass man gut mit Stäbchen essen kann, die Plastikgabel in der Hosentasche nur Zierde. Und die vielen Neonlichter der Khao San Road blinken wild, der Modergeruch kitzelt in der Nase. Also Bier, immer Bier, etwas Betäubung der Sinne, und mir gegenüber sitzt eine hübsche Amerikanerin, blickt mir tief in die Augen, immer und immer wieder, ein Lächeln, zwei Lächeln, wieder die Frösche, dann der Bettler, der mir schon so oft über den Weg gelaufen ist mit seinen nicht vorhandenen Beinen. Ich stehe auf, muss mich bewegen, mehr Bier kaufen, hinweg von der Khao San Road, Touristenmoloch pur. Seitenstraßen anpeilen, dann die Hauptstraße, mit den Einheimischen die viel befahrene Straße überqueren, sich treiben lassen in der nun angenehmen Hitze. In den 7/11, mein erstes Singha Bier kaufen, und mich neben den Penner setzen und trinken. Die elenden Berliner Rückenschmerzen schwinden, haben nie existiert, bin nun hier, zwar betrunken, aber ich bin hier. Ich habe mich überwunden, alle Zweifel getötet, mich auf den Weg gemacht in ein neues Abenteuer. Das Gefühl vom Anfang eines neuen ungewissen Lebens. Was bringt der Morgen, was bergen die Straßen von Bangkok für Geheimnisse? Ich werde und muss alles erkunden, zwar mit dem Jetlack in den Gliedern, aber besser als in Berlin im Hochbett liegen und im grauen Winter auf Raten sterben.</p>
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		<title>Nachts(ch)icht Marrakech</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Dec 2013 18:35:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[Hat man erst einmal die kleine, mit Eisen beschlagene Eingangstüre gebückt und somit ohne ein Kopfstoßen durchquert, führt rechts eine schmale Treppe zwei Stockwerke hinauf. Dort angekommen, drückt sich ein kleiner Weg um den Lichtschacht des Riad herum und ein paar Eisenstufen hinauf auf den, wie ich ihn nenne, Aussichtsturm. Auf dieser Panoramaterrasse stehen zwei, [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Hat man erst einmal die kleine, mit Eisen beschlagene Eingangstüre gebückt und somit ohne ein Kopfstoßen durchquert, führt rechts eine schmale Treppe zwei Stockwerke hinauf. Dort angekommen, drückt sich ein kleiner Weg um den Lichtschacht des Riad herum und ein paar Eisenstufen hinauf auf den, wie ich ihn nenne, Aussichtsturm. Auf dieser Panoramaterrasse stehen zwei, mit weißem Plastik bezogene Liegen, auf der einen lässt sich Katharina nieder, auf der anderen ich selbst. Der Blick verfängt sich unweigerlich im endlosen Sternenhimmel, man kann den großen Wagen ausfindig machen und sich so in den Himmelsrichtungen orientieren, wobei man sich wahrlich sträubt Richtung Norden zu blicken, weil dort die Kälte des Winters Einzug gehalten hat. Umso mehr genießt man die laue Nacht, nicht zu warm und nicht zu kalt, so dass man keine Jacke über das Hemd ziehen muss.</p>
<p><span id="more-1771"></span></p>
<p>Vom Luxusriad nebenan schweben Rauchschwaden von gebratenem Fleisch zu uns hinüber, funkelt Kerzenschein durch die Nacht und erklingen die Töne von marokkanischer Musik – qraqebs, eine Schellenart, bildet den Takt, dazu wird ausdauernd, emphatisch, und sich in Trance gesungen. Die Sufis halten nur im Musizieren inne, wenn von den vielen Minaretten die Muezzins ertönen, die ihr Allahu Akbar durch überforderte Lautsprecher dem Volk verkünden. Von allen Seiten fliegen nun Gottes Worte zu uns an den Aussichtsturm und legen sich wie ein, aus Worten gewobener Teppich über die Flachdächer der Medina von Marrakech. Leider bin ich der arabisch Sprache nicht mächtig, visualisiere mir aber, dass diese Worte direkt von Gott stammen – denn schließlich werden Suren aus dem Koran gesungen- und dass man aus diesem Grund diese Worte nicht wortwörtlich verstehen, sondern nur ihrem Klang lauschen muss, um sie zu verstehen.<br />
Nach ein paar Minuten rollen Gottes Worte über den Dächern wie eine perfekte Welle aus, die sich am Strand bricht. Das Leben in den Riads nimmt wieder an Fahrt auf, die Musik der Sufis ertönt erneut, der Nachbar -ein Teppichweber- zerreißt sich das Maul über Katharina und mich, was ich wohl als Mann bei seiner neuen Nachbarin aus Deutschland verloren habe, und Mädchen aus Frankreich, die für ein Wochenendausflug in Marrakech unterwegs sind, machen sich hübsch mit Minirock und knappen Top, um mit dem Taxi in die Ville Nouvelle in den versnobten Lotus Club zu fahren, dort wo die reichen Franzosen ihr Geld auf den Kopf hauen, an Champagner nippen und ausgiebig das Tanzbein schwingen. Betrachtet man die Relationen, werden diese französischen Mädchen an diesem Abend mehr Geld ausgeben, als der durchschnittliche Monatsverdienst eines Marokkaners. Aber es ist ihnen egal, denn schließlich kommen sie aus dem reichen Westen und steigen erst aus dem Taxi aus, wenn der Fahrer um das Auto herum gelaufen und ihnen dann die Türe geöffnet hat. So ganz nach dem Schema: Master and Servant!</p>
<p>Die junge Dame Katharina ist Stipendiantin der Biennale Marrakech. Über einen Freund hatte ich Kontakt mit ihr aufgenommen, sie getroffen, und uns dann gemeinsam in der labyrinthartigen Medina wohlweislich verlaufen. Wir aßen Fisch am Straßenstand und tankten neue Energie mit einem Thé de la menthe, dem süßesten Nektar der Götter. Wir machten kurzen Halt im Café ohne Namen, in dem die Einheimischen der marokkanischen Fußballliga folgten und wie der zwölfte Mann auf den Flachbildschirm über der Eingangstüre starrten, und der grauhaarige Alte in seinem Rollstuhl genau an dem gleichen Platz saß wie schon einen Tag zuvor und an seinem Café Noire nippte, als wäre es sein Lebenselixier.<br />
Als Katharina verkündete, dass sie noch eine Flasche Rosé, marokkanischer Marke, im Kühlschrank kalt gestellt hat und wir diesen auf dem Dach ihres Riads trinken könnten, sagte ich natürlich nicht nein. Und so erfragten wir uns den Weg zurück zum Jemma El Fna, dem Platz der Toten, wo nun Trommeln schlugen, Schalmeien erklangen und sich Schlangen dazu verbogen, und Affen an viel zu kurzen Ketten gehalten wurden und Windeln trugen, damit ihr Kot nicht die Straßen pflasterte, marokkanische Geschichtenerzähler erst zu erzählen begannen, wenn genügend Dirhams gesammelt waren und Checker mit schlechten Zähnen ihr Kiff an den Mann bringen wollten. Und als die untergehende Sonne das Minarett der Koutoubia Moschee in Blut tauchte, durchquerten Katharina und ich das Bab Laksour, ein kleines Tor in die Medina, und vorbei am Teppichweber, der uns beide genau musterte, und dann -Kopf eingezogen- hinein zur Eingangstüre von Katharinas Riad und hinauf auf den Aussichtsturm&#8230;</p>
<p>Immer mehr Sterne erscheinen und ich frage mich, ob es wohl am Alkohol liegt. Katharina schenkt trotzdem den Wein nach und wir quatschen uns zwischen den Sternbildern fest. Wir schweifen über Ländergrenzen hinweg, verlieren uns in Vietnam, im französischen Kolonialismus, reisen durch Frankreich über Italien in den Osten Europas, nach Belgrad, bis nach Odessa und nehmen die Fähre vom Hafen bei der Potemkintreppe über das Schwarze Meer nach Istanbul, um dann doch wieder im guten alten Berlin zu landen.<br />
Unsere Gedanken fliegen so fern, obwohl wir uns in der Ferne befinden, und haben Marrakech um uns herum fast gänzlich vergessen, bis sich, ja bis sich die Muezzins wieder über die blechernen Lautsprecher bemerkbar machen. Das Allahu Akbar erdet, bringt uns zurück auf den Aussichtsturm des Riad, unter diesen Sternenhimmel, im Schein der Kerzen, die im seichten Wind flackern, unter diesen wunderschönen, fliegenden Teppich Gottes. Mit dem letzten Rest des Rosé stoßen wir auf Marokko an und erfreuen uns des Moments, denn dieser ist magisch.</p>
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		<title>Unterm Bodhibaum</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Oct 2013 19:09:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[An der Endhaltestelle stolpere ich verschlafen aus dem Zug. Es ist noch viel zu früh für klare Gedanken, weshalb ich mir einen Chai kaufe und behutsam daran nippe. Während ich versuche den restlichen Schlaf zu überwinden, werde ich von zahlreichen Rikschafahrer umringt, die mir ihre Dienste zu einen good price anbieten: „Bodhgaya 80 Rupees, only!“ [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>An der Endhaltestelle stolpere ich verschlafen aus dem Zug. Es ist noch viel zu früh für klare Gedanken, weshalb ich mir einen Chai kaufe und behutsam daran nippe. Während ich versuche den restlichen Schlaf zu überwinden, werde ich von zahlreichen Rikschafahrer umringt, die mir ihre Dienste zu einen good price anbieten: „Bodhgaya 80 Rupees, only!“<span id="more-1575"></span></p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1576" title="Rikscha-Meer" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/10/Rikscha-Meer-550x412.jpg" alt="" width="550" height="412" />
<p>Vor dem Bahnhof befindet sich ein Meer aus schwarzgelb lackierten Motorrikschas. Ich handele mit dem mir vertrauenswürdigsten Fahrer hart um den Preis. Es dauert lange, bis die Rikscha so mit Menschen vollgestopft ist, dass kaum noch Platz zum atmen bleibt. Zeit genug also, dass die vielen Bettler auf mich aufmerksam werden und einer nach dem anderen mir seine Hand entgegen streckt, damit sie mit Rupien gefüllt wird. Meine plumpe Ausrede „I have no money!“ geht dabei im lauten Rufen meines Fahrers unter, der unentwegt das Ziel ausruft, um so weitere Fahrgäste anzulocken.</p>
<p>Nach einer gefühlten Ewigkeit beginnt die Fahrt. Der Zweitaktmotor tuckert, die schwarzen Abgase stinken, ich kralle mich am Dachgestänge fest, damit ich bei meiner Größe nicht den Kopf stoße, wenn wir wieder durch eines der vielen Schlaglöcher springen.<br />
Zwischen den Schlaglöchern gibt es kurze Momente Gaya zu bestaunen, eine der ärmsten Städte im ärmsten Bundestaat von Indien. Müll brennt auf den Straßen, der tiefschwarze Qualm verdunkelt das Leben und frisst sich geradewegs einen Weg durch die Nase und Lunge. Eine Leiche liegt am Wegesrand, die Menschen steigen achtlos über sie hinweg. Zerlumpte Straßenkinder versuchen der Rikscha zu folgen, um Geld von mir zu fordern, aber ihre Beine sind von der Kinderlähmung zu sehr in Mitleidenschaft gezogen, als dass sie auch nur annähernd mithalten können. Wundersame Maschinen rattern ohrenbetäubend am Straßenrand und spucken Flüsse an Öl aus. Autowracks werden ihrem Schicksal überlassen und an jeder Wand kleben große Fladen an Kuhscheiße zum Trocknen, später werden sie als Brennmaterial für die Öfen verwendet.</p>
<p>Eine halbe Stunde später erreiche ich den kleinen Ort Bodhgaya. Hier hat Siddharta Gautama nach langer Meditation unter dem Bodhibaum Erleuchtung erlangt. Just in dem Moment, als ihm ein Blatt auf den Bauch fiel, wurde er zu Buddha, dem Erleuchteten. Aus diesem Grund ist Bodhgaya ein beliebter Pilgerort für spirituelle Menschen aus aller Welt und Magnet für noch mehr Bettler, denn wer sich eine Reise hierher leisten kann, der kann auch den ärmsten der Armen geben.<br />
Mit unzähligen Bittstellern im Schlepptau checke ich also in ein billiges Guest House am Stadtrand ein, werfe mich auf die durchlegene Matratze, puste ordentlich durch und hoffe, dass das Guest House seinem Namen „Shanti“, was so viel heißt wie Friede, auch wirklich gerecht wird. Und es scheint Wort zu halten, denn mit den zarten Klängen einer Sitar falle ich in einen kurzen, aber erholsamen Schlaf. Als ich erwache spielt die Sitar noch immer und ich mache mich auf die Suche nach der Quelle der Musik&#8230;</p>
<p>Auf dem Balkon im zweiten Stock des Guest House sitzt ein Japaner und spielt das indische Saiteninstrument. Neben ihm gammelt ein junger Sadhu, ein heiliger Mann Indiens, Verehrer des Gottes Shiva. Zur Unterstützung ihrer Meditation rauchen Sadhus gerne Haschisch, die indische Polizei toleriert ihren Besitz der Droge.<br />
Und so greift der Sadhu nach seinem Chillum, füllt es mit einer Mischung aus Haschisch und Tabak und reicht mir die rohrartige Pfeife entgegen. Ich setze mich und beginne mit der kräftigen Inhalation. Augenblicklich spüre ich die Wirkung der Droge und relaxe. Nach zwei weiteren Runden der Inhalation beginnt das Haschisch in die andere Richtung auszuschlagen und ich werde unruhig. Längst gelöste Probleme dringen mit Macht an die Oberfläche, ein schlimmer Gedanke löst den nächsten ab. Kalter Schweiß tropft mir von der Stirn.</p>
<p>Flucht in mein fensterloses Zimmer. Da einmal mehr die Elektrizität ausgefallen ist, liege ich im Dunkeln, was dem Abbruch des Zustroms negativer Gedanken nicht förderlich ist. Kein beruhigender Klang der Sitar dringt mehr durch die Luft, nur das Surren der unzähligen Moskitos und es scheint der Ton des Untergangs – wütet die Malaria bereits schon im Blutkreislauf? Da hilft nur noch Tageslicht&#8230;</p>
<p>Die unbarmherzige Mittagshitze schlägt mir entgegen. Der Gestank von Kuhscheiße, verrottetem Müll, Dieselabgase und Schweiß reizt die Schleimhäute. Der Qualm eines gigantischen Feuers verdunkelt den Horizont. Autos und Rikschas hupen ausdauernd, Fahrradfahrer machen unentwegt von ihrer Klingel Gebrauch. Heilige Kühe werden umfahren, auf Straßenkinder und mich wird voll drauf gehalten. Vor einem Restaurant kauert eine ausgehungerte Frau auf dem Boden und verfolgt mit ihrem schalen Blick jeden Happen der Besucher. Nackte Kinder liegen im Dreck und bewegen sich nicht.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1577" title="Müllhalde in Bodhgaya" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/10/Müllhalde-in-Bodhgaya-550x412.jpg" alt="" width="550" height="412" />
<p>Ich fühle mich absolut konträr, passe nicht in diese Stadt, in dieses Land, auf diese Erde. Die Gerüche sind mir allesamt zu fremd, die Sprache ist mir unverständlich, die Vielzahl der Farben macht mich farbenblind, das Chaos ist undurchschaubar, meine weiße Haut leuchtet, als wäre ich radioaktiv verseucht. Ich benötige Ruhe, absolute Ruhe. Und an welchem Ort könnte man nicht mehr auf Entspannung hoffen als unterm Bodhibaum.</p>
<p>Der Bodhibaum befindet sich in einer sonnendurchfluteten Parkanlage, die man nur barfuß betreten darf. Sofort spürt man die Wärme des aufgeheizten Bodens an den nackten Füßen, eine Wohltat. Alles und jeder wirkt beseelt, die Besucher flüstern, buddhistische Mönche sitzen unter alten Bäumen und meditieren still vor sich hin. Das Gras wird bewässert und leuchtet grün, Blumen blühen, bunte Schmetterlinge flattern umher, Streifenhörnchen queren den Weg.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1578" title="Betender Mönch" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/10/Betender-Mönch-550x412.jpg" alt="" width="550" height="412" />
<p>Hinter dem großen Mahabodhi-Tempel im Zentrum des Parks befindet sich der berühmte Bodhibaum. Oder besser gesagt der Ableger vom Ableger des ursprünglichen Baumes, da dieser von Ashokas zweiter Frau Tissarakkha zerstört worden war. Ich setze mich auf den Boden und betrachte die vielen Pilger, die den Ort der Erleuchtung betrachten&#8230;</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1579" title="Unterm Bodhibaum" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/10/Unterm-Bodhibaum-550x412.jpg" alt="" width="550" height="412" />
<p>Und ich weiß nicht genau, ob es an dieser Ruhe hier im Park oder dem Chillum liegt, denn plötzlich bin ich DER Moment und mir voll bewusst im absoluten hier und jetzt. Die Vergangenheit fällt wie überreifes Obst von mir ab, die Vorstellung einer Zukunft existiert nicht mehr. Ich spüre exakt jeden Herzschlag, spüre mein Leben, just in dieser Sekunde. Ich sehe die Blätter des Bodhibaums durch die Luft schweben und Pilger springen umher und sammeln sie auf. Ich höre das Gurren einer Taube in den Ästen und das Gebet eines buddhistischen Mönches. Ich vernehme das Plätschern von Wasser in kleine Gefäße und das Klicken der Fotokameras. Alles erklingt im Rhythmus meines Herzens&#8230;</p>
<p>Tatsächlich, hier bin ich, endgültig, ohne ein Ringen und einem Ringrichter, ohne Qualen, hinein geworfen in den Augenblick, ein schlohweißer Schwan. Wüsste ich es nicht besser, ich würde sagen ich bin erleuchtet.</p>
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		<title>Der Zorn der Götter</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Sep 2013 18:31:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Kumbh Mela, das größte Pilgerfest der Welt in der indischen Stadt Allahabad, hatte mich ordentlich runter gerockt. Der nächtliche Qualm der Feuer, in die vom Plastikmüll, über Scheiße, bis hin zu Leichname alles geworfen wurde, und sich der Qualm dann wie ein Leichentuch über das gigantische Zeltlager legte, hatte nicht nur meine Lungen verätzt, [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kumbh Mela, das größte Pilgerfest der Welt in der indischen Stadt Allahabad, hatte mich ordentlich runter gerockt. Der nächtliche Qualm der Feuer, in die vom Plastikmüll, über Scheiße, bis hin zu Leichname alles geworfen wurde, und sich der Qualm dann wie ein Leichentuch über das gigantische Zeltlager legte, hatte nicht nur meine Lungen verätzt, nein, er hatte mich förmlich von dem Gelände der Kumbh Mela geräuchert. Flucht ins nahe Varanasi war die einzige sinnvolle Lösung gewesen.</p>
<p><span id="more-1259"></span></p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1260" title="Rauch über der Kumbh Mela" alt="" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/06/Rauch-über-der-Kumbh-Mela-550x412.jpg" width="550" height="412" />
<p>Drei Tage lag ich in dieser heiligsten Stadt der Hindus, dort wo am Ufer des Ganges der Tod und das Leben ineinander fließen, krank im maroden Bett meiner Billigunterkunft im alten Teil der Stadt. Ich hatte mein fensterloses Zimmer nur verlassen, um Essen zu besorgen, ansonsten hielt mich die nicht vorhandene Energie wie mit eisernen Griff im Bett zurück.</p>
<p>Nach einer letzten fiebrigen Nacht im Schweiße meines Angesichts, schaffe ich es zum ersten Mal auf die Dachterrasse des Hotels, um mir etwas UV-Licht zu gönnen. Im Sonnenschein treffe ich auf John, meinen Zimmernachbarn aus Schottland, ein ausgemachter Erzkiffer, frühmorgens schon beginnt er den Tag mit der Inhalation seines, bis an den Rand mit Charas gestopften Chillums.<br />
„Hey, ich kenne einen Laden, der ganz legal Bhang verkauft. Die großen Bällchen gibt es für zehn Rupien, die kleinen für fünf!“<br />
Das ist natürlich ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann. Zehn Rupien für einen Bhangball, ein Mix aus Blüten und Blättern der Hanfpflanze, umgerechnet etwa 13 Eurocent, das ist praktisch geschenkt. Aus diesem Grund verabreden John und ich uns für heute Abend zu einen Fußmarsch durch die Stadt zum legalen Dealer seines Vertrauens.</p>
<p>Lange kann ich keine Sonnenenergie tanken, denn kurz nach unserem Smalltalk beginnt es zu regnen, was nur selten zu dieser Jahreszeit in Varanasi passiert. Trotzdem treffe ich John am Abend und wir staken Störche gleich durch die engen Gassen der Altstadt, der Boden ist von der Scheiße der heiligen Kühe matschig und extrem rutschig. Wir suchen den kürzesten Weg hinunter zu den Ghats, den Stufen zum Fluss, die sich etwa vier Kilometer auf der westlichen Seite des großen Stroms erstrecken.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1263" title="Auf den Ghats" alt="" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/06/Auf-den-Ghats-550x412.jpg" width="550" height="412" />
<p>Normalerweise fließt der Ganges auf der Höhe von Varanasi ruhig dahin, die Strömung ist mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen, doch an diesem Abend ist alles anders. Der Wind von der Ebene peitscht über die Ghats, verweht unser langes Haar und uns beinahe von den Stufen des Manikarnika Ghats, des öffentlichen Verbrennungsghat. Der Ganges tobt, Wellen schlagen ans Ufer, fast so hoch, dass man darauf surfen könnte. Es scheint so, als würde der heilige Strom von erzürnten Göttern gepeitscht. Deshalb bin ich auch ganz froh, als John wieder den Weg in die engen Gassen der Altstadt einschlägt. Lieber mit den Badeschlappen durch Scheiße schlittern, als von den Wellen wie die Asche der Toten, die hier üblicherweise in den Strom gestreut wird, verschluckt zu werden.</p>
<p>Direkt neben der GPO, dem Hauptpostamt, befindet sich unser Laden. Er ist nicht größer als eine Schuhschachtel, hinter dem vergitterten Tresen stapeln sich die Bhangbällchen zu zwei großen Pyramiden. Und tatsächlich ist in Varanasi, die Stadt Shivas, der Gott, der niemals das Marihuana verschmäht, der Kauf von Bhang legal. Für zehn Rupien erstehe ich also zwei kleine Bhangbällchen, die in etwa aussehen wie Ziegenscheiße, nur etwas grünlicher. John kauft sich drei große Bällchen und beim Dealer um die Ecke noch etwas Marihuana, das wie Fish &amp; Chips in England in Zeitungspapier gewickelt ist.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1261" title="Zwei Bhang-Bällchen" alt="" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/06/Zwei-Bhang-Bällchen-550x412.jpg" width="550" height="412" />
<p>Auf dem Rückweg erreicht der Sturm seinen Zenit. Blitze schlagen wie Klitschkos Rechte aus dem Himmel, keine Sekunde später rollt der Donner wie eine Planierraupe durch die Gassen der Stadt. Regen peitscht um unsere Ohren, zum Schutz stellen wir uns unter und schlucken den ersten Bhangball &#8211; der widerliche Geschmack lässt mich schaudern. Bis die Droge anschlägt, so hoffe ich, bin ich längst zurück und gemütlich sicher im Bett meines Hotelzimmers. Aber der Regen will nicht enden und als die ersten Wellen des Rausches über meine Psyche rollen, blicke ich in jedes Gesicht der gefühlten 1,2 Millionen Einwohner der Stadt. Kalter Schweiß drückt sich mir auf die Stirn.</p>
<p>Während unserer kurzen Abwesenheit, haben die Hotelbesitzer die drei Meter große Shiva-Statue enthüllt, die den ganzen Tag über in die enge Gasse direkt neben den Eingang unseres Hotels errichtet worden war. Riesige Lautsprecher spucken nun indische Musik aus, so laut, dass man damit die Loveparade hätte beschallen können. Drei Einheimische beginnen sich im Dunstkreis der Statue in Trance zu tanzen und zu saufen. Eine mystische Stimmung.</p>
<p>Ohne Umschweife flüchte ich direkt in mein kleines Zimmer, lege mich auf die durchlegene Matratze und werfe mir das zweite Bällchen ein. Einige Minuten später überrollt mich der Rausch des Bhang&#8230;</p>
<p>Kakerlaken in Form von Totenköpfen huschen über meine Matratze. Die Bässe der Musik sind wuchtige Faustschläge in die Magengrube. Die grunzende Stimme des Hotelbesitzers im Foyer klingt aggressiv, ich verstehe kein Hindi, verstehe ihn nicht, verstehe mich nicht – verstehe nichts. Was mache ich hier, zu diesem Zeitpunkt, hier in diesem abgefuckten Hotel, in diesem abgefuckten Zimmer, in diesem abgefuckten Körper?<br />
Ich gehöre nicht hierher, bin nicht für diese Stadt gemacht. Alles ist zu konträr, mein Ich läuft konträr, der Motor in mir kochend heiß, das Kühlwasser beginnt bereits zu kochen. Ein Gedanke löst den nächsten ab und das in einer Geschwindigkeit, die selbst Lichtgeschwindigkeit in den Schatten stellt.</p>
<p>Mit dem Holzhammer kommt die ernüchternde, dem Rausch bedingte Erkenntnis: Die Götter sind im Zorn. Sie hassen mich. Ich bin ein kleiner Scheiß-Sünder im Land der Hochheiligen. Gott Shiva, der Zerstörer, möchte mich aus seinem Heim werfen und weiß nicht genau wie. Schon auf der Kumbh Mela schickte er mir den Rauch der Feuer, um mir die Augen zu nehmen und mich blind zu machen, mir die Luft zum atmen zu nehmen, so dass ich vom Pilgerfest fliehen musste. Und nun ließ Shiva den heiligen Ganges toben, damit mich die Wellen aus der Stadt spülten. Ich, der Ungläubige, weit weg wollen mich die hinduistischen Götter, ja, weit weg.<br />
In diesem Rausch, in diesem Moment, existieren die Götter tatsächlich, jeder einzelne von ihnen, sage und schreibe über 3 Millionen Stück, wie konnte ich jemals daran zweifeln. Laut polternd wüten sie durch meine Gehirngänge und traktieren mich mit Ängsten und Erkenntnis&#8230;</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1262" title="Gott Shiva" alt="" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2013/06/Gott-Shiva-550x412.jpg" width="550" height="412" />
<p>Zum Selbstschutz flüchte ich unter das Moskitonetz, dass ich am Ventilator befestigt habe. Das Netz hält die Außenwelt ab, gibt mir eine gewisse Geborgenheit im Rausch. Schlussendlich falle ich in einen unruhigen Schlaf&#8230;</p>
<p>Ein Glück endet jeder Rausch, die Erkenntnis jedoch bleibt bestehen. Und so packe ich am nächsten Morgen meinen Rucksack und verlasse die Stadt, deren Götter mich nicht dulden. Mein Ziel ist Bangladesch, dort ist der Islam Staatsreligion und die hinduistischen Götter ohne Macht. In diesem Land bin ich sicher vor ihrem Zorn, und Allah wird mich beschützen, denn es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Spaziergang am Dasaswamedh Ghat in Varanasi:</p>
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<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=JLb5NVs0L08">http://www.youtube.com/watch?v=JLb5NVs0L08</a></p>
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<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=JLb5NVs0L08">http://www.youtube.com/watch?v=JLb5NVs0L08</a></p>
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<p> target=&#8221;_blank&#8221;>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=JLb5NVs0L08">http://www.youtube.com/watch?v=JLb5NVs0L08</a></p>
<p></a></p>
<p>Sadhus (heilige Männer) auf der Kumbh Mela in Allahabad:</p>
<p><a href="
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<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=6beiIXWv7Zg">http://www.youtube.com/watch?v=6beiIXWv7Zg</a></p>
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<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=6beiIXWv7Zg">http://www.youtube.com/watch?v=6beiIXWv7Zg</a></p>
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<p> target=&#8221;_blank&#8221;>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=6beiIXWv7Zg">http://www.youtube.com/watch?v=6beiIXWv7Zg</a></p>
<p></a></p>
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		<title>Nacht in Nepal</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Aug 2013 08:50:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Oktober 2010 verabschiedete der Bundestag das neue Atomgesetz, welches die Laufzeit der deutschen Kernreaktoren um durchschnittlich 12 Jahre verlängerte. 100 000 Bürger gingen daraufhin auf die Straße, um gegen die Laufzeitverlängerung und der Atomkraft im allgemeinen zu demonstrieren. Ein menschlicher Lindwurm bahnte sich den Weg durch Berlin, um den Bundestag zu umzingeln. Aber Angela [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Im Oktober 2010 verabschiedete der Bundestag das neue Atomgesetz, welches die Laufzeit der deutschen Kernreaktoren um durchschnittlich 12 Jahre verlängerte. 100 000 Bürger gingen daraufhin auf die Straße, um gegen die Laufzeitverlängerung und der Atomkraft im allgemeinen zu demonstrieren. Ein menschlicher Lindwurm bahnte sich den Weg durch Berlin, um den Bundestag zu umzingeln. Aber Angela Merkel juckte das einen Scheiß und aß genüsslich ihre Roulade mit Kartoffeln, während vor ihren Toren die Menge frustriert abzog. Kurz darauf, am 11. März 2011 bebte die Erde vor Japan und ein Tsunami überrollte das Atomkraftwerk von Fukushima. In Block 1 bis 3 kam es zur Kernschmelze, der radioaktive Gau war perfekt. Große Mengen an radioaktiven Material wurden freigesetzt.</p>
<p><span id="more-1295"></span><br />
Plötzlich war in Deutschland alles ganz einfach. Das Gesetz der Laufzeitverlängerung wurde zurück genommen. Bis zum Jahr 2022 sollen nun nach und nach alle Atomkraftwerke vom Netz gehen. Das wiederum ärgert die Atomlobby gewaltig. Sie sehen ihre Pfründe schrumpfen. Laut einer Studie kommen Gewinneinbußen von rund 22 Milliarden Euro auf die Energiekonzerne zu. Drohgebärden folgen. Ein Deutschland mit nur erneuerbarer Energie wäre nicht möglich. Stromengpässe würden entstehen, wenn nicht sogar Stromausfälle. Nachts könnte es deshalb dunkel bleiben.<br />
Ich sage dazu: Perfekt! Solange man nicht weiß, wohin mit all dem radioaktiven Müll, kann es gut und gerne ein Leben mit Stromengpässen geben. Denn es funktioniert. Ich habe es am eigenen Leib erfahren&#8230;</p>
<p>Vor etwa vier Stunden habe ich die Grenze von Indien nach Nepal überquert und dabei geduldig die Einreiseformalitäten über mich ergehen lassen. Danach hieß es eine gefühlte Ewigkeit in der Gluthitze des Grenzstädtchens auf meinen Bus warten, der mich raus aus der Ebene und rein in die Berge des Himalaja bringen sollte. Dieser Bus, ein fahrbares Wrack, wäre in Deutschland schon vor Jahrzehnten vom TÜV aus dem Straßenverkehr entfernt worden. Bis auf den letzten Platz wurde das Gefährt mit Menschen, Tieren und Gepäck gefüllt, so dass die restlichen Fahrgäste noch auf dem Dach um ihre Plätze rangen. So überladen quälte wir uns nur langsam durch die Schlaglöcher auf das Dach der Welt.</p>
<p>Und da befinde ich mich nun. Mein Platz genau über der Hinterachse des Busses lässt mich bei jeder Unebenheit ordentlich durchschütteln. Nepalesische Schlager dröhnen aus den Lautsprecherboxen des Busses, vereinzelt singen junge Mitreisende den Text mit. Schnell ist die Sonne hinter den Bergen versunken und die Nacht senkt sich wie ein schwarzes Tuch über die wild bewachsenen Berge, Hügel und Täler. Zum einen ist es ein angenehmes Gefühl durch die Dunkelheit nicht mehr in die Abgründe blicken zu können, denen der Bus zu oft zu nahe kommt, zum anderen will ich die Stadt Tansen nicht allzu spät erreichen.</p>
<p>Es ist stockdüster, als wir unser Ziel erreichen. Ich torkele aus dem Bus und finde mich in einer Schwärze wieder, dass man kaum die eigene Hand vor Augen erkennen kann und der Mond, der eine etwaige Helligkeit bringen könnte, hat sich hinter einem der Berge versteckt.<br />
„Mal wieder Stromausfall!“ meint ein nepalesischer Mitreisender und wird von der Dunkelheit verschluckt. Geblendet von den Scheinwerfern des Busses stehe ich da und weiß nicht wohin. Ich bin neu in Tansen, alleine, orientierungslos, verloren. So tue ich zaghafte Schritte in die Nacht und als ein Mensch in meinen eingeschränkten Sehkreis tritt, frage ich ihn nach einem Hotel in dieser Stadt.</p>
<p>Der Rezeptionist empfängt mich mit einer Kerze in der Hand. Im seichten Lichtschein folge ich ihm durch die dunklen, engen Gänge des Hotels und bleiben vor einer Türe stehen. Als er in das Zimmer tritt, leuchtet er es mit der Kerze aus. Mich trifft dabei beinahe der Schlag. Das Zimmer gleicht im Schein eher einer Gefängniszelle als einem Hotelzimmer. Es hat kein Fenster, ist so groß, dass gerade ein Bett hinein passt, die Wände sind von früheren Gästen voll gekritzelt, Bad und WC befinden sich irgendwo am Ende des Hotelflurs. Als noch eine Küchenschabe durch das Zimmer huscht, weiß ich, dass dies Zimmer nicht einer Gefängniszelle gleicht, wie ich zuerst dachte, nein, es ist mein Grab. Die Vorstellung hier in der Dunkelheit zu liegen, ohne Fenster, ohne Platz zum bewegen, in Umklammerung mit Küchenschaben lässt mich ordentlich gruseln und dann die Flucht ergreifen.</p>
<p>Zurück beim kleinen Busbahnhof, lege ich mich auf die Bank und schlüpfe in den Schlafsack. Alles ist besser als im eigenen Grab zu übernachten. So lausche ich den Gesang der Straßenhunde, eine Nachtigall singt Lieder, die Sterne erscheinen und ich kann die Milchstraße erkennen. Plötzlich fühle ich mich so klein auf dieser Welt, so unbedeutend, trotzdem komplett mittendrin im Leben. Meine Gedanken lösen sich in der Unendlichkeit des Alls auf, die Geräusche verblassen und ich falle in einen kurzen, aber intensiven Schlaf.</p>
<p>Als ich erwache, stehen mehrere Nepalesen neben mir und betrachten mich neugierig. Sie haben heißen Chai und fritierte Teigwaren dabei, die sie mir anbieten. Als ich an dem Heißgetränk nippe, kommen die ersten Sonnenstrahlen über die umliegenden Berge gekrochen und überziehen das Leben mit Gold. Geblendet von der Helligkeit, wärmt mich der Chai von innen, atme ich die reine  Bergluft und erinnere mich nicht daran, wann ich das letzte Mal so einen wunderbaren Sonnenaufgang erlebt habe. Dank dem Stromausfall hatte ich die abenteuerlichste Nacht und einen der schönsten Morgen meines Lebens. Ich frage mich nur, wie es werden wird, wenn ich die Hauptstadt Kathmandu erreiche, in der allabendlich die Stromversorgung zusammenbricht. Die Nächte werden mich dem Leben nahe bringen und zur Erleuchtung führen. Nach Deutschland werde ich deshalb frühesten im Jahr 2022 zurückkehren.</p>
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		<title>Durchs Niemandsland</title>
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		<pubDate>Sun, 16 Dec 2012 09:51:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Niemandsland. Ein nicht besiedeltes Territorium. Land, das keiner besitzt, kein Unternehmen oder Privatmann. Ein staatenloses Stück Erde. Meistens als Pufferzone zwischen verfeindeten Staaten, um Aggressionen zu drosseln. In der Abgeschiedenheit der großen Wüste, zwischen der Westsahara, die seit dem Abzug der Kolonialmacht Spanien umkämpft und schlussendlich von Marokko annektiert wurde, und der Islamischen Republik [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Das Niemandsland. Ein nicht besiedeltes Territorium. Land, das keiner besitzt, kein Unternehmen oder Privatmann. Ein staatenloses Stück Erde. Meistens als Pufferzone zwischen verfeindeten Staaten, um Aggressionen zu drosseln.</p>
<p>In der Abgeschiedenheit der großen Wüste, zwischen der Westsahara, die seit dem Abzug der Kolonialmacht Spanien umkämpft und schlussendlich von Marokko annektiert wurde, und der Islamischen Republik Mauretanien, offenbart sich die ganze Trostlosigkeit eines solchen Nicht-Ortes. Eine vier Kilometer breite, seit dem Krieg zwischen Marokko, Algerien und Mauretanien mit Personen- und Fahrzeugminen verseuchte Demarkationslinie. Ein nicht zu umfahrendes Hindernis auf dem Weg von Marokko nach Dakar, der Hauptstadt des Senegal, in der mein Reisebegleiter Alex und ich unser Auto verkaufen wollen, um so die zweimonatige Reise von Berlin nach Schwarzafrika finanzieren zu können.</p>
<p><span id="more-1047"></span></p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1049" title="CIMG0474" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2012/12/CIMG0474-550x308.jpg" alt="" width="550" height="308" />
<p>Das von den extremen Temperaturunterschieden, der sengenden Sonne und immer wieder vorüberziehenden Sandstürmen der Wüste zermürbte Zollhäuschen der Marokkaner wirkt wie die letzte Bastion der Zivilisation am Ende der Welt. Die nächste Stadt befindet sich eine Fahrt durch die Endlosigkeit der Wüste 380 Kilometer in nördlicher, sowie 45 Kilometer in südlicher Richtung, getrennt durch das Niemandsland. Hier scheint der Geburtsort der Tristesse. Und wie durch einen sonderbaren Zufall spricht der Zöllner ein paar Worte Deutsch. Er hat für einige Zeit in Frankfurt gelebt und will wissen, ob wir Bücher bei uns haben, die wir seinem Sohn schenken können, damit dieser deutsch lernen kann. Leider liest Alex auf englisch und ich habe die übersetzte Version des Don Quichote erst begonnen und verneine deshalb. Der Zöllner lächelt trotzdem, wuchtet den Ausreisestempel in den Reisepass und redet uns dann ins Gewissen: „Nicht Piste verlassen! Sonst ihr explodieren!“</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1052" title="CIMG0482" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2012/12/CIMG0482-550x308.jpg" alt="" width="550" height="308" />
<p>Leichter gesagt als getan, denn die Piste besteht ausschließlich aus festgefahrenem Sand, kein Fladen von Asphalt weit und breit. Kurz nach dem Zoll erinnert die Piste noch an eine Fahrbahn, führt vorbei an Stacheldrahtverhauen, in dem sich der durch den starken Wüstenwind verwehte Müll verfangen hat, doch kaum ist der Zoll außer Sichtweite, fächert sich die Spur in mehrere auf und wird zu einer Art Labyrinth. So heften wir uns an die Stoßstange eines Kleinwagens, müssen ihn aber kurz darauf ziehen lassen, da unser alter Bus weniger wüstentauglich ist und durch die Schlaglöcher wackelt, dass wir Angst haben umzukippen. Schnell ist der Vordermann zwischen den Dünen unserem Blickfeld entwichen, verunsichert rollen wir nun voran, akribisch darauf achtend den festgefahrenen Sand vor uns zu entdecken. Zu oft überwiegt die Unsicherheit, was nun eigentlich Piste ist und was nicht. Jeden Moment rechnen wir damit, wie die französischen Touristen im Jahr 2007 auf eine Mine zu fahren und zu explodieren.</p>
<p>Es bleiben kurze Momente das Niemandsland zu begutachten. Die Umgebung scheint mir eine zur Realität erwachte Kulisse aus dem Spielfilm „Mad Max III – Jenseits der Donnerkuppel“. Apokalyptisches Szenario. Ausgeweidete Autowracks, teilweise mit Brandspuren übersät, stehen im Nichts der Wüste und sehen aus wie metallene Tierkadaver, die die Geier bis auf die Knochen abgenagt haben. Woanders wurden noch fahrtüchtige PKWs im Sand abgestellt, teilweise mit deutschem Nummernschild, doch vom Besitzer weit und breit keine Spur. Es handelt sich hierbei um gestohlene Autos, deren Fahrern die Einreise nach Mauretanien verweigert wurde und sie nun hier die Fahrzeuge ihrem staatenlosen Schicksal überließen. Dann wieder ein Reifenstapel zwischen Sanddünen, oder Kühlschränke, die im Schein der Wüstensonne funkeln, oder irgendwelcher undefinierbarer Metallschrott. Ich entdecke einen LKW, er muss auf eine Mine gefahren sein, der untere Teil der Fahrerkanzel ist durch eine Explosion vollständig zerstört. Es sieht fast so aus, als wolle der LKW im Sand verschwinden. Eines ist klar, niemand wird jemals den ganzen Müll entsorgen. Er gehört hier schließlich niemandem.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1051" title="CIMG0480" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2012/12/CIMG0480-550x308.jpg" alt="" width="550" height="308" />
<p>Nach einer gefühlten Ewigkeit entdecken wir die grüne Fahne mit dem gelben Halbmond und Stern der Islamischen Republik Mauretanien am Horizont. Unglücklicherweise hat sich eine viel zu lange Autoschlange vor dem Grenzübergang gebildet, da sich die Zöllner durch nichts aus ihrer Ruhe bringen lassen. Unbeeindruckt von den vielen wartenden Reisenden, gammeln die Zöllner gemütlich im Schatten eines Wellblechdaches, schütten Schwarztee von einem Glas in das andere, dann zurück in die verbeulte, blecherne Teekanne, um nochmals von vorne zu beginnen. Es kann sich also nur um Stunden handeln, bis wir an der Reihe sind, die unzähligen Grenzformalitäten zu erledigen.</p>
<p>Die unerträgliche Hitze in den stehenden Autos treibt alle nach draußen. Der scharfe Wüstenwind weht den feinen Sand wie durch einen Sandstrahler in jede kleinste Pore und schmerzt auf der Haut und in den Augen. Jeder sucht Schutz hinter der vom Wind abgewandte Seite seines Gefährt, unser Kleinbus wackelt in den Böen hin und her, die alte Federung quietscht. Fürs kleine und große Geschäft traut sich kaum einer weiter als 20 Meter Entfernung in die Wüste, zu groß die Angst vor Minenfeldern. Nur die ganz Wagemutigen suchen Blickschutz hinter einem ausgebrannten Audi, der etwa 50 Meter von der Piste entfernt seinem Schicksal überlassen wurde.</p>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1050" title="CIMG0479" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/uploads/2012/12/CIMG0479-550x308.jpg" alt="" width="550" height="308" />
<p>Stunden später, die Sonne neigt sich schon dem Horizont entgegen, dürfen wir die Grenze passieren. Dank Bakschisch, einem 20 Euroschein im Reisepass, beschleunigen wir die Arbeit der Zöllner. Diverses Papier wird von Hand zu Hand gereicht, weiteres Geld verschwindet in den Taschen der Uniformen, mit einer lapidaren Handbewegung werden wir zur Weiterfahrt aufgefordert. Wir sind eines der letzten Fahrzeuge, die an diesem Tag nach Mauretanien durchgelassen werden, bevor die Grenzposten früh Feierabend machen. Als wir wieder Asphalt unter den Rädern haben, denke ich an die anderen, die es heute nicht geschafft haben und nun die Nacht im Niemandsland verbringen dürfen. Unfreiwillige Protagonisten in einem wahr gewordenen Endzeit-Film.</p>
<p><em>Fotos: Alexander König</em></p>
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		<title>Im malaysischen Dschungel</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Nov 2012 12:09:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>
		<category><![CDATA[Bangkok]]></category>
		<category><![CDATA[Jim Thompson]]></category>
		<category><![CDATA[Saen Saeb Khlong]]></category>

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		<description><![CDATA[Der US-Amerikaner Jim Thompson ist eine der schillerndsten Figuren Südostasiens. Seines Zeichens Unternehmer, trug er wesentlich dazu bei, die thailändische Seiden- und Textilindustrie durch maschinelle Fertigung zu revolutionieren. Sein ehemaliges Wohnhaus, ein traditionelles thailändisches Holzhaus am Saen Saeb Khlong in Bangkok, ist bis heute ein Besuchermagnet. Im Inneren kann man Jim Thompsons Sammlung antiker asiatischer [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der US-Amerikaner Jim Thompson ist eine der schillerndsten Figuren Südostasiens. Seines Zeichens Unternehmer, trug er wesentlich dazu bei, die thailändische Seiden- und Textilindustrie durch maschinelle Fertigung zu revolutionieren. Sein ehemaliges Wohnhaus, ein traditionelles thailändisches Holzhaus am Saen Saeb Khlong in Bangkok, ist bis heute ein Besuchermagnet.</p>
<p><span id="more-942"></span></p>
<p>Im Inneren kann man Jim Thompsons Sammlung antiker asiatischer Gegenstände bewundern und im ruhigen Garten sich dem Gefühl längst vergangener Tage hingeben.</p>
<p>Um seinen Tod ranken sich Legenden. Niemand weiß genau, ob Jim Thompson entführt, vom Jaguar gefressen, oder ermordet wurde, ob er Selbstmord beging, oder aber in ein anderes Leben abtauchte. Fakt ist, dass er im Jahre 1967 Urlaub in den Cameron Highlands in Malaysia machte und nach dem Abendessen einen kleinen Verdauungsspaziergang im Dschungel unternahm, von dem er niemals zurückkehrte. Man fand keine Leiche, keine Spuren, keine Kleidungsstücke, nichts.</p>
<p>Und genau in diesem Dschungel befinde ich mich nun und habe mich heillos verlaufen. Meine nähere Umgebung besteht aus Farnen, gigantischen Bäumen, Schlingpflanzen und Lianen. In diesem Dickicht kann ich keinen Trampelpfad mehr ausmachen, geschweige denn durch das dichte Blätterwerk der Bäume einen Himmel erkennen. Vor Aufregung schlägt mein Herz dreifache Geschwindigkeit, Adrenalin pumpt durch den Körper, die Sinne sind geschärft, verzweifelt versuche ich irgendwelche Anzeichen von Zivilisation zu entdecken, sehe aber nur Grünzeug um mich herum und das laute Zirpen der Zikaden übertönt alle anderen Geräusche. Panik überkommt mich, ungeduldig bahne ich mir einen Weg durch die grüne Hölle, aber ohne Machete komme ich nur mühsam voran. Die Bilder eines Jim Thompson im ungleichen Kampf mit irgendeiner Kreatur des Dschungels, sei es ein Panther, eine Würgeschlange oder aber ein hoch giftiger, aggressiver Tausendfüßler wollen nicht mehr weichen und begleiten mich auf Schritt und Tritt durch den Morast. Ich will es mir nicht wirklich eingestehen, aber ich habe Todesangst&#8230; Und eine plötzliche Erscheinung&#8230;</p>
<p>Kein Problem, hatte der Besitzer meiner Billigabsteige gemeint. Du musst nur zum Ortsausgang, dann rechts durch die Blumenzucht, dort beginnt der Trampelpfad. Er ist nicht zu verfehlen und der Weg locker alleine zu bewältigen. Nur ziemlich früh starten, war sein Tipp, damit man nicht in die Dunkelheit gerät, und immer auf dem Pfad bleiben, keine Tausendfüßler reizen und sollte ich einem Panther begegnen, einfach stehen bleiben, niemals wegrennen, dem Tier nicht direkt in die Augen blicken, aber auch nicht den Rücken zudrehen und dazu einfach die außergewöhnliche Begegnung genießen. Also alles in allem eine Wanderung, die gut und gerne ein Rentner in Ledersandalen hätte unternehmen können. Ohne große Bedenken war ich also gestartet, nur mit einer Flasche Wasser bewaffnet und ohne zusätzlichen Proviant bei mir, außer etwas Frühstück im Magen &#8211; wie Jim Thompson eben.</p>
<p>Zu Anfangs war der Pfad auch ersichtlich gewesen, führte immer bergauf, und ich stieg über riesiges Wurzelwerk, bis es auf der anderen Seite bergab ging. Es handelte sich hierbei um die Regenseite und die Vegetation nahm mit jedem Meter zu, so dass man kaum noch einige Meter weit blicken konnte. Der Pfad wurde von Pflanzen überwuchert, Bäume lagen quer, bald konnte man die richtige Richtung nur noch erahnen. An einer Art Weggabelung angekommen, wusste ich nicht weiter wohin. Links ging es steil bergauf in noch dichteres Gestrüpp, rechts weiter den Hang hinab. Voller Zweifel entschloss ich mich für die rechte Abzweigung, verlor das Gleichgewicht, rutschte und rollte den Berg hinunter, durch Gestrüpp und Matsch. Der Weg zurück war nun durch zu viel Schlamm aussichtslos, warum ich eine Richtung einschlug, in der ich das Städtchen vermutete, aus dem ich gekommen war.</p>
<p>Und da bin ich nun, inmitten des malaysischen Dschungels und habe eine fast schon mystische Erscheinung. Keine Ahnung, ob es den widrigen Umständen, dem Wasser- und Essensmangel zu verdanken ist, aber plötzlich entdecke ich einen Menschen hinter dem Stamm eines Baumes. Es ist kein indigener Ureinwohner, nein, es handelt sich hierbei um einen hemdsärmeligen Herrn in Buntfaltenhosen mit westlichen Gesichtszügen. Ungläubig wische ich mir über die Augen und steuere direkt auf diese Person zu. Doch kaum habe ich mich ihr einige Meter genähert, verschwindet diese und erscheint in einiger Distanz erneut. Dies wiederholt sich so oft, bis das Gelände plötzlich flacher wird, der Boden dafür morastiger. Der Schlamm gluckert bei jedem Schritt unter meinen Füßen, schon bald stehe ich bis zu den Knien im Wasser. Drei Meter hohes Elefantengras bildet nun eine fast undurchdringliche Barriere, der Mann winkt mir daraus zu. Mit den Händen bahne ich mir eine Schneise durch das mannshohe Gras und wie durch ein Wunder endet abrupt alle Vegetation und ich finde mich auf einer Lichtung wieder. Vor mir ein Maschendrahtzaun, dahinter ein kleines Elektrizitätswerk. Ich kann eine asphaltierte Straße erkennen, die vom Elektrizitätswerk in den Dschungel führt. Überglücklich puste ich durch, versuche meinen Puls zu drosseln, um mich bei dem Mann zu bedanken, der aber ist spurlos verschwunden.</p>
<p>Einige Tage später sitze ich in Kuala Lumpur im Internetcafé und google nach Jim Thompson. Als sein Portrait auf dem Bildschirm erscheint, erschrecke ich fast zu Tode. Kein Zweifel, es handelt sich hierbei genau um diesen Jim Thompson, der mich aus dem Urwald geführt und dadurch gerettet hat.</p>
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		<title>Toro Embolao</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Oct 2012 13:40:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[celebacy]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>
		<category><![CDATA[Guschlbauer]]></category>
		<category><![CDATA[Stierkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Toro Embolao]]></category>

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				<content:encoded><![CDATA[<p>Laut zischend steigt die Feuerwerksrakete dem Himmel entgegen, zieht einen Schweif Pulverqualm hinter sich her und explodiert mit einem lauten Donnerschlag. Das unverkennbare Zeichen, der 500 Kilogramm schwere Stier wird freigelassen und durch die engen Gassen und Straßen in die Stierkampfarena getrieben, in der er schließlich getötet werden soll. Männer werden ihren Mut beweisen, indem sie kurz vor dem Stier rennen, einziges Hilfsmittel zu Abwehr wird eine eingerollte Zeitung sein. Es ist Karfreitag, und wie jedes Jahr wiederholt sich die Toro Embolao in dem weißen andalusischen Dorf Vejer de la Frontera aufs Neue.</p>
<a href="#" data-accordion-group="162" class="accordion-title">Weiter <img class="weiter-icon" width="15" height="10" alt="weiter lesen" src="http://www.blank-magazin.de/wp/wp-content/themes/blank/images/btn_lesen.png"></a><div class="accordion-content">
<p>Um das Spektakel besser beobachten zu können, habe ich mir einen sicheren Platz auf einem der Flachdächer errungen, von wo aus man einen guten Blick auf die Hauptstraße hat. Ich schaue auf die Männer hinunter, die ungeduldig von einem Bein auf das andere hüpfen und lausche den Klängen einer Blaskapelle, die spanische Volkslieder trompetet. Frenetischer Beifall brandet auf und um die Ecke hetzen die ersten Läufer, schwer schnaubend als wäre ihnen der Tod persönlich knapp auf den Fersen.<br />
Der Tod ist in diesem Falle der Stier mit einer halben Tonne purer Muskelmasse, die direkt vor meinem Aussichtspunkt zum stehen kommt. Die blank polierten Hörner des Bullen blitzen im Sonnenlicht, sie sind lang wie der Unterarm von Hulk und so spitz, dass er damit Atomkerne spalten könnte. Zwei Männer hangeln sich zum Schutz auf einen Balkon, andere flüchten die Straße hinunter. Betrunkene locken den Stier mit roten T-Shirts in den Händen, dieser setzt zur Jagd auf seine Peiniger an und keine Sekunde später ist er meinem Blickfeld enteilt.</p>
<p>Um vielleicht noch mehr Einblicke erhaschen zu können, klettere ich vom Dach hinunter und durch die Eisenstangenabsperrung auf die Hauptstraße. Zusammen mit Einheimischen eile ich erwartungsvoll Richtung Stierkampfarena. Doch Lärm brandet auf, kurz darauf kommen uns schwer atmende Männer entgegen. Ich drücke mich an eine Hauswand, während die anderen Schutz hinter den Absperrungen zu einer Seitenstraße suchen.<br />
Ganz klar, der Stier hat auf dem Weg zum Schafott eine Kehrtwendung vollzogen und hetzt nun die Hauptstraße zurück. Doch anstatt sofort zu flüchten, bin ich vom Anblick seiner majestätischen Anmut, von dem Spiel der Muskeln, seinem Todeskampf und dem Willen zu überleben so fasziniert, dass ich wie gelähmt bin. Der Koloss zieht mich magisch in seinen Bann und ist nur noch etwa 50 Meter entfernt. Menschen schreien, aber ihre Rufe dringen wie aus einem anderen Universum zu mir durch.</p>
<p>Dann geschieht das Erstaunliche. Der anstürmende Koloss hält im Kollisionskurs abrupt inne. Seine Hufe schlittern über den Asphalt, etwa zehn Meter vor mir kommt er zum stehen. Er hebt seinen wuchtigen Kopf und starrt mir mit allzu großen Augen entgegen. Ich blicke direkt in die Iris und erkenne in diesem kurzen Augenblick die Traurigkeit darin, sein Leid, die Tränen und den Schmerz über die Grausamkeit, die ihm hier angetan wird. Dann senkt er seinen Kopf und die Hörner verkörpern den Tod, die Schuld, Krieg, Gewalt und Hölle. Eine extreme Furcht überrollt mich, die mich unbewusst zum Handeln zwingt. Flucht ist der einzig überlebende Gedanke, ich will nur noch fort von hier, ganz weit weg von dieser Stadt.</p>
<p>Der Stier scharrt mit dem rechten Vorderhuf über den Boden, Funken sprühen, aus seinen Nüstern qualmt der Atem. Eine halbe Tonne Gewicht setzt sich in Bewegung, die zwei Hörner zeigen genau auf mein wild pochendes Herz. Und alles geht ganz schnell. Ich mache auf dem Absatz kehrt und hetze mit einer mit unbekannten Geschwindigkeit dem Gatter entgegen, hinter dem sich die entsetzte Menge verschanzt hat. Mit einem gewaltigen Satz springe ich auf eine der Eisenstangen und katapultiere meinen Körper über die Absperrung. Just in diesem Moment höre ich den Stier unter mir ins Eisen rammen. Es kracht laut, die Eisenstangen ächzen unter der Macht des Ansturms. Die Menge weicht zurück, ich fliege zu Boden und rolle mich über die Schulter ab. Mehrere Arme heben mich auf, jemand klopft mir erleichtert auf die Schulter.</p>
<p>„Mein Gott, ich lebe noch!“ rauscht es mir durchs Gehirn. Einen kurzen Augenblick waren der Stier und ich eine Seele, ein und dasselbe Geschöpf unter der Sonne der Lebenden. Meine Person allerdings darf weiter existieren, auf den Stier wartet nur noch der Tod. Der Sensenmann in Gestalt eines Toreros kappt alle Verbindungen, nichts bleibt zurück.<br />
Und so überrollt mich eine tiefe Trauer und drängt mich durch die Massen zum Ortsausgang. Ich stelle mich an den Straßenrand und recke den Daumen empor. Als ein Auto hält und ich einsteige, um weit weg von dieser Stadt zu kommen, sticht ein Schwert durch den Nacken des Stieres bis hinein ins Herz. Die Menge in der Arena jubelt gierig auf. Der Stier sackt nieder auf die Knie und stirbt.</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
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		<title>Sex, Drugs &amp; Ecuador</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Sep 2012 19:43:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Mario]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Reise // Boris Guschlbauer]]></category>
		<category><![CDATA[Ecuador]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Stadt Montañita an der Pazifikküste ist Ecuadors Surferparadies und noch immer ein Geheimtipp unter Eingeweihten. Hierher pilgern Jungs und Mädchen aus der ganzen Welt, die ihr Leben dem Wellenreiten verschrieben haben. So hat sich in Montañita eine Infrastruktur entwickelt, die glücklicherweise noch nicht massenkompatibel und so für den Pauschaltouristen uninteressant ist. Bambushütten wurden zu [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Stadt Montañita an der Pazifikküste ist Ecuadors Surferparadies und noch immer ein Geheimtipp unter Eingeweihten. Hierher pilgern Jungs und Mädchen aus der ganzen Welt, die ihr Leben dem Wellenreiten verschrieben haben. So hat sich in Montañita eine Infrastruktur entwickelt, die glücklicherweise noch nicht massenkompatibel und so für den Pauschaltouristen uninteressant ist. Bambushütten wurden zu Herbergen und Bars umgewandelt, die meisten Straßen sind nicht asphaltiert und am Strand kann man noch in Ruhe im Schatten einer Palme dem Meeresrauschen lauschen.</p>
<p><span id="more-115"></span></p>
<p>Ein Tag in Montañita gleicht dem anderen. Morgens wird gesurft, mittags im Schatten gegammelt, abends wieder gesurft und die Nacht mit Party machen verbracht. Surfer wollen ihren Spaß und das nicht zu knapp. Vor den Bars sitzen die Kiffer, in den Bars fließt das Bier und der Rum in Strömen und in den Toiletten wird eine Line Koks nach der anderen gezogen, denn Peru und Bolivien, Länder in welchen der Anbau der Kokapflanze erlaubt ist, liegen nicht fern. Deshalb verdienen sich viele Surfer ihren Hang Lose-Lifestyle damit, indem sie in ihren Surfbrettern Kokain über die Grenze schmuggeln. Einiges an dem weißen Pulver wird noch in Ecuador konsumiert, der Rest wandert über verstrickte Wege weiter Richtung Mittelamerika und dann rüber über den Atlantik. Aus diesem Grund ist das Kokain in Montañita von guter Qualität und spottbillig, ein Gramm ist für zehn Dollar zu erwerben.</p>
<p>Der Zufall will es, dass die Eröffnung der Bar Wibe Out genau auf den Zeitpunkt fällt, an dem ich mich in Montañita aufhalte. Die Deutschlandauswanderer Bastian und Frank (Namen wurden von der Redaktion geändert) hatten es tatsächlich geschafft, trotz Monaten des exzessiven Konsums von Marihuana, die Restaurationen zu beenden. So finden sich am Abend die Gäste ein, Freibier wird gereicht und der Reggae, der obligatorische Musikstil in Montañita, lauter gestellt.</p>
<p>Da ich Reggae nicht zu meinen Favoriten zähle, muss ich mich betäuben. Florian reiht mehrere Linien Koks auf der Theke, eine davon ist für mich bestimmt. Ich drehe den Schild meiner Mashcap nach hinten und ziehe das weiße Pulver durch den Strohhalm, durch den ich auch schon den Cuba Libre getrunken habe, in die Nase. Augenblicklich poppe ich auseinander und fühle mich unbezwingbar wie Robocop III. Ich mutiere zu einem Panzer in voller Fahrt zur Front mit jungen, kampfwilligen Rekruten an Bord. Bob Marley flößt mir kein Unbehagen mehr ein, er lässt nur mein Tanzbein zucken. Mein Schutzschirm ist Dank der Droge nun voll aufgeladen.</p>
<p>So unter Hochspannung muss ich meiner Energie Luft machen und suche deshalb einen der Clubs auf, der sich am Strand befindet und in dem Salsa zelebriert wird und die Gäste barfuß im Sand tanzen. Auch ich beginne mich im Takt der Musik zu bewegen, gut zu bewegen, mein Gott, ich bin John Travolta in Grease, ich sehe gut aus, bin gut, ich alleine kann die Welt aus ihren Angeln heben. Selbst der Salsa ist von mir erfunden worden, ich spüre ihn in jeder Zelle meines Körpers. Und natürlich ist der Salsa auch Fernanda, die süße Latina mit rabenschwarzem Haar, festen Brüsten und einem entschlossenen, selbstbewussten Blick. Wir fixieren uns, saugen uns förmlich an und beginnen miteinander zu tanzen. Sie kreist ihre Hüften, geht vor mir in die Knie und reibt ihr Ärschchen an meinem Riesenschwanz. Die Musik wird wilder, Fernanda auch, sie leckt sich nun verlangend mit der Zunge über die Lippen, wirft ihr glänzendes Haare nach hinten, zwinkert mir zu, nimmt mich bei der Hand und mit an den Strand, um mir heiße, spanische Worte in den Gehörgang zu flüstern.</p>
<p>Wir lassen uns in den Sand fallen und beginnen zu knutschen. Meine Hand gleitet unter ihr tief dekolletiertes Shirt, streichelt ihre festen Brüste, wandert dann die schlanken Beine hinauf, zieht den String zur Seite und fühlt ihre heiße Muschi. Fernanda stöhnt leise, krallt sich mit der Hand in meinem Haar fest und haucht: „Tu es, ja tu es, oh mein Gott, ich will gefickt werden!“<br />
Also fischt Fernanda meinen Schwanz aus der Hose, ich rolle mich auf sie und sie dirigiert meinen harten Specht in ihr schmuckes Kästchen.</p>
<p>Wir bewegen uns im Rhythmus der auf den Strand treffenden Wellen. Sie rauschen in unseren Ohren wie alle Liebeslieder der Welt und das Blut rauscht durch den Unterleib. Immer tiefer dringe ich in Fernanda ein, ihre Muschi umschließt meinen Penis wie ein gutsitzender Handschuh. Fernanda bäumt sich auf, presst ihr Becken hart gegen meines, ich werde eins mit ihr und spüre den Sand an meinen Knien, grabe meine Hände darin ein, Fernandas Küsse sind sandig, von unseren Haaren rieselt der Sand.<br />
Als wir zum gemeinsamen Orgasmus kommen, beendet die Welt für einen kurzen Moment ihre Drehbewegung, fällt der Mond krachend zu Boden, verpufft die Milchstraße in einer großartigen Implosion und wird von einem Wurmloch ins Nichts geschleudert. Aber selbst das kann Liebende nicht aufhalten, denn sie sind wie ein in Fahrt geratener Handkarren auf abschüssiger Straße. Fernanda und ich gleichen einer Atombombe, verbunden durch eine gemeinsame Detonation.</p>
<p>Zurück im Club, bemerke ich schnell, dass mein Schwanz Kontakt mit dem Sand bekommen hat. Also schließe ich mich in der Toilette ein, die einem Bretterverschlag gleicht. Vorsichtig ziehe ich meinen Schmirgelpapier-Schwanz aus der Hose und wasche meinen Specht im Waschbecken unter dem kalten Wasserstrahl sauber. Die Musik dröhnt von außerhalb an meine Ohren, die Beats lassen den Bretterverschlag wackeln. Mit meinem Schwanz in der Hand werde ich mir plötzlich bewusst, der Augenblick überrollt mich mit einer gigantischen Dampfwalze&#8230;<br />
Plötzliches Standbild. Alles verharrt in seiner Position, ist wie in Eis gefroren. Der Salsa verstummt, nur allein mein Kopf steht nicht still. In diesem Moment frage ich mich ernsthaft, was ich gerade tue? Was mache ich hier, um diese Uhrzeit, mit diesem Koksgehirn, in diesem Teil der Welt, mit meinem Schwanz unter dem Wasserhahn? Wer bin ich? Was bin ich?</p>
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