Ein Tag in Teheran

Früh am Morgen erreicht mein Nachtbus aus Tabriz die ersten Ausläufer von Teheran. Eine gigantische Stadt eröffnet sich vor meinen Augen, sie scheint mir wie eine riesige Welle an Häusern, die aus den schneebedeckten Bergen des Alborz Gebirge im Norden kracht, um weit in der Ebene im Süden auszurollen. „15 Millionen Einwohner!“ meint Jamal, mein Nebensitzer und fügt hinzu: „Und etwa 3 Millionen Autos!“

Hupend kämpft sich unser Busfahrer durch den eifrigen Frühmorgenverkehr. Nach etlichen Fast-Zusammenstößen erreichen wir den Busbahnhof Terminal-e-Gharb, der sich weit außerhalb im Westen vom Stadtzentrum befindet. Das hat den einen Grund, der Bus hätte in den komplett überfüllten Straßen Teherans keine Chance. Nicht umsonst macht ein Witz unter den Einheimischen die Runde, dass die Amerikaner -sollten sie jemals den Iran überfallen- niemals siegen könnten, weil ihre Panzer schlussendlich im höllischen Verkehr von Teheran stecken bleiben würden.

Kaum aus dem Bus gestiegen, werde ich von unzähligen Taxifahrern umringt, die mich ins Zentrum chauffieren wollen, natürlich zum Freundschaftspreis. Da ich diese „Freundschaftspreise“ kenne, lasse ich mir von Jamal den Weg zur nächsten Metrostation erklären.

Zur Metro-Haltestelle Azadi ist es weit. Ich bugsiere meinen Rucksack durch unglaubliche Menschenmassen und gelange zur ersten größeren Hauptstraße, die es zu überqueren gilt. Ungläubig stehe ich in schwarze Abgase gehüllt am Straßenrand, blicke auf diesen nimmer endenden, rasch dahin fließenden Strom an Autos, Motorrädern und LKWs und bin fast der Verzweiflung nahe. Wie soll man hier jemals lebendig die andere Straßenseite erreichen, bei Fahrern, die kein Erbarmen zeigen, direkt auf jedes Ziel, das zwei Beine hat, zuhalten und Bleigewichte im Fuß zu haben scheinen, mit dem sie das Gaspedal bedienen?
Ich mache es wie die Einheimischen, schließe mich einer großen Gruppe an, nehme einen Iraner als Schutzschirm zwischen mich und den Verkehr und laufe los, wenn er es selbst für richtig hält. Dabei habe ich das Gefühl, als befände ich mich mittendrin in diesem alten Computerspiel Frogger, bei dem ein Frosch mehrere Fahrbahnen überqueren muss ohne unter die Räder zu kommen.

Als die erste Metro in die Haltestelle tost, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Alle Waggons sind bis zum Erbrechen mit Menschen gefüllt. Jeder kennt die Bilder von überfüllten Bahnen aus Tokio, aber aus Teheran? Ich renne von Türe zu Türe, finde keinen kleinsten Zentimeter in den ich mich mit meinen Rucksack drücken könnte. Nur in den ersten zwei Wagons ist genügend Platz, die aber sind ausschließlich für Frauen reserviert und ich will nicht wissen was passiert, würde ich mich als einziger Mann zwischen all die schwarzen Kopftücher, langen Mäntel und Tchadors drängen. Die Türen schließen sich und die Metro fährt ohne mich davon. Und die nächste auch und die übernächste ebenfalls. Ich gebe mich geschlagen und steige doch in ein Taxi.

Trotz vorher ausgehandeltem Preis werde ich ordentlich abgezockt. Der Taxifahrer schwört auf Allah, dass er 7000 Toman gemeint hatte und nicht Rial (was 70 000 Rial entspricht), obwohl er seiner Lüge offensichtlich bewusst ist. Nach langer Diskussion gebe ich schließlich nach, darauf vertrauend, dass ihn ein Allah früher oder später für seine Lüge bestrafen wird. Etwas missmutig ziehe ich in der Amir Kabir Street von dannen.

Die Amir Kabir Street, in den 60er und 70er Jahren der Anlaufpunkt der Hippies in Teheran, die auf dem Landweg nach Indien oder Nepal unterwegs waren, um die Erleuchtung und billige Drogen zu finden. Dieser Abschnitt der Hippie-Route endete abrupt, als der Revolutionsführer nach der islamischen Revolution im Jahre 1979 die Grenzen für Ausländer schloss. Heute ist von diesem Freigeist der Hippies nichts mehr zu spüren, die Amir Kabir Street hat sich längst gewandelt, ein Geschäft für Autoteile neben dem nächsten.

So checke ich etwas frustriert in das Mashhad Hotel ein, eine der billigsten Übernachtungsmöglichkeiten der Hauptstadt, welches dem Hippiegeist am ehesten entspricht.

Ich werfe meinen Rucksack auf eines der ausgelegenen Betten im Schlafsaal und gehe nach draußen, um die Valiasr Avenue aufzusuchen, eine der längsten Einkaufsstraßen der Welt und der Laufsteg der jungen Leute von Teheran. Hier ist sehen und gesehen werden das Maß der Dinge. Die Frauen tragen ihr Kopftuch weit hinten auf dem Kopf, die Haare sind toupiert, die Lippen rot geschminkt, die dunklen Augen mit Kajal und Wimperntusche noch schöner gemacht. Was auffällt sind weiße Pflaster auf vielen Nasen, sowohl bei Frauen wie auch Männern. In einer der zahlreichen Milchbars erfahre ich von der sehr hübschen Maria, mit der ich ganz ungezwungen ins Gespräch komme, dass Nasenverschönerungen seit Jahren im Trend liegen. Manche Mädchen kleben sich sogar Pflaster auf die Nase, um eine OP vorzutäuschen, die sie sich nicht leisten können. Natürlich, in einem Land, in dem der Körper und das Haar verhüllt sein müssen, wird großer Wert auf das makellose Gesicht gelegt.


Ich trinke meine Bananenmilch aus und laufe zum Valiasr Platz, um mir dort einmal mehr eine Falafel zu genehmigen, eine der wenigen vegetarischen Snacks im Iran. Danach schlendere ich Richtung Süden, die Imam Khomeini Moschee ist mein Ziel, eine der meistbesuchten Moscheen im Land. Hier soll man laut Reiseführer den Islam in voller Aktion bewundern können.
Aber ich soll die Moschee nie erreichen, die einzigartige Gastfreundschaft der Iraner hindert mich daran. Immer wieder werde ich zum Tee eingeladen, über meine Eindrücke zum Iran befragt, ob ich verheiratet bin, Kinder habe, welcher Religion ich angehöre, wie alt ich bin, wie ich mir diese Reise finanzieren kann, was mein Beruf ist, und -plaudern wir etwas länger- was ich von Ahmadinedschad halte?

Einige hundert Meter vor der Imam Khomeini Moschee quatsche ich mich schlussendlich mit Hossein fest, ein Iraker, der seine Frau bei einem Bombenangriff der Amerikaner im Irak verloren hat, um danach in die Hauptstadt des Iran zu flüchten. Seine traurigen Augen und die Worte mit einer tiefen Stimme bedacht vorgetragen, ziehen mich in seinen Bann. Nebenbei werfen wir uns einen Zuckerwürfel nach dem anderen in den Mund und schütten den Tee hinterher, die herkömmliche Art im Iran Tee zu trinken.

Die knallrote Sonne verschwindet hinter den Dächern der Stadt. Mit der einbrechenden Nacht wird der Verkehr weniger, die vielen Händler haben ihr Tagewerk vollbracht und alles drängt nach Hause. Ich schließe mich ihnen an, verabschiede mich von Hossein, kaufe noch eine Flasche Zamzam-Cola und falle auf meinem klapprigen Bett in einen tiefen Schlaf…

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