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Allerhand aus aller Welt

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Landkarten und Atlanten haben die Menschen seit jeher fasziniert und verführt, vom heimischen Sessel oder Schreibtisch aus, andere Kontinente und fremde Länder zu bereisen. Das hat sich auch in Zeiten von Google Earth, in denen jeder wie ein griechischer Gott über die Lande fliegen und jeden Baum und Fluss, jede Hütte und jeden Palast von oben betrachten kann, nicht geändert. Wer an dieser Art, die Welt zu erkunden, Freude hat, für den ist „Alle Welt“, ein gerade im Moritz Verlag erschienener Weltatlas, eine besonderer Genuss.

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Die polnischen Buchgestalter Aleksandra und Daniel Mizielinscy haben in mehr als drei Jahren Arbeit und mit spürbarer Liebe zum Detail einen illustrierten Weltatlas geschaffen, wie man ihn selten sieht. Zu jedem Land zeigen insgesamt über 4.000 Miniaturen traditionelle Trachten, häufige Vornamen, berühmte Figuren der Geschichte, Tierarten, beliebte Sportarten, Nationalgerichte und natürlich berühmte Sehenswürdigkeiten. Eine Weltreise mit 51 Karten über sieben Kontinente und 42 Länder. Ein Entdeckerspaß für Kinder wie für Erwachsene.

Alle Welt. Das Landkartenbuch
von Aleksandra und Daniel Mizielinscy
erschienen im Moritz Verlag
112 Seiten
26,00 Euro

 

Ich und „Alles was rund ist“

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Ich bin rund und das hat einen Grund. Nein, das ist noch nicht der Höhepunkt der heutigen Kochbuch-Preisung. Der Grund ist, ich koche gern. Und wenn ich koche, esse ich auch. Und wenn das Runde ins Eckige muss, dann bedeutet das bei mir, ich lege mich mit einer schönen Neuerscheinung ins Bett, schmökere mich durch Seiten voller vielversprechender Rezepte und plane so die nächsten Tage und Wochen.

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Auf meinem Nachttisch liegt „Alles was rund ist“ von Juliane Pieper. Die Berliner Illustratorin hat – und hier schließt sich auch wieder ein Kreis – im Fußball-WM-Jahr 2014 ein liebevoll illustriertes Büchlein herausgebracht, dass sich runden Köstlichkeiten in allen Geschmackrichtungen aus aller Herren Länder widmet.

Meatballs, Fishballs, Sweetballs … was das Herz begehrt. Hier steht’s drin. Und geschmückt ist das Ganze mit so lustigen und liebevollen Illustrationen, dass man das Buch auch gerne den lieben Kleinen überlassen kann während man in der Küche werkt. Doch auch der Küchenvorstand hat eine Menge zu entdecken. Nämlich, dass sich hinter dem Begriff Meatball nicht nur ein liebloser Fleischklops versteckt, sondern ein ganzes Universum an variantenreichen Rezepten. Wie wäre es mit Lammbällchen mit Ziegenkäse und karamellisierten Zwiebeln? Oder chinesischen Perlenbällchen Land und Wasser? Wem jetzt schon der Speichel fließt dem sei gesagt, da ist noch viel viel mehr! Holländische Pfeffernüsse, persische Walnuss-Fleischbällchen, albanische Qofte … eine kulinarische Weltumrundung.

Also, wer handliches rundes Essen, lustige Illustrationen und alltagstaugliche Rezepte sucht, hier kann man nichts falsch machen. Eine schöne runde Sache.

Alles was rund ist
Juliane Pieper
Erschienen bei Jacoby und Stuart
Gesehen für 19.95 Euro

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“Geradeaus im Kreis” – Lesung mit Boris Guschlbauer

Wenn unser Reiseredakteur Boris Guschlbauer die Menschen unter dem so harmlos daher kommenden Label “Lesung” zu sich lockt, ist das eigentlich unseriöses Understatement. Denn der Weitgereiste liest nicht, er performt. Mit Stimme, Geschichten, Körper und diversen Hilfsmitteln. Mal mit, mal ohne Klamotten. Die Stuttgarter Zeitung schrieb einst über den stolzesten Sohn des gesamten Bundeslandes: “…Der Schriftsteller, Typ Waldschrat mit Hipstereinschlag performte seine Texte in einer schrägen Art und Weise, die am besten unter dem Stichwort Vortrag auf LSD beschrieben werden kann…” Entsprechend vorgebildet wird der Redakteur sicher dann auch Samstag in Stuttgart wieder dabei sein, wenn Boris Guschlbauer in den Jugendclub Rohr in der Alten Schule (Egelhaafstr.1) lädt. Unter dem Motto “Geradeaus im Kreis” performt er wieder Texte aus aller und seiner Welt und verspricht: “Für Unentschlossene: Es wird NICHT jugendfrei, der Eintritt ist frei und es wird ein Einhorn-Chor geben!” Alles klar? Dann nix wie hin. Los geht´s um 20 Uhr!

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2013: Das haben wir gelesen

Diese Bücher haben wir 2013 gelesen und geliebt, gekauft, verschenkt und gefunden, in den Schrank gestellt oder in das Coffee Table Book-Sortiment aufgenommen und Gästen als Fetisch präsentiert. Von den verstörend klaren Textfetzen eines vom Leben Abschied nehmenden Autors, über zeitgenössische Lyrik und epische Entwürfe von Zeit, Gegenwart und Liebe, bis zu linker Theorie, Feminismus, großen belletristischen Gesten, eindringlichen, psychodelischen Fotografien und den obligatorischen Berlin-Befindlichkeiten. Hier sind sie, unsere 20 Bücher des Jahres, wie immer höchst subjektiv und voreingenommen, die Schnittmenge von Blank-Machern, Schreibern, Fotografen, Lesern und Freunden des Hauses. Sollte natürlich als dringende Empfehlung verstanden werden.

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Geschenktipp 1: Reise nach Jerusalem

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Kaum ein Tag vergeht, ohne dass uns Meldungen erreichen, die die meisten von uns Zeit ihres Lebens als den „Nahostkonflikt“ mit Schulterzucken quittieren. Längst ist man sich auch nach hitzigen Debatten auf Stehpartys und an Stammtischen einig: es gibt keine wirkliche Lösung, das Thema polarisiert und es wird wohl noch lange so weitergehen. Doch hier und da, gibt es eine Sternstunde, einen Hoffnungsschimmer, ein Licht am Firmament. Hier liegt es nun vor uns, das Kochbuch „Jerusalem“ von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi, einem Israeli und einem Palästinenser, die das Beste aus ihrer Heimat für uns in gut verdaubare Mahlzeit-Happen zwischen zwei wunderschöne und sinnliche Buchdeckel gepresst haben. Es einfach Kochbuch zu nennen, wird dem Inhalt allerdings nicht gerecht.

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Was hier serviert wird, ist Landeskunde, Kulturreise und Kulinarik auf höchstem Niveau. Schon beim ersten Durchblättern ist man unsicher, ob man besser sofort eine Reise buchen sollte oder ob man dem Drang nachgibt, zum nächstgelegenen Markt zu pilgern um nach einem ausgiebigen Einkaufsbummel eines der Gerichte nachzukochen. Wir haben uns für Letzteres entschieden und wurden belohnt mit himmlischen Düften, Kurzweil und einem sehr delikaten Abendessen. Doch zurück zur Entstehung des Buches.

Beide Autoren wurden in Jerusalem geboren und lernten sich 30 Jahre später in London kennen. Dort betreiben sie heute gemeinsam vier Coffeeshops und ein Restaurant. Was sie verbindet sind die kulinarischen Wurzeln und die Liebe zu ihrer Heimat. Die Küche Jerusalems ist eine interessante Mischung aus dem Besten, was aus Europa, dem Nahen Osten und Afrika über Jahrtausende den Weg in die Stadt fand. Sie ist überreich an exotischen Aromen, geprägt von raffinierten Gewürzmischungen und bestimmt von durchaus alltagstauglichen Zubereitungsarten. Im Buch selbst finden sich viele ausdrucksstarke Bilder und launige Alltagsgeschichten, die einen harmonischen Reigen um die 126 Rezepte bilden. Zusammengefasst: ein großartiges Geschenk für alle, die Genuss lieben, ihr Fernweh zelebrieren, in Vorfreude schwelgen und gerne wieder daran glauben möchten, dass am Ende doch noch alles gut wird …

Jerusalem
Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi
Verlag Dorling Kindersley, 2013
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten

„Elektrosmog“ von Jan Skudlarek

erschienen bei: luxbooks

kornappel welleIllustration: simone kornappel

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Und Kennedy war vielleicht doch keiner von den Guten. Stephen King und die dystopische Versuchung

Tollwütige Mörderhunde. Trucks, die sich mit anderen Maschinen verbünden um die Menschheit zu unterjochen. Mädchen, die es Feuer regnen lassen. Kuscheltiere und durchtrennte Achillessehnen. Wahnsinnige Krankenschwestern mit Hang zur Folterei und Amputation und Fernsehshows, die zur Menschenjagd ermuntern. Nach einer kleinen Vielzahl seiner Büchern war ich mit vierzehn durch mit dem Autor Stephen King und widmete mich der deutschen Nachkriegsliteratur, der Philosophie und der amerikanischen Literatur der Gegenwart. Zu letzterer gehörte King nicht dazu. Das zumindest dachte ich. Ich hätte schwören können, mich dem Phänomen Stephen King ab jetzt immer entziehen zu können. „Der Anschlag“ hat mich jedoch eines besseren belehrt.

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“F” – Daniel Kehlmann

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Der 1975 in München geborene Daniel Kehlmann ist ein großartiger Schriftsteller, das ist unbestritten. Und auch wenn die “Die Vermessung der Welt” mir das Herz nicht vollständig zu erwärmen wusste, so hatte er mich bereits mit “Ich und Kaminski” oder danach mit der Kurzgeschichte “Rosalie beschließt zu sterben” aus “Ruhm”. Was er da jetzt aber mit seinem neuen Roman “F” wieder veranstaltet, ist erneut über jede Kritik erhaben. Einzig, ob einen die Frage nach der Existenz des Zufalls interessiert, oder ob man den Zwillingen wie deren Halbbruder auf ihrem schicksalhaften Lebensweg folgen will, bleibt Geschmackssache. Ich mochte es.

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Einige der besten Zeilen:

Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein jeder verstrickt in sein eigenes Unglück…..
Ich verfehle die meisten Töne, aber das gehört zu meinem Beruf, fast alle Pfarrer singen schlecht.
Ein Priester muss vorsichtig sein dieser Tage, harmlose Gesten gibt es nicht mehr.
Ich beneide Alkoholiker. Filme werden über sie gedreht, man engagiert die besten Schauspieler, man schreibt über sie Reportagen und Romane.
Wie, wenn wir immer derselbe sind, in immer anderen Träumen?
Die Hälfte der verbliebenen Strecke wird wieder eine Hälfte haben und diese wieder eine, und da verstehe ich, dass Zeit nicht nur unendlich lang ist, sondern auch unendlich dicht, zwischen einem Moment und dem nächsten liegen immer unendlich viele andere Momente; wie kann sie überhaupt vergehen?

Roman Libbertz

         

Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren (C.H.Beck)

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Aus unvorstellbaren Gründen hat sein Roman zunächst keinen Verlag gefunden. So debütierte Jonas Lüscher mit einer Novelle. Und diese Geschichte über ein hedonistisches Fest mit Knalleffekt ist ein Juwel. Vollkommen zu Recht auch für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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Einige der besten Zeilen:

Hinter den spiegelnden Scheiben des Reisebusses ließen sich schemenhaft die Gesichter zahlreicher Touristen ausmachen, die teils blass und mit offenem Mund auf die Szenerie starrten, teil ihre Gesichter an die Scheibe drängten und möglichst viel des Schlamassels auf ihre Speicherkarten zu bannen versuchten, damit sich die Geschichte daheim illustrieren ließ.

Ich hatte es mir zum Grundsatz gemacht, undurchsichtige Dinge, die kaum zu verstehen waren und die außerhalb meiner Reichweite lagen, als Anlass zur Sorge auszuschließen, und damit bin ich bis zum heutigen Tag gut gefahren.

Nur weil man etwas erlebt hatte, hiess es noch lange nicht, dass man wusste, was es bedeutete.

Quicky, der sich mittlerweile aller Kleidung, bis auf eine knittrige Chino, entledigt hatte und breitbeinig auf einer Sonnenliege ruhte, reagierte gelassen, schleuderte sein nutzloses gewordenes Telefon mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk in das irisierende Blau des Schwimmbeckens, wo es für das erste Blutvergießen an jenem Tag sorgte, als es nämlich nicht einfach wie ein Stein versank, sondern, seiner flachen Form geschuldet, drei, vier Mal auf der Wasseroberfläche lustig aufhüpfte und schlussendlich der schwimmenden Leiterin einer privaten Kinderkrippe, die bis zu jenem Moment ein bisschen wie Romy Schneider ausgesehen hatte, die Vorderzähne ausschlug.

Roman Libbertz

Er ist wieder da. Und das mit den Juden bleibt nicht witzig.

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Es war irgendwie klar, dass irgendeiner so ein Buch schreiben wird. Der Führer und die Gegenwart. Was ein Szenario. Wie nahe liegend. Der Führer im hippen Berlin von Heute, zwischen Medienwahnsinn, politischer Groteske und den einfachen Menschen, den Volksgenossen und Genossinnen, die ihm zuerst einmal mit Argwohn, Verwirrung („Sind sie von Raab?“) und Empörung begegnen (wer will es ihnen verdenken), ihn aber schnell zum Comedystar hochjubeln (wer will es ihnen verdenken).

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Warum Hitler im Berlin des Jahres 2011 nach Benzin riechend und mit Erde am Beinkleid erwacht, warum er nicht einfach tot geblieben ist und warum dies eine Art Einzelschicksal („Wo ist Bormann?“) zu scheint, überlässt der Autor gekonnt des Lesers eigener Erklärungsnot. Hier wird nicht groß konstruiert, hier wird erzählt. Und das ist erst einmal ganz gut. Die ersten Lacher lassen demzufolge nicht lange auf sich warten („Hitlerjunge Ronaldo, wo gehts zur Straße?“) und Autor  Timur Vermes lässt keine Kalauer und Seitenhiebe aus, um die Bundesrepublik der Gegenwart als einen Ort zu beschreiben, in dem es von grotesken Berühmtheiten, unfähigen Politikern, und unzufriedenen Volksgenossen nur so wimmelt. Jeder bekommt sein Fett weg, egal ob Kriegshelden wie Paulus, Ministerpraktikanten wie die Luschen von der FDP, Fernsehfritzen und Medienheinis, Kretins und Asiaten und natürlich alle Feinde des deutschen Volkes bzw. der deutschen Rasse, die Juden, die Türken, die Bolschewiken und all die anderen. Und der Judenfuchs auch. Und die die Geschicke der Nation lenkende Matrone.

Natürlich ist es ganz groß, wenn sich der Führer in der heruntergekommenen Parteizentrale der NPD den völlig derangierten Holger Apfel vorknöpft und hinterher der versammelten Presse erklärt, dass dies keine Partei sei, in der ein aufrechter Deutscher Mitglied sein sollte. Oder wie er, respektlos wie der selbst-erklärte größte Feldherr und Führer nun mal sein darf, das deutsche Moral-Orakel Helmut Schmidt als rollenden Schwelbrand ohne jegliche historisch-relevanten Leistungen entlarvt bzw. diffamiert (suchen sie sich es aus) und die auf gegenseitige Beschäftigung und Vernichtung von Juden und Moslems angelegte Gründung des Staates Israels als taktisch nicht unkluges Machwerk bejubelt, das alles ist in seiner Deftigkeit humorig, gar witzig. Und mit Sicherheit trifft „Er ist wieder da“ auch den sarrazenischen Zeitgeist der gesellschaftlichen Grauzone, nur wird es da leider zuweilen nun einmal kritisch, denn „das mit den Juden ist nicht witzig“, wie der Führer selbst des öfteren anmerkt und wie in aktuellen Diskuren wie dem um jJkob Augstein auch immer wieder deutlich wird. Natürlich ist dieses Buch schändlicher als alle Sarrazins, Pastörs, Freiwild-Fans und Mitglieder des nationalem Kampfverbandes sächsische Schweiz zusammen, doch das ist vielleicht ganz gut so: Fortschritt lebt von Übertreibung.

Gegen Ende geht Vermes dann leider die Luft aus. Lieblos entlässt er den Führer in die Mitte der Gesellschaft. Erst wird er Comedystar und dann, nachdem zwei real-extierende Volksgenossen aus der braunen Szene ihn übelst zusammenschlagen, zur Gallionsfigur gegen rechte Gewalt und Rechtsradikalismus. Das entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik, doch Vermes verpasst hier auch die Chance, den historischen Fakten in ihrer Grausamkeit gerecht zu werden. Gerecht ist das Buch jedoch was die Preisgestaltung angeht, denn 19,33 € deuten darauf hin, dass hier genau kalkuliert wurde. Vielleicht wie beim ganzen Buch.

„Ich bin wieder da“, Timur Vermes, Eichborn Verlag, 19,33 €
Elmar Bracht

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